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Dissertation: Bezugspunkt Gesellschaft

"Sie denken so, weil Ihnen das Gehirn so gewachsen ist!"

Rezension von Gerald Hüther: Was wir sind und was wir sein könnten. Ein neurobiologischer Mutmacher. Fischer Verlag, Frankfurt/Main 2014, 4. Auflage (2011), 189 Seiten.

 

Ich versuche mir darüber klarzuwerden, was ich von Gerald Hüthers Buch halten soll. Ich weiß es nämlich nicht.

Das Überraschende an dem Buch war für mich, das Hüther in dem Buch Überzeugungen vertritt, die ich teile. Ja, das geht soweit, dass ich in dem ganzen Buch gar keine Aussage gefunden habe, die ich nicht teile (bis, eventuell, aus seinen Zukunftsoptimismus).

Nun sind das aber Überzeugungen, von denen ich mir sicher bin, dass mich viele Menschen ihretwegen für verrückt halten, oder für einen Querulanten, oder für einen unverbesserlichen Romantiker.

Und Gerald Hüther schreibt sie einfach so hin.

Das ist der Grund, warum ich nicht weiß, was ich von dem Buch halten soll. Er bringt keine Argumentationen, erzählt nicht von neurobiologischen Experimenten (außer ganz am Rande), sagt nur, dass das so ist.

Das ist so ähnlich, wie wenn einer käme und behauptete, das Wasser fließe bergauf und das sei nun wissenschaftlich erwiesen, aber er bringt keine Belege dafür und setzt sich auch nicht mit den Überzeugungen derjenigen Menschen auseinander, die gegenteiliger Meinung sind als er.

Ich meine, wenn Sie etwas halbwegs Normales behaupten, etwa, dass man alles noch vernünftiger organisieren und effizienter machen solle, um ein erfolgreiches Leben zu führen und glücklich zu sein, dann brauchen Sie nicht viele Argumente zur Unterstützung bringen, denn das ist etwas, was ohnehin alle Menschen glauben und für richtig halten.

Aber Hüther behauptet ja das glatte Gegenteil!

Und die einzige Erklärung, die er dafür bringt, warum wir nach Vernunft, Effizienz und Erfolg streben, ist eine neurobiologische: nämlich dass im „Maschinenzeitalter“, das vom 19. Jahrhundert bis jetzt dauerte, viele Menschen von den Potenzialen der Maschinen so begeistert waren, dass sie sich wünschten, die Menschen mögen auch wie Maschinen funktionieren, und dieser Wunsch habe sich in ihre Hirne eingegraben.
Ich meine, auf diese Weise kann ich auch dünne Bücher schreiben! Meine Bücher geraten mir häufig deshalb zu dick, weil ich mich mit den Überzeugungen von Menschen auseinandersetze, die anders denken als ich.

Was habe ich nun von diesem Buch?

Während des Lesens habe ich mir manchmal scherzhaft gesagt, dass ich in einem früheren Leben wohl Neurobiologie studiert haben muss, weil ich doch offenbar alles schon wusste, was in Hüthers Buch steht.

Aber das ist natürlich Unsinn. Ich habe in keinem früheren Leben Neurobiologie studiert, sondern meine Überzeugungen über viele Aspekte des menschlichen Lebens verdanken sich nur meiner Selbstbeobachtung und meiner Beobachtung anderer Menschen.

Aber eben aus meiner Erfahrung mit anderen Menschen weiß ich, dass ich viele von ihnen von meinen Anschauungen nicht überzeugen könnte, und zwar – und das ist mir jetzt sehr wichtig – nicht bloß deshalb, weil sie eben anderer Meinung sind als ich, sondern weil sie schlichtweg denken, dass es das, was ich behaupte, überhaupt nicht gibt, dass das gar nicht existiere.

Und genau solche Sachen wie die, mit denen ich in Diskussionen solche Erfahrungen mache wie die soeben geschilderte, sagt Gerald Hüther einfach so hin.

