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Dissertation: Bezugspunkt Gesellschaft

Botton-Up und Top-Down in der Maslowschen Bedürfnispyramide

 

Etwas, das für mich immer wieder mal Anlass zur Verwunderung gibt, ist die Maslowsche Bedürfnispyramide. Diese hierarchische Reihung menschlicher Bedürfnisse wurde vom amerikanischen Psychologen Abraham Maslow (1908-1970) 1943 in seinem Aufsatz „A Theory of Human Motivation“ (http://psychclassics.yorku.ca/Maslow/motivation.htm?guid=on) vorgestellt. Diese Bedürfnispyramide nimmt in der deutschsprachigen Version gewöhnlich folgende Gestalt an:

Selbstverwirklichung
Soziale Anerkennung
Soziale Beziehungen
Sicherheit
Grundbedürfnisse

Diese Bedürfnisse werden in der Gestalt einer Pyramide dargestellt, was zum Ausdruck bringen soll, dass ein ranghöheres Bedürfnis erst dann entstehen kann, wenn die darunter liegenden Bedürfnisse bereits befriedigt sind. Mit dieser Grundidee wird die Maslowsche Bedürfnispyramide gewöhnlich im Marketing angewendet, also z.B.: Frau Bossi möchte eine Pizzasauce vermarkten, die mit Lebensmittelfarbe pink gefärbt ist. Sie stellt fest, dass Bossis PinkSauce nicht in erster Linie die menschlichen Grundbedürfnisse (nach Nahrung) befriedigt; auch das Bedürfnis nach Sicherheit befriedigt sie nicht. Also wird sie wohl das Bedürfnis auf Stufe drei nach sozialen Beziehungen (man geht mit Freunden gemeinsam Pizza essen) und auf Stufe 4 nach sozialer Anerkennung (Herr Maier wird von seinem Umfeld als Trendsetter bewundert, weil er schon eine PinkPizza gegessen hat) erfüllen. Das Ergebnis dieser Analyse, die aus meiner Sicht eigentlich nur zeigt, dass dieses Produkt keinen Nutzen hat, ist, dass man mehr Geld dafür verlangen kann, denn da man einen Kundenkreis ansprechen wird, der seine Bedürfnisse auf Stufe 1 und 2 schon befriedigt hat, wird es sich dabei wohl um Menschen handeln, die mehr Geld im Portemonnaie haben (Vgl.: http://www.easybusiness.at/Material/pdf/Leseprobe_StufeBT1.pdf)

Das Erste, was mich bei der Maslowschen Bedürfnispyramide immer schon gewundert hat, seitdem ich sie kenne, ist, dass sexuelle Bedürfnisse ganz unten bei den Grundbedürfnissen eingeordnet werden. Dabei kann man diese doch wohl oft erst erfüllen, wenn man soziale Beziehungen hat (und diese bekommt man oft erst, wenn man soziale Anerkennung erreicht hat). Also alles verkehrt herum? Aber wie dem auch sei: Jedenfalls ist die Sexualität ein Hunger, der dauerhaft ungestillt bleiben kann. Ein jeder Priester, der im Zölibat lebt, beweist das; ich vermute aber, dass noch viel mehr Menschen ohne Sex leben, als man das gewöhnlich annehmen würde. Andererseits, wenn man natürlich beobachtet, wie viel die Menschen zu tun bereit sind, um ihre sexuellen Bedürfnisse zu befriedigen, dann könnte man wiederum annehmen, dass Abraham Maslow ganz und gar Recht hatte. Denn da beobachtet man ja wirklich, wie die Leute am Wochenende in großen Zahlen aus dem Haus laufen und die gesamte Gastronomie mit Geld versorgen, um möglicherweise einen Sexualpartner kennen zu lernen und sich dann bisweilen auch noch in sexuelle Abenteuer zu stürzen, welche das menschliche Bedürfnis zweiter Stufe nach Sicherheit in der Gestalt körperlicher Gesundheit gefährden.

