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Helmut Hofbauer:

Überleben unter Menschen. Weiterleben mit der Restpersönlichkeit.

Ein philosophischer Roman in Aphorismenform.
tredition, Hamburg 2017. 232 Seiten. 22,9 €

Inhalt:

Karl Wandel, der Protagonist des Romans, befindet sich im 45. Lebensjahr. Im Laufe seines bisherigen Lebens sind ihm von seinen Mitmenschen (Schule, Sexualität, Universität und Berufsleben) bereits große Teile seiner Persönlichkeit zerstört worden. Indem Karl Wandel seine Meinungen zu Themen aus verschiedenen Lebensbereichen äußert, versucht er, einen Ausgangspunkt für das weitere Leben mit der ihm verbliebenen Restpersönlichkeit zu gewinnen.

Philosophischer Inhalt:

Es geht in Überleben unter Menschen um das Thema des Selberdenkens. Mit „Überleben“ ist auch das eigene Geistesleben gemeint, das von der Gesellschaft als Spleen oder Kraprizze verneint wird. Stirbt das eigene Geistesleben unter dem gesellschaftlichen Anpassungsdruck, verstummt der Mensch zuerst, dann lässt er sich gehen und schließlich baut er geistig und körperlich ab und wird zu einem Pflegefall im Rollstuhl.

Das Selberdenken ist ein besonders schwieriges Thema, weil ihm mehrere Hindernisse entgegenstehen:

Hindernisse, die dem Selberdenken entgegenstehen

  1. Erstens trainieren wir von klein auf das gerade Gegenteil vom Selberdenken, nämlich das selbstlose Denken. Beim selbstlosen Denken denkt der Mensch so, als wäre er es nicht selber, der denkt- er entselbstet sich also. Und er nimmt auch keinen Standpunkt ein, sondern er nimmt den Standpunkt von nirgendwo ein („the view from nowhere“ (siehe: Thomas Nagel)). Sinnbild des selbstlosen Denkens ist das Verbot des Worts „ich“ in wissenschaftlichen Arbeiten und Seminararbeiten. Durch dieses Verbot lernen StudentInnen an der Universität, dass sie nicht selbst denken dürfen, wenn sie eine Seminararbeit verfassen. Daraus folgt, dass wir, wenn wir mal selber denken wollten, damit aufhören müssten, so zu denken, wie wir üblicherweise denken und das gerade Gegenteil davon machen müssten.
  2. Zweitens ist die vorherrschende Meinung in unserer Gesellschaft die, dass das Selberdenken auch tatsächlich falsch ist, dass es schlechtes Denken ist und auf keinen Fall zu wahren Einsichten führen kann. Man macht dem Selberdenken den Vorwurf, dass es nicht sachlich sei, sondern subjektiv und emotional. So dürfe man nicht denken, besagt die allgemeine Überzeugung, und das ist auch der eigentliche Grund, warum wir uns alle so heftig ums selbstlose Denken bemühen.
  3. Das dritte Hindernis, das dem Selberdenken entgegensteht, ist das, dass Selberdenken nicht von allgemeinem Interesse ist. Aber wie könnte es das auch sein? Wenn ich selber denke, dann denke ich doch nur dann richtig, wenn ich vom eigenen Standpunkt aus denke (also vom „Standpunkt von hier und jetzt“ im Gegensatz zum „Standpunkt von nirgendwo“, dem Standpunkt der objektiven Wahrheit) und wenn ich für meine eigenen Zwecke denke. Na, und jetzt sage mir: Wie könnte das Selbstgedachtes die Allgemeinheit interessieren? Das ist ein Widerspruch in sich: Selbstgedachtes ist nicht für die Öffentlichkeit gemacht!
  4. Viertens halten sich ausgerechnet diejenigen Leute, die selbstlos denken (die also selbstentleert objektiv und sachlich denken), selbst für Selberdenker. Sie meinen wohl, Selberdenken meine, über ein Problem, das andere Menschen einem aufgegeben haben, selbst nachzudenken. Aber das ist natürlich Unsinn: Wer wie ein dressiertes Zirkusäffchen, reflexartig damit beginnt, Probleme, die einem vorgelegt werden, zu lösen, beweist nicht, dass er denkt, sondern nur, dass er nicht darüber nachdenkt, was er tut. An fremden Problemen zu arbeiten ist ein Beleg für unreflektiertes Handeln; dennoch ist es genau diese Verhaltensweise, die wir schon in der Schule einüben – wenn uns der Matheprof ein Zahlrätsel vorlegt und uns auffordert, es durch Nachdenken zu lösen – bis sie uns in Fleisch und Blut übergeht.