Er sagt z.B., dass ein menschliches Gehirn so wächst und sich entwickelt, wie man es benützt.

Das glaube ich auch, aber ich habe den Eindruck, das viele Einrichtungen in unserer Gesellschaft auf der Grundüberzeugung aufgebaut sind, dass die Lebensumstände, denen man Menschen aussetzt, für diese gänzlich folgenlos bleiben. Also z.B. dass man einen Menschen von seinem 6. bis zu seinem 18. Lebensjahr 12 Jahre lang in eine Schule schickt und dann kommt er heraus, wäscht sich, zieht sich ein frisches Hemd an und ist ein freier Mensch.

Aber das ist natürlich Unsinn: Ein Mensch kann nach 12 Jahren Indoktrination nicht einfach denken, was er will. Er kann sich die Schule nicht einfach abwaschen und von nun an in seinem Denken nur noch seinen eigenen Interessen folgen. Aber genau das, dass er das könne, wird offenbar allgemein geglaubt: „Da musst du durch!“ „Ein paar Jahre noch, dann kannst du machen, was du willst!“

Denn die Schulen, so wie sie heute sind, sehen mir nicht danach aus, als ob man dort bedächte, dass man für die Hirne der Schüler verantwortlich ist; dass man in der Schule also bewirken kann, dass bestimmte Hirnareale stärker ausgebildet und bestimmte Synapsen gebildet werden.

Wenn das nämlich anders wäre und man den Zusammenhang zwischen Schule und der Ausbildung des Gehirns von Schülerinnen und Schülern ernst nehmen würde, dann würde die Frage virulent, ab welchem Punkt Schule als Körperverletzung zu betrachten ist.

„Wir könnten gesünder und zufriedener sein

Wenn die Prognosen der WHO zutreffen – und es gibt keinen Grund, an der prognostizierten dramatischen Zunahme stressbedingter Erkrankungen in den hochentwickelten Industriestaaten zu zweifeln -, so werden in Zukunft kaum bewältigbare Kosten auf die medizinischen Versorgungssysteme und damit auf die Krankenkassen dieser Länder zukommen. Absehbar ist nicht nur eine enorme Zunahme stressbedingter somatischer Erkrankungen, vor allem die durch muskuläre Verspannungen verursachten langfristigen Schäden des Halte- und Bewegungsapparates und die durch permanent erhöhten Sympatikotonus verursachten kardiovaskulären Störungen. Es ist auch mit einem dramatischen Anstieg stress- und angstbedingter psychischer Erkrankungen zu rechnen, dazu zählen Angststörungen, Depressionen, Suchterkrankungen, Zwangsstörungen, Burn-out Syndrome etc. [S. 133]
Nur vordergründig scheint diese Entwicklung durch eine zunehmende berufliche Belastung der arbeitenden Bevölkerung bedingt zu sein. Wesentlich bedeutsamer dürfte eine ständig abnehmende Fähigkeit der Menschen in den hochentwickelten Industriestaaten sein, mit psychischen Belastungen umzugehen. Zu viele Menschen leiden an Stress, weil sie über zu geringe Kompetenzen zur Stressbewältigung verfügen. […]
Diese Defizite sind nicht erst im oder durch das Berufsleben entstanden. Sie sind eine zwangsläufige Folge früher, oft schon während der Kindheit, spätestens aber in der Schule und während der Ausbildung gemachter und im Berufsleben weiter bestärkter Erfahrungen eigener Unzulänglichkeit, unzureichender psychosozialer Unterstützung und fehlender Orientierungen. Mit andere[sic!] Worten heißt das: In den hochentwickelten Industriestaaten gibt es für zu viele Menschen während der Phase der Hirnentwicklung zu wenige stärkende und stark machende und dafür zu viele schwächende und schwach machende Erfahrungen.“

Gerald Hüther: Was wir sind und was wir sein können. Ein neurobiologischer Mutmacher. S. 132-133.