Das Zweite, das mich an dieser Bedürfnispyramide immer schon gewundert hat, ist, dass das Bedürfnis nach Selbstverwirklichung in der Praxis eigentlich nie vorkommt. Denjenigen Leuten, die die Maslowsche Bedürfnispyramide verwenden, scheint sie eigentlich immer dazu zu dienen, um den Menschen nach unten hin „abzuerklären“ (vielleicht so ähnlich wie man einen Betrag „abzinsen“ kann). Also sie verwenden sie dann, wenn vom menschlichen Bedürfnis nach Selbstverwirklichung die Rede ist, um mit ihr zu sagen: „Und – was ist mit den Bedürfnissen auf den Stufen darunter? Solange diese nicht befriedigt sind, gibt es gar kein Bedürfnis nach Selbstverwirklichung!“ Insbesondere interessant ist in dieser Hinsicht, dass das Bedürfnis nach Selbstverwirklichung bei den Marketingleuten ja praktisch nie vorkommt – zumindest bin ich dem noch nicht begegnet. Es scheint sogar so zu sein, als ob man sich unter Selbstverwirklichung gar nichts Rechtes vorstellen könnte. Dazu kommt noch, dass Selbstverwirklichung etwas zu sein scheint, was das Individuum selbst durchführen kann, während alle übrigen Bedürfnisse von Werbung und Industrie befriedigt werden können. Das bedeutet, Marketing könnte auch außer in ganz wenigen Ausnahmefällen gar nicht höher steigen als bis zur Stufe der sozialen Anerkennung. Denn darüber hinausgehend könnte die Wirtschaft dem Menschen ja bloß Hilfsmittel anbieten, mit welchen er sich selbst verwirklichen kann. Aber was wäre denn das zum Beispiel: Künstlerbedarf? Schon möglich, nur lässt sich jetzt schon absehen, dass alle derartigen Hilfsmittel, von Pinsel und Farbe angefangen, über Fotoapparate und hin bis zu Musikinstrumenten sich auch leicht auf den Stufen 3 und 4 – also Streben nach sozialen Beziehungen und nach sozialer Anerkennung –einordnen lassen. Mit einem Wort: Die Selbstverwirklichung brauchen wir nicht wirklich, sie erscheint überflüssig.

Dabei genügt es, ein wenig in den Wikipedia-Artikeln über Abraham Maslow und seine Bedürfnispyramide zu lesen, um zu sehen, dass das so von ihm nicht gemeint gewesen sein kann. Maslows Idee war es, nicht psychisch kranke, sondern gesunde Menschen zu untersuchen, um eine Psychologie des gesunden Menschen zu entwerfen. Und um die psychische Gesundheit des Menschen zu verstehen, hat er Menschen beobachtet, die er für besonders gesund hielt, das waren solche, die sich in besonderem Ausmaß selbst realisierten. Die englische Wikipedia-Seite erwähnt hier insbesondere die Anthropologin Ruth Benedict und den Psychologen Max Wertheimer, denen Maslow in New York begegnet ist und die er sehr bewundert haben soll. Abraham Maslows Idee scheint also ganz im Gegensatz zum heute verbreiteten Verständnis seiner Bedürfnispyramide darin gelegen zu haben, dass er meinte, ein jeder Mensch sollte, um psychische Gesundheit und persönliches Glück zu erreichen, möglichst sein gesamtes Potential verwirklichen, also er sollte auch die höchste Stufe erklimmen und sich selbst verwirklichen.

Auch mir selbst war das immer schon so erschienen, wenn ich die Maslowsche Bedürfnispyramide betrachtete, nur hatte ich dabei immer das Gefühl, sie gegen den Strich zu lesen. Meine eigene Einsicht bezüglich der menschlichen Bedürfnisse hätte ich so zusammengefasst: Ohne Selbstverwirklichung ist alles nichts! Denn was ist schon die Befriedigung der Grundbedürfnisse? Will man am Ende seines Lebens vielleicht zu sich sagen können: „Ich habe in meinem Leben gut gegessen?“ Auch Gesundheit ist ein grundlegender Wert, denn ohne Gesundheit ist alles nichts. Aber hat man nur Gesundheit und sonst nichts, dann kann man seine Gesundheit doch auch nur in den Schmutz treten und sie zerstören, weil man unglücklich ist. Und was die Erfüllung sexueller Bedürfnisse betrifft: Diese können einem zu einem starken Glücksgefühl verhelfen, aber wiederum ist die Frage: Und was ist, wenn man zurücktritt und sein Leben aus einer größeren Perspektive betrachtet? Will man dann sagen können: Zumindest habe ich in meinem Leben Sex gehabt?

