Impressum

Über mich

Interkulturelle
Kommunikation

Philosophie

Literaturwissen-
schaft

Sokrates' Auslöschung

Folgende Geschichte ist nie passiert. Sie ist frei erfunden und dennoch ist sie in der Realität in gewisser Hinsicht wahr geworden.
Und zwar passierte es, dass Alfred eines schönen, sonnigen Frühsommertags des Jahres 20xx im Kaffeehaus seinem Freund Martin gegenüber auf Sokrates Bezug nehmen wollte – fast wollte ich schon sagen „von Sokrates erzählen wollte“, doch über Sokrates erzählt man nichts, jeder kennt ihn doch! – und Martin blöd schaute: „Sokrates? Wer?“
„Na, Sokrates doch, der alte Grieche, der in den platonischen Dialogen vorkommt!“
„Platonische Dialoge. Von Platons Schriften habe ich ein paar gelesen! Aber das sind doch keine Dialoge!“
Alfred fühlte sich plötzlich, als würde ihm die Sonne mit einem heißen Stachel in den Rücken fahren.
„Und der Schierlingsbecher?“
„Was für ein Schierlingsbecher?“
„Na, daran ist Sokrates gestorben!“
„Nie davon gehört!“ sagte Martin gleichgültig – und das ist schon was, wenn so ein Jungintellektueller einmal zugibt, dass er etwas nicht weiß oder nicht kennt. Da ist die Welt schon eingestürzt, wenn so etwas einmal passiert. Und so war es auch, wenn auch nur für Alfred.