Konfusion rund ums Thema Selberdenken

Die Tatsache, dass ausgerechnet die Selbstlos-Denker sich selbst für Selberdenker halten, macht natürlich die Konfusion komplett und erschwert das Reden über das Selberdenken noch mehr, weil niemand sich mehr auskennt. Ich würde es Ihnen jedenfalls nicht verübeln, wenn Sie sich nicht mehr auskennen. Aber stellen Sie sich mal folgende Frage: Ein Wissenschaftler denkt nach, um einen Beitrag zu seinem wissenschaftlichen Fach zu leisten; nicht aber um einen Beitrag zu seinem eigenen Denken oder zum Denken irgendeines anderen konkreten Menschen zu leisten. Ist ein Wissenschaftler also ein Selberdenker oder ist er nicht eher ein fremdgesteuerter Denker?

Zusammenfassend

Übers Selberdenken zu schreiben ist schwer, weil

  • Wir das Selberdenken für falsch halten;
  • Wir meinen, dass wir es ohnehin tun;
  • Aber gleichzeitig permanent bemüht sind, selbstlos und selbstentleert zu denken
  • Und wir meinen, dass selbstgedachte Gedanken niemanden interessieren.

Daraus folgt, dass das Unterfangen, übers Selberdenken zu schreiben, von vornherein völlig aussichtslos ist: Es kann nicht verstanden werden und wird nur höchstens zu Missverständnissen führen, weil wir heute einfach keine Vorstellung (mehr) davon haben, was Selberdenken überhaupt ist oder sein könnte.

Die Aufforderung „Denk selber“ wirkt paradox

Herkömmlich meint man, diesem Problem damit begegnen zu können, indem man den anderen Menschen einfach auffordert: „Denk selber!“ – und ihm ein Beispiel dafür zeigt, wie jemand anderer selbst gedacht hat. Aber diese Methode funktioniert nicht, weil sie paradox wirkt: Wenn man der Aufforderung, selbst zu denken, folgt, denkt man nicht selbstständig, sondern unselbstständig – schließlich folgt man einer Aufforderung.

Die Philosophie als Schule zum Unselbstständigen Denken

Traurige Folgen hat diese Unterrichtsmethode in der Philosophie, die den Menschen als Schule fürs Selberdenken angepriesen wird und kaum geht man zwei Schritte in die Philosophie hinein, bemerkt man wie alle nur noch damit beschäftigt sind herauszuarbeiten, was dieser oder jene (zumeist tote) Philosoph wirklich gemeint haben könnte und niemand bringt mehr zu Ausdruck, was er/sie selber über die Angelegenheit, die Gegenstand der Diskussion ist, denkt.

(Ich habe überhaupt mittlerweile das Gefühl: Von der Philosophie fühlen sich in erster Linie Menschen angezogen, die passiv bleiben und selbst nicht denken wollen. Was sie anstatt dessen suchen, ist, dass das hohe Prestige der Philosophie auf sie abstrahlt und man meint, sie wären intelligent, wenn sie den Gedanken weiser Philosophen, verlautbart durch den Mund ihrer beredten Interpreten, stumm lauschen. Aber wenn man selber nachdächte, gell, da würde man sich ja bloß blamieren, weil die anerkannten Philosophen das umso viel besser können als wir Normalsterbliche!)