Ohne Selbstverwirklichung ist also irgendwie alles nichts. Und dennoch scheinen die meisten Menschen anders zu leben, nämlich in einer Weise, so dass man meinen könnte, die Marketing-Lesart der Maslowschen Bedürfnispyramide, welche die Grundbedürfnisse der Reihe nach befriedigt und zur Selbstverwirklichung nie kommt, würde Recht über den Menschen behalten. Aus dieser Überlegung heraus lässt sich überhaupt vermuten, dass der große Erfolg der Maslowschen Bedürfnispyramide sich aus der paradoxen Möglichkeit heraus erklärt, dass man sie auf zwei Weisen lesen kann: von unten nach oben, so wie das heute die meisten tun, und von oben nach unten, so wie ich es tue und wie es aber offenbar auch Maslow tat! Abraham Maslow gilt ja auch als der Begründer der „Humanistischen Psychologie“, hätte er seine Bedürfnispyramide von unten nach oben gelesen, müsste er wohl eher als der Begründer der „Animalischen Psychologie“ gelten.

Doch genau wegen dieser Doppeldeutigkeit der Maslowschen Bedürfnispyramide stellt sich die Frage, wie denn der Mensch wirklich ist? Spielt die Selbstverwirklichung bei ihm eine Rolle oder spielt sie keine Rolle? Schien mir bislang die Maslowsche Bedürfnispyramide eine definitive Aussage über das Wesen des Menschen anzubieten, nämlich die, dass er seine Bedürfnisse der niedrigeren Stufen befriedigt und bis zur Selbstverwirklichung überhaupt nie kommt, so wurde ich jetzt zwar über die theoretischen Intentionen Maslows eines Besseren belehrt, aber die Frage ist ja dennoch, ob die Marketingmenschen mit ihrer verdrehten Auffassung der Maslowschen Bedürfnispyramide nicht doch Recht behalten?

In dem Fall hätte ich gesagt: Zur Einsicht und zur Wesensart eines philosophischen Menschen (im Gegensatz zu allen übrigen Menschen) gehört es, dass der Mensch ohne Selbstverwirklichung kein gutes Leben führen kann; wie aber die übrigen Menschen leben können, das verstehe ich schlicht nicht.

Nun ist es aber so, dass mir diese Einsicht selbst unter Menschen, die sich für Philosophie begeistern können, nicht allgemein geteilt zu werden scheint. Ich halte sie dennoch für richtig, wundere mich aber nun darüber, wie es möglich ist, dass manche Menschen als Ziel des Philosophierens die Auffindung von objektiven und allgemein verbindlichen Wahrheiten ansetzen und in ihr nicht das sehen, was sie ist: eine Bedürfnisbefriedigung, etwas, das man unternimmt, damit es einem besser geht (grundsätzlich in einem nichttherapeutischen Sinne; manchmal möglicherweise aber auch in einem therapeutischen), etwas daher auch, bei dem es um nichts anderes und um nicht mehr geht als um Gefühle: Philosophieren tut man, um sich vollständig zu realisieren und deshalb, um sich besser zu fühlen als man sich ohne Philosophieren fühlen würde.

Wie kommt es, das Menschen, die philosophieren oder auch, allgemeiner gesprochen, Menschen, die sich selbstverwirklichen, die Tendenz haben, den Menschen nach unten „abzuerklären“? Ein lustiges Beispiel dafür habe ich jetzt vor kurzem in der Literaturtheorie gefunden. Um zu erklären, warum Menschen literarische Kunstwerke schaffen, erklärt Hans-Dieter Gelfert in seinem Buch: Was ist gute Literatur? Wie man gute Bücher von schlechten unterscheidet. (C.H. Beck, München 2004) die Ursachen der Entstehung von Kunst so:

Warum gibt es überhaupt Kunst?
Was bringt Menschen dazu, Gegenstände herzustellen und Handlungen auszuführen, die außer der Erzeugung von Wahrnehmungslust keinen praktischen Nutzen haben? Geht man weit genug in der Menschheitsgeschichte zurück, wird man auf zwei Wurzeln der Kunst stoßen. Die eine ist das angeborene Schmuckbedürfnis, das sich bereits im Tierreich beobachten lässt. Lange Zeit hatte es beim Menschen zweifellos den gleichen Zweck, nämlich die Erhöhung der eigenen Attraktivität bei der Werbung um den Sexualpartner.“
(S. 15)