Dieser lief nach Hause und tat, was ein Kind unserer Zeit so tut, wenn es die Ratlosigkeit überfällt – er googelte. Doch fand er nur Hunde mit Namen Sokrates, einige Papageien und sogar ein Pferd, aber keinen alten Griechen und schon gar keinen Philosophen.
Platon und Plotin gab es noch auf google. Aber was hatte Platon geschrieben, wenn es keinen Sokrates gab?
Das sollte Alfred herausfinden, sobald er in der Filiale der Stadtbücherei ankam, die sich eine Gasse von seiner Wohnung entfernt befand: Nun, von den platonischen Ideen hatte Platon geschrieben, ganz ebenso, wie Alfred die Sache kannte. Nur waren seine Schriften keine Dialoge, sondern Abhandlungen wie die von Aristoteles. Tja, warum auch nicht, dachte Alfred, ich habe ja auch schon früher nie verstanden, wozu Platon Sokrates brauchte. Platons Denken ist ja sowas von antisokratisch, so schwer und labernd, große Ideenkathedralen bauend, dass es zum sokratischen Gespräch gar nicht passte.
Nun ging Alfred nach Hause. Er musste fürs Erste mal allein sein. (Hätte er sich jetzt mit einem Freund oder Bekannten getroffen, hätte er sicherlich über Sokrates reden wollen und dabei die Angst gehabt, verrückt zu erscheinen oder es sogar zu werden.) Eine Frage quälte ihn: Wie war bloß Sokrates abhanden gekommen?
Manche Verwundungen heilen nicht. Was konnte man machen? Alfred hatte weiterhin in Bibliotheken gefahndet und auch Nachschlagewerke und Bücher anderer Philosophen nach Sokrates durchkämmt. Aber keine Spur von Sokrates! Alles in der Geschichte der Philosophie schien gut auch ohne Sokrates zu funktionieren.
Jetzt ging der arme Tropf unter der sengenden Julihitze durch die Stadt und überlegte, ob er Sokrates auch aus seinem eigenen Kopf verbannen sollte? Es kannte ihn doch sonst niemand mehr – wozu ihn also aufbewahren, wo er doch mit niemandem mehr über ihn reden konnte?
Wozu brauche ich selbst Sokrates überhaupt, überlegte Alfred, welche Funktion erfüllt er in meinem Denken?
Aber freilich doch: Er verkörpert die Philosophie. Sokrates hat gezeigt, dass die Philosophie nicht nur eine Sache ist, über die man Bescheid wissen kann, sondern auch eine Lebenshaltung, eine bestimmte Art Lebenswandel. Dadurch konkretisierte Sokrates die Idee der Philosophie noch mehr als durch alles, was er sagte: Er lieh ihr seine Gestalt. Er gab ein Beispiel, war Vorbild. Er gab der Welt einen Eindruck davon, wie das aussehen kann, ein Philosoph zu sein!
Von diesem Moment an schien für Alfred vieles, was er in der Welt beobachtete und bislang nicht verstanden hatte, auf seinen logischen Platz zurückzufallen. Die akademische Philosophie z.B. zerfiel deshalb in Logik, Ethik, Metaphysik, Wissenschaftstheorie und Geschichte der Philosophie, weil es ja die Vorstellung von einer Person nicht mehr gab, die diese Fachbereiche integrierte. Auch der Drang, die Philosophie an die Ansprüche und die Gestalt der Einzelwissenschaften anzupassen, wurde Alfred jetzt verständlich: Es gab ja ohne die Erinnerung an die Gestalt von Sokrates nun auch nicht mehr die Vorstellung von der Person des Philosophen und damit fehlte auch die Notwendigkeit, bei philosophischen Ausführungen mitzubedenken, ob sie für den Einzelmenschen lebbar waren. Die Philosophie in der Gestalt des Philosophen musste nun nicht mehr zuerst verdrängt und vergessen werden, bevor man aus der Philosophie den Erfordernissen der Zeit entsprechend ein Spezialgebiet des Wissens machen konnte, denn sie hatte nie existiert.
Alfred brach sein Philosophiestudium ab und wandte sich der Literatur zu. Martin verwunderte sich ob dieses überraschenden Entschlusses von Alfred, war dieser doch immer Feuer und Flamme für die Philosophie gewesen und fragte ihn in einem Gespräch nach dem Grund. Alfred versuchte, es ihm in aller Freundschaft zu erklären. Er verwendete das Wort „Sokrates“ dabei nicht, doch operierte er mit der sokratischen Idee des Philosophen als desjenigen, der die philosophische Haltung verkörpert. Doch Martin verstand nicht, was er damit meinte. Martin fasste den Philosophen auf analog zum Mathematiker oder Biologen, als einen Fachmann (oder eine Fachfrau) eben, der (die) viel von Philosophie versteht.
Alfred schien ins Leere zu argumentieren. Er dachte bei sich: Es ist ja auch klar, dass ich mich nicht verständlich machen kann – der Unterschied liegt ja nicht in den Worten. Der Unterschied zwischen dieser und jener Konzeption des Philosophen liegt allein im Vorbild, das Sokrates uns gegeben hatte durch das, was von ihm überliefert gewesen war. Sokrates hatte den Menschen gezeigt, dass ein Philosoph etwas mehr ist als ein Mathematiker, ein Biologe oder ein Historiker. Während diese Fachleute jeweils etwas über ihr Fachgebiet wissen, sagt die Bezeichnung „Philosoph“ vor allem aus, dass das philosophische Wissen die betreffende Person verändert hat, dass diese Person jetzt anders denkt als vor ihrer Bekanntschaft mit der Philosophie und zwar in dem Sinn, dass die Philosophie einen fragenden Menschen aus ihr gemacht hat.
Aber: Das war mit der Hilfe der Gestalt von Sokrates schon schwer genug verständlich für die Menschen gewesen! Jetzt, ohne Sokrates, war es für die Welt vollkommen unverständlich geworden!
Alfred, seiner letzten geistigen Stütze beraubt, fühlte sich weggeschwemmt von unserer Zeit der Einzelwissenschaften und Spezialisierungen, in der ein fragender ganzer Mensch keinen Platz mehr hat. Aber er fühlte auch, dass diese Zeit – nun ohne die Figur des Sokrates – ganz eins mit sich selber war.
Ein wenig versuchte er im kleinen Rahmen dagegen anzukämpfen, indem er Erzählungen verfasste, in denen er die historische Figur des Philosophen Diogenes zur Hauptfigur machte und sie einige sokratische Überzeugungen transportieren ließ – etwa die, dass ein Philosoph kein Weiser ist, sondern einer, der die Weisheit liebt, weil er sie nicht hat – aber die Figur des Diogenes war viel zu schwach, um die Menschen zum Nachdenken zu bewegen, und Alfreds Schreiben hatte wenig Erfolg. Selbst unter seinen Freunden und Bekannten bemerkte er, dass sie, selbst wenn sie den Inhalt einer seiner Erzählungen verstanden, dennoch ihren Sinn nicht auffassen konnten. Der Gedanke, dass mit Philosophie ein Philosoph oder philosophierender Mensch gemeint sein könnte und nicht ein Themenfeld oder Fachgebiet war ihnen nicht zugänglich.
So erkannte Alfred zwar die Zwecklosigkeit seines Handelns, aber manche Dinge im Leben tut man eben nicht um des Erfolgs bei anderen Menschen willen, sondern weil man sie sich selbst schuldet – und in Alfreds Innerlichkeit leuchtete eben weiterhin das Vorbild des Sokrates, das ihn mit ihm selbst in Übereinstimmung brachte, ihn zur Welt jedoch in den krassesten Gegensatz setzte, sodass er den Rest seiner Tage sicherlich überall auf diesem Planeten als Fremder und Außenseiter verbringen wird müssen. Aber Alfred verstand diese Situation und hütete seinen „Schatz“ mit aller Zärtlichkeit und zeigte ihn bei Gelegenheit in ironischem Ton gerne her, da er sich ja auch sicher sein konnte, dass niemand ihn ihm wegnehmen wollen würde.

9. Juni 2010

 

 

© helmut hofbauer 2010