Ganz von vorn anfangen

Da die Situation so vertrackt ist, sehe ich den einzigen Ausweg darin, dass man zurückgeht und noch einmal ganz am Anfang anfängt, um über das Selberdenken nachzudenken. Der Anfang, den ich in meinem Buch Überleben unter Menschen gewählt habe, lautet: Ein Gedanke ist immer der Gedanke eines Menschen.

Das Gegenteil vom Gedanken, der der Gedanke eines Menschen ist, ist der freistehende Gedanke. Das Modell des freistehenden Gedanken haben wir in der Wissenschaft und allen von ihr beeinflussten Bereichen wie Schule, Universität, Beruf, Öffentlichkeit etc. gewählt. Das Modell des freistehenden Gedankens besagt: Bei einem Gedanken braucht man sich nur darum zu kümmern, ob er selbst wahr oder unwahr ist; das impliziert, dass man einen Gedanken verstehen und beurteilen kann, ohne den Menschen zu berücksichtigen, der ihn zum Ausdruck gebracht hat.

(Ich vermute, dass aus dieser Grundüberzeugung die Grausamkeit resultiert, mit der man vor allem an der Universität gegen die Lernbedürfnisse der Studierenden vorgeht: Aus der Einstellung, dass alle Gedanken freistehende Gedanken sind, folgt nämlich, dass es nur um die Wahrheit gehen kann, nicht aber um den (lernenden) Menschen. Den Anhängern der objektiven Wahrheit fehlt die Vorstellung davon, dass es so etwas wie das Geistesleben eines Menschen geben könnte und dass dieses individuelle Geistesleben durch die allzu rüde Behandlung durch andere Menschen Schaden nehmen kann.)

Weiterleben mit der Restpersönlichkeit

Aus diesem Grund trägt mein Buch übrigens auch den Untertitel: „Weiterleben mit der Restpersönlichkeit“: Es handelt von einem Menschen, in dem durch seine Erfahrungen in Schule und Universität, im Bereich Sexualität und Familie sowie im Berufsleben schon viel kaputtgemacht worden ist. Die Persönlichkeit eines Menschen schrumpft gewöhnlich dadurch, dass sie verletzt und entmutigt wird. Schließlich zieht sie sich zurück und möchte sich mit vielen Dingen überhaupt nicht mehr auseinandersetzen. Karl Wandel möchte nur noch an einem schönen Tag in der Sonne oder an einem schattigen Platz sitzen dürfen und in Ruhe gelassen werden; mehr will er nicht mehr vom Leben.

Aber eines möchte er noch: selber denken. Deshalb bringt er seine Gedanken zum Ausdruck. Auch wenn sie niemand hören will. Er ist der Meinung, dass die Gesellschaft in ihrem Kampf gegen ihn gewonnen haben wird, sobald er endgültig verstummt. Dann hätte die Gesellschaft ihn dort, wo sie ihn haben will. Dann wäre er ein gutes Mitglied der Gesellschaft, weil jemand, der kuscht, nicht politisch inkorrekt ist.

Einen Gedanken als den Gedanken eines Menschen auffassen

Daraus, dass man versucht, einen Gedanken als den Gedanken eines Menschen aufzufassen, folgt im Grunde schon alles. Friedrich Nietzsche hat das sehr schön zum Ausdruck gebracht, indem er einmal notierte, er wünschte, dass man sich selbst ernst nähme. Es folgt daraus, dass ein Gedanke die Funktion hat, einem Menschen Orientierung zu verschaffen, und zwar bei einer Frage, die ihm in seinem eigenen Leben wichtig ist. Die menschliche Erkenntnis ist, im Ganzen betrachtet, eine Funktion unseres Lebens (siehe: José Ortega y Gasset): Wir streben nach Erkenntnis, um gut und noch besser zu leben. Wir sind hingegen nicht dafür gemacht, um nach der Wahrheit (an sich) zu streben.

