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Wie wir die Idee der Aufklärung verloren haben

 


„Philosoph. Fragen betreffen jeden Menschen. Philosophieren ist eine ursprüngl. Tätigkeit, die zum selbstverantwortl. Menschsein gehört. Jede Philosophie ist daher Aufklärung im Sinne von KANTS berühmter Definition.“
dtv-Atlas Philosophie, München 1991. S. 11.

 

1. Die Bedeutung der Idee der Aufklärung für das Philosophieren


Für mich als philosophierenden Menschen ist die Idee der Aufklärung von ganz besonderer Bedeutung. Ich denke nämlich, dass Philosophieren selber im Grunde nichts anderes als Aufklärung ist - und zwar meine ich das in dem Sinne, dass jeder einzelne Akt philosophischen Nachdenkens immer zugleich ein Akt der Aufklärung ist.

Man kann sagen: Entweder er ist ein Akt der Aufklärung oder aber dieses Nachdenken ist nicht sehr philosophisch. Das soll zum Ausdruck bringen, dass es in unserer Welt vielerlei Autoritäten gibt – Lehrer, Professoren, Vorgesetzte, Nachrichtensprecher im Fernsehen, Wissenschaftler, wissenschaftliche Lexika, etc. - und wenn sich nun ein einzelner Mensch selbst zum Nachdenken anschickt, dann setzt er sich durch diese Tätigkeit des Nachdenkens automatisch und unvermeidlich über alle diese Autoritäten hinweg und behauptet gleichsam: Ich bin selber klug genug, um mir ein Urteil über die Sache zu bilden. Mit einem Wort, er begeht eine ungeheure Frechheit.

Ein selber nachdenkender Mensch würdigt in selbstüberheblicher Manier verdiente Persönlichkeiten in Wissenschaft und Gesellschaft durch seine Respektlosigkeit herab und versündigt sich am traditionellen Wissen. Dieses aufklärerische Element der Respektlosigkeit gegenüber dem Kollektiv und der Tradition wohnt jedem einzelnen philosophischen Gedanken inne, denn ein jeder philosophische Gedanke entsteht in einem Akt der denkerischen Auflehnung gegen das Bestehende und als Versuch des Individuums, sich selber als denkendes und damit als philosophierendes Wesen zu aktivieren.

Fasst man „Aufklärung“ in diesem Sinne auf, so war ihr Erfinder Sokrates – bereits mehr als zweittausend Jahre vor der historischen Epoche der Aufklärung! Sokrates hat nämlich etwas erfunden, das man den „Gerichtshof der eigenen Vernunft“ nennen könnte. Und zwar meinte er, wenn etwas vernünftig sei, dann müsse auch er es einsehen können; und wenn er das nicht könne, dann müsse man es ihm eben besser erklären, anderenfalls sei er nicht bereit, es als vernünftig anzuerkennen. In diesem „Gerichtshof der eigenen Vernunft“ liegt Sokrates’ Grundlegung der Aufklärung und zugleich auch seine Grundlegung der Philosophie, denn Philosophieren ist ebenfalls nichts anderes als die Überprüfung von Behauptungen und allgemeinen, aus der Tradition herstammenden Überzeugungen durch die eigene Vernunft des Philosophierenden.

Diese Lebenseinstellung, in der sich Sokrates mit seinem eigenen Denken und Urteil über die Tradition und die Werte seiner Gesellschaft hinweggesetzt hat, hat er letzten Endes mit dem Leben bezahlt, man hat ihn wegen Gottlosigkeit und Verführung der Jugend verurteilt, was nichts anderes bedeutet als dass man ihn für einen Störenfried gehalten hat. Ich bringe diese Geschichte jedoch nicht vor, um damit die Aufklärung um mehr als zweitausend Jahre früher beginnen zu lassen als gewohnt. Nein, meine Intention ist eine viel substanziellere: Ich möchte damit die untrennbare Verbundenheit von Philosophieren und Aufklärung zum Ausdruck bringen. Sokrates hat die Philosophie gleichsam erfunden dadurch, dass er ihr durch seine eigene Person Gestalt gegeben hat (und ich glaube, wir hätten heute ein sehr falsches Bild von Philosophie, wenn Sokrates als Philosoph sie nicht verkörpert hätte und wir Heutigen nicht die Möglichkeit hätten, uns an die sokratische Philosophie als Vorbild und Korrekturmaßstab unseres Bildes von Philosophie zurückzuerinnern) – und er hat sie erfunden als aufklärerische Praxis, das heißt als eine solche, deren Inhalt und Zweck es ist, Traditionen durch individuelles Nachdenken infrage zu stellen. Sokrates hat also Philosophie von allem Anfang an als eine aufklärerische und gegen den Glauben an überlieferte Wahrheiten gerichtete Disziplin begründet, und ich glaube eigentlich, dass ein Philosophieren ohne dieses aufklärerische Element gar kein Philosophieren ist.