Also jemand, der sich selbst intensiv mit Literatur auseinandersetzt und von daher eigentlich wissen müsste, warum er sich mit Literatur gerne auseinandersetzt (er bräuchte ja nur in sich selbst hineinschauen und sich danach fragen), setzt als Erklärung für die Schaffung und die Attraktivität von Kunst die Werbung um den Sexualpartner an, er nimmt also Bezug auf die Stufen 1 und 3 der Maslowschen Bedürfnispyramide. Vielleicht ist der Grund dafür, warum er das tut, auch im Wesen wissenschaftlicher Erklärungen zu suchen: Hier versucht man ja immer etwas weniger Greifbares durch etwas Greifbareres zu erklären, etwas Entfernteres und Prekäreres durch etwas Näherliegenderes und Festeres. Das Resultat ist: Man erklärt Kunst oder Selbstverwirklichung durch Sex (weil „Sex sells“, wie man in der Werbung sagt). Wobei dazuzusagen ist, dass das ja auch sicher nicht falsch ist: Kunst im Besonderen und Ästhetisierung haben immer schon und heute immer noch die Funktion erfüllt, sich für einen möglichen Sexualpartner attraktiver zu machen. Das Problem ist nur, dass diese Erklärung auch nicht immer richtig ist: So kann Kunst oder auch Literatur beispielsweise in der Situation Verwendung finden, wenn kein möglicher Sexualpartner in Sicht ist und einem langweilig ist, um sich mit ihr die Zeit zu vertreiben. Dennoch setzt Hans-Dieter Gelfert seine Erklärung der Kunst unter besonderer Berücksichtigung der unteren Stufen der Maslowschen Bedürfnispyramide und unter besonderer Ausklammerung der oberen Stufen fort:

„Bis heute macht Verschönerung der eigenen Person, der Speisetafel, der Wohnung, des Gartens und des weiteren Lebensraums den größten Teil unserer ästhetischen Bemühungen aus. Hier haben wir es mit einer Sphäre zu tun, die den Wurzelboden der Kunst abgibt, obwohl die zugrunde liegenden Erzeugnisse und Handlungen zweckorientierten Gebrauchswert haben, auf dem der Selbstzweck des Kunsthaften sich sekundär wie eine Orchidee auf einem Baum gewickelt hat.“ (S. 16)

Die Frage ist nun nicht, ob das stimmt. Nein, es wird schon stimmen. Die Frage ist nur, ob man auf diese Weise das herausbekommt, was Kunst eigentlich ausmacht? Oder ob man durch diese Erklärungsweise nicht dasjenige herausbringt, was solche Menschen, die eigentlich für Kunst nichts übrig haben, trotzdem mit Kunst verbindet, sodass man ihnen das eine oder andere Kunstwerk „verkaufen“ kann, wenn es nur die menschlichen Bedürfnisse auf diesen unteren Stufen der Maslowschen Bedürfnispyramide erfüllen kann?

„Die zweite Wurzel der Kunst beruht auf der Erfahrung der Menschen, dass sich die Wirkung ästhetischer Reize verallgemeinern lässt. Wenn man durch sie den Sexualpartner gewinnen kann, weshalb sollte es dann nicht möglich sein, auch andere Wesen wie z.B. die Naturkräfte für sich einzunehmen? Selbst primitivste Naturvölker schufen Gegenstände und Rituale, die dem Zwecke dienten, sich die guten Geister geneigt zu machen und die bösen zu beschwichtigen. Folglich waren auch die kultischen Objekte anfangs zweckorientiert.“ (S. 16, gleich anschließend)

Am Ende dieser historischen Herleitung der Ursachen für das Kunstschaffen, von der man nicht weiß, welchen Zweck sie eigentlich haben soll – will sie die historische Wahrheit über die Entstehung der Kunst zum Ausdruck bringen oder will sie etwas allgemein über das Wesen des Menschen sagen (oder will sie sogar beides in einem)? – überträgt Gelfert das Gesagte noch auf die Dichtkunst, die im Großen und Ganzen dieselben Ursachen zu haben scheint:

„Was die Dichtkunst betrifft, so müssen die Menschen schon bald nach der Entwicklung einer ausdrucksfähigen Sprache gemerkt haben, dass man mit rhetorischer Verfeinerung andere Menschen beeindrucken kann. Es entstand das Amt des Sängers bei Häuptlingen und Fürsten, dessen Aufgabe darin bestand, die Taten seines Herrn in schmuckreicher Sprache zu rühmen und der Nachwelt zu überliefern. Wenn aber solche Sprache den mächtigen Häuptling beeindruckte, dann durfte man annehmen, dass sie auch auf Dämonen und Götter wirkte.“ (S. 17)