In Überleben unter Menschen habe ich diesen Gedanken so umgesetzt, indem ich eine Figur, Karl Wandel geschaffen habe, die ihre Gedanken und Meinungen zum Ausdruck bringt. Die Idee ist, damit zu sagen, dass ein Gedanke kein Gedanke an sich ist, der einen Anspruch auf objektive Wahrheit erhebt, sondern der Gedanke einer konkreten Person, die ihre Gedanken dazu verwendet, um ihre bisherigen Erfahrungen einzuordnen und um besser durchs Leben zu kommen.

Die Auswahl der Themen als Problem

Aus dem Grundgedanken, dass ein Gedanke der Gedanke eines Menschen sein sollte, folgt natürlich auch, dass es beim Selberdenken darum geht, solche Themen und Fragestellungen auszuwählen, die einen persönlich weiterbringen. Welche das für die LeserInnen sind, kann ich natürlich nicht abschätzen, da wir alle verschieden sind. Ein alter Banker wird aber andere Wünsche und Bedürfnisse haben als eine junge Ballerina. Aus diesem Bild folgt bereits etwas ganz Essenzielles: Wichtiger ist beim Selberdenken dasjenige, was uns unterscheidet, als das, was für uns alle gilt: Wenn der alte Banker und die junge Ballerina dasjenige tun, was alle Menschen tun sollen, wird keine(r) von beiden damit eine Freude haben, noch wird es ihn (sie) weiterbringen. (Das ist etwas, das die Ethik, die ja bislang allgemeingültige Regeln für menschliches Handeln sucht, noch nicht begriffen hat.) Das ist auch der Grund, warum Überlegungen, die das Allgemeingültige in den Vordergrund stellen, uns oft so fad und inhaltsleer erscheinen: Das Allgemeingültige ist oft das, was uns gerade nicht interessiert, wenn wir uns selbst orientieren wollen.

Einzelmenschliches Erkenntnisinteresse und Gruppeninteressen

Und auch dasjenige, was „von allgemeinem Interesse“ ist, interessiert uns ja in Wirklichkeit gar nicht. Das glauben wir nur, weil es in seinem Namen steckt, dass es möglichst viele Menschen interessieren sollte. In Wirklichkeit sind es zumeist gesellschaftliche Gruppen, die bestätigen, dass etwas von allgemeinem Interesse ist. Das bedeutet auch: Dasjenige, was wir für „von allgemeinem Interesse“ halten, befriedigt in Wirklichkeit nur bestimmte gesellschaftliche Gruppen, die danach streben, größeren Einfluss in der Gesellschaft zu erhalten; und das Von-allgemeinem-Interesse-Sein besagt letztlich nichts anderes, als dass eine bestimmte Gruppe in der Gesellschaft wichtig ist – jene Gruppe nämlich, die sich dasjenige, was da von allgemeinem Interesse sein soll, auf die Fahnen geschrieben hat.

Das meiste uns angebotene Wissen ist für den Einzelmenschen nutzlos

Die Themenwahl meines Protagonisten Karl Wandel ist stark von der Einsicht geleitet, dass das meiste Wissen, das uns in unserer Gesellschaft (etwa in Gestalt von Büchern oder auf dem Bildungsmarkt) angeboten wird, Gruppenwissen ist und kein Einzelmenschenwissen. Das bedeutet, der Einzelmensch lernt daraus, was diese Gruppe will, welche Einstellung er annehmen muss, um ein Mitglied dieser besonderen Gruppe zu werden und welche Parolen er nachsprechen bzw. welche Glaubenssätze er zum Ausdruck bringen muss, um den Einfluss dieser Gruppe in der Gesellschaft zu verstärken. Aber er lernt nichts für sein eigenes Leben, denn dieses Wissen ist nicht für den Einzelmenschen gemacht: Bei dem meisten Wissen, das heute vermittelt wird, macht sich niemand darüber Gedanken, ob es ein einzelner Mensch brauchen könnte.