 

Und nicht nur Schule: Viele Institutionen unserer Gesellschaft funktionieren auf der Grundlage der allgemein geteilten Überzeugung, dass man mit Menschen alles Mögliche tun kann, sie allen möglichen Lebens- und Arbeitsbedingungen sowie Beziehungskonstellationen aussetzen kann und ihnen alle möglichen Pflichten auferlegen kann und dass das folgenlos für sie bleibt.

Und nun kommt Hüther und sagt: „Nein, das bleibt nicht folgenlos!“ Das menschliche Hirn wächst nämlich so, wie wir mit ihm umgehen. Und so, wie es gewachsen ist, so denken und fühlen wir dann.

Damit wären wir schon bei der nächsten Angelegenheit, die Gerald Hüther sagt. Er sagt nämlich, Begeisterung sei Dünger fürs Hirn. Und ohne Begeisterung lerne der Mensch gar nichts.

BEGEISTERUNG

„Damit neue neuronale Vernetzungen geknüpft und bestehende Vernetzungen ausgeweitet und stabilisiert werden können, reicht es nicht aus, dass man diese Verschaltungen einfach nur sehr häufig benutzt. Wenn das so wäre, könnten wir ja alles lernen, wenn wir es nur lange genug trainieren. Wir lernen aber nicht alles. Wir lernen nur das, was für uns wichtig ist. Und was ihm wirklich wichtig ist, wofür sich ein Mensch – als kleines Kind oder als Greis – interessiert und deshalb auch begeistern kann, das entscheidet nicht „die Umwelt“, sondern das entscheidet er oder sie ganz allein.“

Ebd., S. 82.

Ja, das sage ich auch schon seit vielen Jahren. Aber zugleich sehe ich auch, dass unsere Gesellschaft auf dem Grundprinzip aufgebaut ist, dass man vom Menschen erwartet, dass er alles, was er mit Begeisterung tut, genauso gut auch ohne Begeisterung tun könne.

Womit wir wieder bei der Schule wären. Unsere Schulen werden nicht danach beurteilt, ob sie in der Lage sind, Interesse und Begeisterung für die verschiedenen Fächer und Lerninhalte in den Schülern zu erwecken. Man ist allgemein der Ansicht: Es geht auch ohne Interesse. Und überhaupt: Mit der Schule beginne ja der „Ernst des Lebens“, womit jene Zeit gemeint ist, in der es ganz normal ist, dass die Dinge keinen Spaß machen.

Wenn man nun, wie Gerald Hüther es tut, davon ausgeht, dass Lernen vor allem eine Folge von Begeisterung ist, dann müsste man eigentlich zu dem Schluss kommen, dass unsere Schulen nicht dazu da sind, dass die Schüler in ihnen etwas lernen.
Wozu könnten die Schulen sonst da sein? Nun, etwa dazu, dass die Schüler dazu diszipliniert werden, täglich 6 Stunden lang still zu sitzen?

Oder vielleicht dafür, dass die Schüler sich daran gewöhnen, für Leistungen beurteilt u werden, die sie bei Aufgaben erbracht haben, für die sie gar kein Interesse gehabt haben?