Wenn ich also denke, aber ich denke keinen aufklärerischen Gedanken, also keinen Gedanken, der die Wahrheiten der Tradition oder die Wahrheiten von Institutionen vor dem Gerichtshof meines individuellen Nachdenkens auftreten lässt, damit ich mir selber über sie eine Meinung bilde, dann philosophiere ich nicht.


2. Warum wird eigentlich Aufklärung gewöhnlich immer falsch dargestellt?

Im Wörterbuch der philosophischen Begriffe. Meiner Verlag, Hamburg 1998. findet sich folgende Darstellung der Aufklärung:

„Aufklärung (als Wort seit Mitte des 18. Jh. vorhanden), das Streben nach Beseitigung überkommener, nur auf Autorität angenommener Lehren und nach Neugestaltung des Lebens auf Grund vernünftiger Ansichten und Einsichten, das Wirkenwollen durch den Verstand. Nachdem I. Kant in seinem Aufsatz Beantwortung der Frage: Was ist Aufklärung? (Berlinische Monatschrift, 1784) das 18. Jh. als „das Zeitalter der A. oder das Jahrhundert Friedrichs“ bezeichnet hatte, wird der Ausdruck für die geistige Bewegung gebr., die im 17. Jh. in England begann (Freidenker), sich im 18. Jh. (Enzyklopädisten) in Frankreich und Deutschland in jeweils eigentümlicher Weise durchsetzte und in ihren Auswirkungen die gesamte europäische und von den europäischen Völkern bestimmte Kultur ergriff. I. Kant charakterisierte sie zu Beginn seines Beitrags Was ist A.? als den „Ausgang des Menschen aus seiner selbstverschuldeten Unmündigkeit. Unmündigkeit ist das Unvermögen, sich seines Verstandes ohne Leitung eines Anderen zu bedienen. Selbstverschuldet ist diese Unmündigkeit, wenn die Ursache derselben nicht am Mangel des Verstandes, sondern der Entschließung und des Mutes liegt, sich seiner ohne Leitung eines Anderen zu bedienen. Sapere aude! Habe Mut, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen! Ist also der Wahlspruch der A.“ (…)“

Im Philosophischen Wörterbuch. Herausgegeben. von Georgi Schischkoff. Kröner Verlag, Stuttgart 1991. liest sich das so:

„Aufklärung, eine Kultur- und Geistesbewegung mit dem Ziel, auf religiöser oder politischer Autorität beruhende Anschauungen durch solche zu ersetzen, die sich aus der Betätigung der menschl. Vernunft ergeben und die der vernunftgemäßen Kritik jedes einzelnen standhalten. Dieser Begriff einer A. die als geistesgeschichtl. Epoche wiederholt auftrat (in der Antike z.B. in den nachsokratischen Jahrhunderten), entwickelte sich in dem A. genannten Gesamtumschichtungsprozess, den Europa vom 16. bis 18. Jh. durchmachte, und zwar verschieden sowohl für die einzelnen Länder wie für die einzelnen Lebensgebiete. In England tritt die A. seit dem 16. Jh. vorwiegend religiös und politisch auf, in Frankreich seit dem 17. Jh. gesellschaftlich und moralkritisch, siegreich im 18. Jh., bis sie in die Revolution von 1789 mündete, in Deutschland seit dem 18. Jh., ohne entscheidende äußere Erfolge, als innerliche formende Selbstbesinnung der deutschen Philosophie und Literatur auf sich selbst, im Sinne des Kant-Wortes: A. ist Erwachen des Menschen aus einer selbstverschuldeten Unmündigkeit. Italien und Spanien kennen ein eigentliches Zeitalter der Aufklärung kaum; A. ist in Italien gleichbedeutend mit Antiklerikalismus. (…)"