Mit anderen Worten: Es ist das die Einsicht, dass der einzelne Mensch sich geistig auf eigene Beine stellen muss, um etwas zu lernen, das ihn persönlich weiterbringt. Bloßes Lesen und passives Aufnehmen dessen, was Andere uns sagen, reicht nicht aus, da die meisten Bücher und Fortbildungskurse gar kein Wissen enthalten, das für uns und unsere Zwecke gemacht ist. Das erscheint uns nur so, aber es ist nicht der Fall.

Die Figur von Karl Wandel

Sehen Sie es mir, bitte, nach, wenn Ihnen mein Protagonist, Karl Wandel, unsympathisch erscheint. Er kann nicht allen sympathisch sein, sonst wäre es kein Selberdenkerbuch. Wenn man es allen recht machen will, denkt man für Andere, nicht für sich selber. Das Wesentliche am Individuum ist, dass es nicht verallgemeinerbar ist; trotzdem verlangen wir vom Nachdenken genau das, dass man so über die Dinge nachdenkt und seine Gedanken so formuliert, als würde man den Anderen nicht von sich selbst erzählen.

Die Gegenspieler der Selberdenker

Ich erlebe es regelmäßig, dass meine Ideen und Vorschläge bei meinen Mitmenschen auf Ärger erregen und auf Ablehnung stoßen. (Zugleich bin ich auch immer weniger bereit, mich mit dem Ärger meiner Mitmenschen auseinanderzusetzen, weil ich viel zu sehr damit beschäftigt bin, das festzuhalten, was sie mir entreißen und in den Schmutz treten wollen.) Jedenfalls erscheint es mir zweckdienlich für ein besseres Verständnis des Selberdenkens zu sein, wenn ich ein paar Worte über seine Gegenspieler verliere.

Die Gegenspieler der Selberdenker sind die Anhänger der zentralisierten Vernunft. Aus der Tatsache, dass die Wahrheit nur eine sein kann, schließen sie, dass auch unser Nachdenken nur den Zweck der gemeinsamen Wahrheitsfindung haben kann. Mit einem Bild aus der EDV könnte man ihre Überzeugung folgendermaßen illustrieren: Sie sind der Meinung, dass die einzelnen Menschen wie Personal Computer – sogar ohne eigenes Betriebssystem – sein sollten, deren gesamtes Wissen in der Cloud gespeichert ist.

Auf den Selberdenker haben die Anhänger der zentralisierten Vernunft einen Grant, weil sie ihre zentralen Werte – sie nennen diese oft: Wissenschaft oder Universalität der Wahrheit – durch ihn angegriffen sehen. Sie sind ihm ehrlich böse, weil er ihre zentralen Werte nicht mit ihnen teilt: Schließlich sind diese Werte das, woraus sie ihre eigene soziale Bedeutung ableiten. Das bedeutet: Sie fühlen sich wichtig in dem Maße, wie sie glauben, zur kollektiven Wahrheitssuche der Wissenschaft etwas beigetragen zu haben. Nach der Entwertung durch den Selberdenker stehen sie wieder als gewöhnliche Menschen vor ihm, aller Titel und Ehrungen beraubt, die sie von den akademischen Institutionen, welche die zentralisierte Vernunft repräsentieren, erhalten haben. Wie könnte man auf ein solcherart entehrendes Verhalten nicht allergisch reagieren?

Außerdem vermuten die Anhänger der zentralisierten Vernunft, dass der selbstdenkende Mensch kein anständiger Mensch sein kann, weil er etwas für sich selbst will. Wer nicht öffentlich denken und alle seine Gedanken als Beiträge zu einem gemeinsamen Wissensfundus sehen will, sondern etwas zu verbergen hat, der kann doch nur einen moralisch verwerflicher Charakter haben.