ABRICHTUNG

„Aber eine Zeitlang, vor allem im letzten Jahrhundert, hat dieses Verfahren [der Abrichtung durch Belohnung und Bestrafung, Anm. Hofb.] ziemlich gut funktioniert. Herausgekommen sind dabei Menschen, die all das mit hoher Perfektion und Präzision umgesetzt haben, was von ihnen erwartet wurde, wofür sie mit Belohungen oder Bestrafungen abgerichtet worden waren. Solche Menschen wurden im Maschinenzeitalter gebraucht, um die damals noch sehr stark von menschlichen Handlungen abhängige maschinelle Produktion von Konsumgütern zu optimieren. Um das zu ermöglichen, mussten die Menschen, die diese Maschinen bedienten, dazu gebracht werden, genauso zuverlässig zu funktionieren wie ihre Maschinen. Genauso pünktlich, genauso akkurat, genauso fehlerfrei, genauso pausenlos und genauso gedankenlos. Da konnte man keine Menschen brauchen, [S. 105] die unpünktlich waren, die sich nicht genau an die Bedienungsvorschriften hielten, die selbst mitdenken und ihre Arbeitsabläufe mitgestalten wollten. So etwas behinderte die Produktion. Gefragt waren brave Befehlsempfänger und tapfere Pflichterfüller, und die erzieht man eben am effizientesten durch Dressur. Am besten schon in der Schule. Durch Belohnungen für all jene Zöglinge, die ihre Aufgaben brav und ohne Widerspruch erfüllen. Durch Bestrafungen für diejenigen, die sich diesen Vorgaben zu widersetzen versuchen. Es war ein einfaches Verfahren und es funktionierte umso besser, je früher man bei den Kindern damit begann.“

Ebd., S. 104.

Wieder haben wir dasselbe Muster: Wir werfen einem Schüler/einer Schülerin eine Aufgabe in Werken oder in Mathematik hin und erwarten, dass er oder sie eine jede Aufgabe gleich gut erledigen kann. Wie eine Maschine, der es ja auch nichts ausmacht, für die eine oder andere Aufgabe gebraucht zu werden.

Dass ein und derselbe Mensch sich für alles gleichermaßen interessieren könne, ist das Spiegelbild der Überzeugung, von der ich vorher gesprochen habe, jener nämlich, dass alle Lebensumstände und Aufgaben, durch die Menschen hindurchgepresst werden, folgenlos für sie bleiben. Folgenlosigkeit in dem Zusammenhang bedeutet, dass sie nichts in diesem Menschen entwickeln. Die Erwartung, wonach der Mensch sich für alle Fächer gleichermaßen interessieren könne, entspricht der Überzeugung, wonach nichts in dem Menschen entwickelt sei. D.h. man erwartet von ihm, dass sich z.B. gerade keine Gehirnareale entwickeln, die mit Interessen und Fähigkeiten zusammenhängen, die nichts mit der gegenwärtig ihm gegebenen Aufgabe zu tun haben und die seine Aufmerksamkeit binden; also man erwartet nicht, dass der Mensch gegenwärtig etwas anderes zu tun haben könnte.

Auch hier haben wir es natürlich wieder mit dem Bild des Menschen als Maschine zu tun. Insofern der Mensch funktioniert, so in etwa stellt man sich das offenbar vor, funktioniere er wie eine Maschine. Deshalb könne man den Menschen auch jederzeit von jeder Beschäftigung wegrufen, ihn auf eine Ruderbank setzen und ihm sagen: „Rudere!“ Und nachdem er dann gerudert hat, putzt und repariert man ihn und er steht bereit für jede andere Aufgabe, die man ihm stellen will.

Worüber schreibe ich, wenn ich derlei Angelegenheiten hier vortrage? Was ist mein Thema?

Mein Thema ist, dass ich weiß, dass es viele Menschen gibt, die sagen würden: „Ich verstehe dein Problem nicht. Ich sehe hier überhaupt kein Problem.“ – wenn man ihnen solche Inhalte vorbrächte, wie Gerald Hüther es tut.

Aber Gerald Hüther geht auf dieses Problem – zumindest erscheint mir das als Problem – überhaupt nicht ein. Er tut so, als wäre das, was er in seinem Buch vorträgt, die normalste Sache der Welt. Ich weiß aber, dass sie das nicht ist. Es ist also nicht so, dass es hier ein Thema gibt, bei dem Argumente und Gegenargumente allgemein bekannt und anerkannt wären. Sondern es ist so, dass die Anhänger der Vernunft und des Maschinenbilds vom Menschen als Maschine gar nicht anerkennen würden, dass es solcherart Gegenargumente gegen ihre Überzeugungen überhaupt gibt oder dass sie ernst zu nehmen sind. Ja, es ist sogar möglich, dass sie diese Gegenargumente nicht einmal „sehen“ können.