Ich fasse den Inhalt der beiden Zitate so zusammen: „Aufklärung“ wird bestimmt als eine „geistige Bewegung“ im 17. und 18. Jahrhundert, als eine „Kultur- und Geistesbewegung“ und zudem auch als eine „geistesgeschichtliche Epoche“. Beide Darstellungen erwähnen Immanuel Kant, wobei die Darstellung aus dem Wörterbuch der philosophischen Begriffe den Aufsatz von Kant: „Was ist Aufklärung?“ etwas ausführlicher zitiert, während das Philosophische Wörterbuch das „Kant-Wort“ nur kurz erwähnt.

Was daran wichtig ist? Wichtig daran ist mir, dass solcherart Darstellungen in sich widersprüchlich sind. Bei der zweiten Darstellung, jener aus dem Philosophischen Wörterbuch ist das nicht so deutlich, weil das Kant-Zitat nur erwähnt und nicht ausführlich genug zitiert wird, aber bei der ersten Darstellung ist es ausreichend klar erkennbar: Kant hat Aufklärung als die Fähigkeit definiert, sich seines eigenen Verstandes „ohne Leitung eines Anderen“ zu bedienen. Das bedeutet und daraus folgt, dass Aufklärung eine „geistige Bewegung“ und auch eine „Kultur- und Geistesbewegung" überhaupt gar nicht sein kann und auch keine „geistesgeschichtliche Epoche“. Aufklärung kann überhaupt kein kollektives, kein gesellschaftliches Unternehmen sein, weil es von Kant im Verhältnis zum anderen Menschen definiert worden ist.

Nicht also wenn die Menschheit gescheiter und vernünftiger wird, ist das Aufklärung, das ist ein Missverständnis, sondern aufgeklärt kann nur der einzelne Mensch sein, der sich nichts von den anderen Menschen rund um ihn einreden lässt und anstatt dessen selbst nachdenkt. Ich frage mich, warum der Begriff der „Aufklärung“ immer falsch als kollektive Unternehmung dargestellt wird, wo doch die individuelle Stoßrichtung von Kants „Definition“ überdeutlich ist: „sich seines Verstandes ohne Leitung eines Anderen“ zu bedienen“, das bedeutet, dass ich, du, er oder sie aufgeklärt sein kann, niemals aber wir, da ich ja nur im Verhältnis zum anderen Menschen oder zur Tradition, die mich bevormundet, aufgeklärt sein kann – wäre das Subjekt der Aufklärung hingegen ein „wir“ so gäbe es diesen Anderen oder dieses Andere nicht mehr, im Verhältnis zu dem das „wir“ aufgeklärt sein könnte.

Ich vermute, dass das letztlich deshalb falsch dargestellt wird, weil viele Menschen Botschaften erst dann für große oder bedeutende Botschaften halten, wenn sie sich an ein „wir“ richten und nicht mehr nur an einzelne „ichs“.


3. Warum die Idee der Aufklärung heute dringender gebraucht würde denn je zuvor

Der Grund, warum mir Kant in diesem Zusammenhang so wichtig ist, ist der, dass es zwar im Zeitalter der Aufklärung viele Menschen gegeben hat, die im Geiste der Aufklärung gewirkt haben, aber keiner hat so klar wie Kant die Idee der Aufklärung formuliert. Die „Definition“ der Aufklärung ist bereits weiter oben in der Darstellung aus dem Wörterbuch der philosophischen Begriffe angeklungen; folgender, sich in demselben Aufsatz befindlicher Satz wird jedoch seltsamerweise nie zitiert, dabei ist er noch viel aufschlussreicher, wenn man sich fragt, wie Kant diese Idee der Aufklärung eigentlich verstanden hat:

„Es ist so bequem, unmündig zu sein. Habe ich ein Buch, das für mich Verstand hat, einen Seelsorger, der für mich Gewissen hat, einen Arzt, der für mich die Diät beurteilt usw., so brauche ich mich ja nicht selbst zu bemühen. Ich habe nicht nötig zu denken, wenn ich nur bezahlen kann; andere werden das verdrießliche Geschäft schon für mich übernehmen.“

Immanuel Kant: „Was ist Aufklärung?“, in: ders.: Was ist Aufklärung? Ausgewählte kleine Schriften. Meiner Verlag, Hamburg 1999, S. 20.