Das Missverständnis bezüglich der Allgemeingültigkeit

In Wirklichkeit ist es gar nicht der Wert der Allgemeingültigkeit, der den Selberdenker von den Anhängern der zentralisierten Vernunft unterscheidet. Auch der selbstdenkende Mensch hat die Allgemeingültigkeit von Gedanken und Aussagen als Fluchtpunkt seines Denkens. Der Unterschied ist bloß, dass die Anhänger der zentralisierten Vernunft oft nicht dazu bereit sind, einen Gedanken in Erwägung zu ziehen, der nicht von vornherein allgemeingültig aussieht. In ihrem Gebrauch wirkt die Forderung der Allgemeingültigkeit als eine Zensur: Man schließt damit Ideen aus der Diskussion aus, von denen man zwar gar nicht weiß, ob sie allgemeingültig sind, die aber zum gegenwärtigen Zeitpunkt keine Ausformulierung finden, die ihre Allgemeingültigkeit für alle Menschen sichtbar und verständlich macht.

Weiteres Experimentieren notwendig

Wenn ich zu Beginn ausgeführt habe, wie schwierig das Thema Selberdenken ist, dann möchte ich dem nun noch hinzufügen: Es ist so schwierig, dass ich selber nicht bis zum Ende weiß, was Selberdenken ist. (Und dabei habe ich doch bereits viel mehr Einsicht in diese Problematik als die meisten anderen Menschen.) Ich weiß daher nicht, ob ich mit Überleben unter Menschen ein gutes Buch geschrieben habe.

Für mich ist es ein erster Schritt in das Themenfeld Selberdenken, und ich bin der Ansicht, dass wohl noch viel weiteres Experimentieren notwendig sein wird, um das Selberdenken klarer zu fassen: Denn ist es notwendig, neue sprachliche Wendungen und Textsorten zu entwickeln und einzuüben, die in der Lage sind, das Selberdenken zu begleiten und es in seiner Eigenart zum Ausdruck zu bringen. Für das selbstlose Denken haben bereits sprachliche Wendungen und Textsorten, und je länger der Bildungsweg eines Menschen ist, desto besser hat er sie eingelernt und internalisiert.

Meine bisherigen Bücher habe ich zum Großteil mit der Sandwich-Methode des wissenschaftlichen Schreibens verfasst, die ich an der Universitätgelernt habe. Sie besteht darin, dass man ein Zitat von jemand anderem findet, das einem gefällt, und dieses durch eigene Sätze anmoderiert sowie nach dem Zitat zum nächstfolgenden Fremdzitat mit Eigentext weitermoderiert. Die Fremdzitate stellen gleichsam die Wurst dar und der Eigentext die Brotstücke. Ich bin zu dem Schluss gekommen, dass diese Schreibweise – die tief in mir steckt – für das Selberdenken nicht gut geeignet ist, denn sie dient im Grund dazu, dass man sich selbst in der Gedankenwelt des Fachs verortet. Man zeigt also durch sie nicht, dass man selber denkt und eigene Gedanken entwickelt, sondern nur, von wem man Schüler und von wem man geistiger Gegner ist. (Akademiker beurteilen ein Buch auch häufig, indem sie zuerst hinten ins Personenregister reinschauen, und wenn dort ihre geistigen Helden oder die Größen ihres Fachs nicht versammelt sind, dann ist das Buch bei ihnen durchgefallen, egal was es an wertvollen autoreigenen Gedanken enthalten mag.)

Auch in mir haben sich also die sprachlichen Formen des selbstlosen Denkens tief eingeschrieben, und ich weiß noch nicht, wie man anders schreibt.

Miteinander sprechen lernen

Das zentrale Anliegen von Überleben unter Menschen ist, dass die Menschen es neu lernen, miteinander zu sprechen. Ich habe nämlich bemerkt, dass die heute vorherrschenden Vorstellungen darüber, wie man miteinander spricht, das Philosophieren verunmöglichen. Philosophieren besteht grundsätzlich in einem Austausch von Meinungen. Wenn ich aber die Meinung des Anderen nicht respektiere, weil ich der Meinung bin, dass es nur eine objektive Wahrheit gibt, der alle einzelnen Meinungen weichen müssen, dann ist auch kein Meinungsaustausch möglich.