Ein boshafter Gedanke dazu: Besteht das Wesen eines populärwissenschaftlichen Buchs (wie dem von Gelfert) vielleicht darin, dass man den Menschen die Dinge aus dem heraus erklärt, was sie schon kennen, um es ihnen auf diese Weise zu ersparen, eine neue Erfahrung zu machen? (Dabei besteht Kunst oder auch Philosophie wesentlich in dieser neuen, zusätzlichen Erfahrung und lässt sich nicht völlig aus dem Streben nach sexueller Befriedigung oder nach Ansehen bei den Mitmenschen erklären, obwohl diese Faktoren in der Realität gewiss immer auch eine Rolle spielen oder gespielt haben.) Dabei bin ich übrigens gar nicht der Ansicht, dass Selbstverwirklichung eine besonders elitäre Erfahrung wäre, die einfachen Menschen nicht zugänglich ist, im Gegenteil: Ich würde eher vermuten, dass sie beinahe einem jeden Menschen zugänglich ist, der nach ihr strebt, aber es sieht eher so aus, als würden sich die meisten Menschen vor ihr sogar verteidigen: im Wesentlichen dadurch, dass sie sich in der Befriedigung der Bedürfnisse der unteren Stufen der Maslowschen Pyramide so gut einrichten, dass sie möglichst gar kein Bedürfnis mehr nach etwas darüber Hinausgehendes empfinden. Das hängt auch damit zusammen, dass die Erfüllung der Bedürfnisse der unteren Stufen allein schon eine unendliche Aufgabe ist: Mit Versuchen, bei seinen Mitmenschen Eindruck zu schinden und ihre Anerkennung zu gewinnen, kann man beispielsweise sein ganzes Leben zubringen, ohne je an ein Ende zu gelangen.

Nun gut, Hans-Dieter Gelferts Erklärung des Ursprungs von Kunst und Literatur rechne ich eher zu den Kuriositäten. Es wird wohl nicht wirklich wer glauben, dass der Sinn von Kunst gut mit deren Hilfestellung bei der Werbung um einen Sexualpartner erklärt ist, noch dazu, weil Kunst und Literatur ja vor allem für denjenigen Menschen eine Hilfe zur Lebensgestaltung sein können, dessen Äußeres nicht attraktiv genug ist, um einen Sexualpartner zu finden. Denn wenn man nicht so aussieht, wie man aussehen soll, dann wird auch die Kunst nicht ausreichen, um einen attraktiver zu machen. Im Gegenteil, man wird Zeit genug haben, sich mit Kunst oder etwas anderem zu beschäftigen.

Aber das Kuriose an der Maslowschen Bedürfnispyramide (von unten gelesen, also den Menschen auf seine Bedürfnisse der niedrigeren Stufen „aberklärt“) ist, dass sie stimmt und gleichzeitig nicht stimmt. Sie stimmt daraufhin besehen, wie sich die Menschen tatsächlich verhalten, aber sie stimmt nicht daraufhin besehen, wie der Mensch eigentlich ist (oder eigentlich wäre, wenn er es erkennen würde). Diejenigen, die erkennen, dass im Leben letztendlich keine Befriedigung zu erreichen ist ohne Selbstverwirklichung, nenne ich die philosophischen Gemüter, und diejenigen, die in der Bedürfnispyramide der Reihe nach vorgehen, so wie es ihnen die Marketinger vorschreiben, das sind die normalen Menschen.

Und paradoxerweise haben die Marketing-Fachleute Recht – und die philosophisch orientierten Menschen haben auch Recht, aber aus unterschiedlichen Blickwinkeln. Aus individueller und ethischer Sicht, also aus der Sicht der Lebensgestaltung, würde ich jedoch auf das Element der Lebensgestaltung nicht verzichten wollen, denn ob ich einen Sexualpartner finde, das hängt nicht von mir ab, sondern vom Willen meines eventuellen Sexualpartners. Ob ich soziale Zugehörigkeit erreiche, hängt ebenfalls nicht von mir ab, sondern von einer sozialen Gruppe, die mich akzeptiert oder auch nicht. Im Bereich der sozialen Anerkennung treten wir vollends in den Bereich des Absurden ein, denn ob ich einen hohen gesellschaftlichen Status und die Bewunderung meiner Mitmenschen erringen kann, das hängt von vielen Moden ab, denen ich zufälligerweise entsprechen kann oder deren Anforderungen ich nicht erfüllen kann. Das Einzige, das ich ein bisschen in der Hand habe (neben den Bedürfnissen nach Nahrung und Wohnung, deren Erfüllung in einem reichen Land der westlichen Welt meistens möglich sein sollte), ist Selbstverwirklichung, wenn ich nur ein wenig Freizeit habe.

6. März 2010


© helmut hofbauer 2010