„Habe ich ein Buch, das für mich Verstand hat, einen Seelsorger, der für mich Gewissen hat, einen Arzt, der für mich die Diät beurteilt (…)“, dann brauche ich ja nicht selbst zu denken. Und: „Ich habe nicht nötig zu denken, wenn ich nur bezahlen kann.“ – ich wünschte, diese Zeilen würden sich einem jeden tief ins Gedächtnis einprägen, der über Aufklärung spricht, denn dann man endlich erkennen: Hier geht es nicht darum, dass mit der Aufklärung die Naturwissenschaft den Aberglauben des finsteren Mittelalters überwindet oder dass die Menschen eine neue Gesellschaftsordnung schaffen, die nicht mehr auf Autoritäten aus der Tradition, sondern auf der Vernunft aufbaut. Sondern es geht um etwas ganz anderes: Individuelle geistige Selbstständigkeit.

Gleichzeitig scheint Kant mir in diesen Sätzen genau jene Situation treffend beschrieben zu haben, die wir heute haben: Wir leben heute in einer Welt der Berater, der Coaches, der Wissenschaftler und der Fachleute. Und obwohl wir heute nicht mehr so sehr vom Aberglauben verfolgt werden wie in früheren, dunkleren Zeiten, sind wir heute vielleicht dennoch unselbstständiger und unmündiger denn je zuvor. Wir sind heute unmündiger denn je, wenn man Mündigkeit als geistige Selbstständigkeit und geistige Selbstbestimmung versteht. Der wichtigste Grund dafür ist natürlich der, dass das Wissen in seiner Menge in den letzten zwei Jahrhunderten so unglaublich zugenommen hat, dass damit die Notwendigkeit entstanden ist, dass es für alle Spezialgebiete Fachleute gibt. Umso wichtiger erscheint es mir, an das zu erinnern, was Kant gesagt hat: Wenn ich einen Fachmann, einen Coach oder einen Wissenschaftler frage und ihm Glauben schenke, anstatt selber die Sache zu verstehen zu versuchen, dann bin ich unmündig.

Diese Zeit ist einfach vorbei, als das (naturwissenschaftliche) Wissen gleichsam von selber, allein durch sein Auftreten, die Nebelschleier des Aberglaubens lichten und die Menschen zu selbstständigem Nachforschen und Nachdenken veranlassen konnte. Heute ertrinken wir gleichsam in Wissen, und dieses Wissen hat seine aufklärerische Wirkung verloren. Weil wir es in seiner Menge nicht mehr bewältigen können, macht es uns nicht mehr gescheiter. Es weckt uns in unserem Denken nicht mehr auf und deshalb klärt es uns auch nicht mehr auf. Wie belastende Wissenssteine liegt das Fachwissen überall herum, und wir überlassen es den Fachleuten, denen gegenüber wir heute erneut so unmündig sind wie die Menschen des Mittelalters den Priestern gegenüber.

Weil aber das Wissen und auch die Wissenschaft ihre aufklärerische Wirkung verloren hatten, die sie eine Zeitlang gleichsam von selber hatten, deshalb ist oder wäre die Idee der Aufklärung heute wieder so wichtig.


4. Die Weise, wie uns die Idee der Aufklärung verloren gegangen ist

Kurz gesagt, bin ich der Meinung, dass uns die Idee der Aufklärung dadurch verloren gegangen ist, indem man sie als kollektives Projekt und als geschichtliche Epoche verstanden hat. Um zu verstehen, was ich hiermit behaupte, braucht man die Sache nur einmal kurz bedenken: Wenn die Aufklärung eine geschichtliche Epoche ist, dann ist klar, dass etwas nach ihr kommen muss, denn eine jede geschichtliche Epoche muss einmal zu Ende gehen.