Meinungen machen nur dann Sinn, wenn ich es dem anderen Menschen zugestehe, dass er ein anderes Erkenntnisprojekt und eine andere Herangehensweise an die Wirklichkeit hat als ich und dass eine einzelne Meinung, die er mir gegenüber äußert, eine Funktion in seinem Gedankenuniversum hat. Kurz: dass er primär an seiner eigenen Erkenntnis arbeitet (und ich an meiner, aber nicht wir beide zusammen an der unseren). Nur dann kann mir ein Gedanke von einem anderen Menschen einen Blick in seine Gedankenwelt eröffnen, wenn ich es ihm auch zugestehe, dass er ein eigener Mensch ist und eine eigene Gedankenwelt hat. Aber genau das tun wir gewöhnlich nicht, sondern wir lösen ihn als eigene Person auf, indem wir ihn zu einem Teilnehmer an unserem weltweiten, gemeinsamen und öffentlichen Gespräch machen.

Warnung vor dem „So darf man nicht denken!“

Aus dem Grund endet Überleben unter Menschen mit der Bitte, Karl Wandel gegenüber nicht die Haltung anzunehmen, dass man sagt: „So darf man nicht denken!“ Denn damit zieht man ihm die Grundlage für sein Denken unter den Füßen weg und untergräbt damit auch jede Möglichkeit zur Veränderung und Weiterentwicklung seiner Persönlichkeit. Es ist klar, dass man anders denken kann, wenn man anders ist (und in einer anderen Situation ist) als Karl Wandel. Aber man kann nicht einfach anders denken, weil es anders richtig und wahr ist. Wir müssen so denken, wie wir sind. Oder, besser: Wir müssen ausgehend von dem denken, was wir sind.

In unserer Gesellschaft dürfen nur die Glücklichen sprechen

Damit spreche ich auch ein Problem an, das ich in unserer Gesellschaft sehe und das mit der Frage der Allgemeingültigkeit verknüpft ist: In unserer Gesellschaft dürfen nur zufriedene Menschen sprechen und solche, die ein allgemein anerkanntes Unglück erleiden. Es dürfen also beispielsweise Männer sprechen, die bei den Frauen Erfolg haben, und Frauen, die sich von den Männern unterdrückt fühlen. Denn Männer, die bei den Frauen Erfolg haben, sind glückliche Menschen, die wir bewundern, und Frauen, die sich von den Männern unterdrückt fühlen, bringen ein gesellschaftlich anerkanntes Anliegen zum Ausdruck, das der Gleichberechtigung zwischen den Geschlechtern und der Emanzipation der Frauen. Wer nicht sprechen darf, das sind z.B. Männer, die bei Frauen keinen Erfolg haben, weil sie körperlich unattraktiv sind: Wer in seinem Leben mit den Frauen unglücklich ist, darf seine Erfahrungen nicht zum Ausdruck, denn sonst beleidigt er die Frauen.

Das Sprechen über körperliche Unattraktivität ist in unserer Gesellschaft ein Tabu. Das Ausleben einer selbstbestimmten Sexualität gilt in unserer Gesellschaft hingegen fast schon als ein Imperativ, der einen jeden geistig gesunden und seelisch erwachsenen Menschen auszeichnet. Man bemerkt gar nicht, wie man manche Menschen gegenüber anderen benachteiligt, indem man allen Menschen solche vordergründig allgemeingültigen Bilder vom Menschen aufzwingt. Denn manche Menschen können ihnen eben besser entsprechen, während anderen zusätzlich zum Schaden, den sie erleiden, auch die Möglichkeit genommen wird, ihre Situation zur Sprache bringen, weil diese unter das gesellschaftliche Tabu fällt.

© helmut hofbauer 2017