So haben es dann auch die Philosophen der Postmoderne gesehen und über das „Ende der Aufklärung“ diskutiert, mit Jürgen Habermas als jenem Gesprächspartner, der dagegenhielt. Beide Seiten haben dabei meiner Meinung nach die Aufklärung gründlich missverstanden, denn die einen behaupteten, die eine „große Erzählung“ der Geschichte der Menschheit habe sich aufgelöst in viele Erzählungen (damit meinten sie die Aufklärung in der Form, dass der aufklärerische Gedanke des Fortschritts die Geschichte aller Menschen zu einer Menschheitsgeschichte verband, in welcher die Menschheit technisch und moralisch immer höhere Stufen erreichte). Und Jürgen Habermas dagegen meinte, dass man die Idee des Fortschritts nicht ganz aufgeben bräuchte, es werde doch noch besser, wofür er „Der letzte Mohikaner der Aufklärung“ genannt wurde. (Diese Bezeichnung gibt den Titel eines Artikels von Jürgen Langenbach über die Auszeichnung Jürgen Habermas’ mit dem Bruno-Kreisky-Preis in Wien wieder, erschienen in der Zeitung „Die Presse“ vom 9. März 2006.)

Der „Fehler“, der in beiden Positionen dieser Diskussion passiert ist, ist für mich klar: In beiden Denkrichtungen wurde die Aufklärung nicht als eine Idee aufgefasst, sondern als eine historische Epoche oder als eine durch den Fortschritt gekennzeichnete geschichtsbildende Kraft. Anders gesagt: Wenn man nicht dazu bereit ist, eine Idee als Idee aufzufassen, dann ist klar, warum man bei der Aufklärung bald schon nicht mehr über die geistige Selbstständigkeit von Individuen redet, sondern über den Fortschritt. Der Fortschritt nämlich ist etwas, das Denker bewegen kann, die ihrerseits die öffentliche Meinung und ganze Gesellschaften bewegen wollen, um dadurch in die Geschichte einzugehen. Philosophierende hingegen, die Ideen als das auffassen, was sie wirklich sind, nämlich als Ideen (und nicht als geistige Bewegungen, historische Epochen, geschichtsbildende Kräfte oder sonst noch was anderes), würden auch die Aufklärung auffassen als das, was sie der Idee nach ist, nämlich das Streben nach individueller geistiger Selbstständigkeit.

Es ist allerdings kaum vorstellbar, was alles notwendig wäre, damit sich diese Idee der Aufklärung heute in der Öffentlichkeit wieder eine Stimme verschaffen und zumindest gehört werden könnte: Tonnen an Geistesschutt müssten dazu aus dem Weg geräumt werden, tausende an gelehrten Büchern und Artikeln eingestampft oder zumindest vergessen werden und Wörterbuchartikel, wie die beiden zitierten, die im Übrigen recht herablassend mit der Aufklärung umgehen, umgeschrieben.

Umgekehrt scheint es ein Problem speziell unserer heutigen Zeit zu sein, dass so viele gelehrte und wissenschaftliche Bücher geschrieben werden, die die Sicht auf bestimmte Ideen mehr vernebeln und verstellen, als dass sie einem als Leser einen Zugang zu ihnen verschaffen würden, dergestalt dass es vom Individuum ein hohes Maß an Aufgeklärtheit, das heißt an Respektlosigkeit, verlangt, sich über diesen ganzen Bücherberg hinwegzusetzen und über eine Frage, wie beispielsweise die der Aufklärung, das zu tun, was ein aufgeklärter Mensch eben gewöhnlich macht, wenn er eine Frage oder ein Problem findet, nämlich darüber nachzudenken – anstatt eilfertig mit der Lektüre der Masse an wissenschaftlichem Schrifttum zu beginnen und dadurch in geistige Passivität und – in Unmündigkeit zu verfallen.

 

14. Jänner 2007

© helmut hofbauer 2007