Ich zumindest bin jederzeit auf der Hut vor Reaktionen blanken Unverständnisses, wenn ich solche Anliegen referiere wie Hüther es in seinem Buch tut. Ich weiß schon, was dann wahrscheinlich kommt. Sie verstünden mein Problem nicht, werden die Leute dann sagen. Sie sagen auch, dass sei immer schon so gewesen – damit suggerierend, es könne gar nicht anders sein. Und zum Schluss stützen sie sich auf den Begriff der „Freiheit“ und rücken mich in das Determinismuseck, indem sie behaupten, ein jeder Mensch könne doch jederzeit auch anders, welchen Umständen auch immer er in seinem Leben ausgesetzt gewesen sei. In dieser Hinsicht bestünde in unserer heutigen Gesellschaft ohnedies weit größere Freiheit als in früheren Zeiten. Sie verschweigen dabei, dass es heute so etwas wie „Karriere“ gibt, was bedeutet, dass man seine Freiheit, sobald man sich einmal für einen Berufsweg entschieden hat, für Jahrzehnte aufgeben muss, um auf diesem Berufsweg Aussicht auf Erfolg zu haben.

Dem aufmerksamen Leser und der aufmerksamen Leserin dieser Rezension wird also nicht entgangen sein, dass das Buch von Gerald Hüther, obwohl es so sehr nach meinem Geschmack geschrieben ist, zugleich auch ein Ärgernis für mich ist, weil es auf die mit den dargestellten Positionen verbundenen Argumentationsprobleme überhaupt nicht eingeht.

Was kann ich also aus diesem Buch gewinnen? Vielleicht eine bessere Problembeschreibung für das eine oder andere Problem?

Damit wären wir bei den Fragen und Problemen angelangt, um die es in Gerald Hüthers Buch inhaltlich geht.

 

Effizienz

Da wäre z.B. die Frage der Effizienz.

Die meisten Menschen sind der Auffassung, dass alles in unserer Welt besser wird, wenn wir immer noch effizienter arbeiten. Gerald Hüther glaubt das nicht. Auch mir scheint der Schluss, der vom logischen Gegensatz Effizienz/Inneffizienz suggeriert wird, falsch. Dieser logische Gegensatz suggeriert nämlich, dass wir doch wohl nicht für die Ineffizienz optieren werden, solange wir noch bei Vernunft sind; also doch lieber für die Effizienz. Aber ebenso wie die Wahl der Vernunft in die Unvernunft führt, wenn man den Bezugsrahmen der Wahl vergisst, führt auch die Wahl der Effizienz nicht unter allen Umstände zu den Ergebnissen, die wir uns wünschen.

Es ist nämlich so, dass es zwar zu einem Vorteil führt, wenn eine Aufgabe effizienter gelöst wird. So kann ein Gegenstand z.B. billiger, zeitsparender oder kostensparender produziert werden. Allerdings ist das solange nicht positiv, solange nicht ausgemacht ist, wer diesen Vorteil genießt. Es könnte nämlich sein, dass der Effizienzgewinn in einem System mehrerer miteinander konkurrierender Wirtschaftssubjekte sogleich wieder aufgezehrt wird. Und tatsächlich sieht es in unserem Wirtschaftssystem so aus, als sei genau das der Fall. Also: einem Unternehmen gelingt es, durch Effizienzsteigerung seine Produkte billiger anbieten zu können. Dadurch haben die Arbeitnehmer, die gleichzeitig auch Konsumenten sind, zwar einen Vorteil, denn sie können diese Produkte billiger einkaufen. Gleichzeitig zwingt die Effizienzsteigerung des einen Unternehmens aber auch andere Unternehmen zur Effizienzsteigerung. Diese werden ihre Effizienz steigern, indem sie die Löhne senken und einen Teil der Belegschaft abbauen. Womit sich der Effizienzvorteil auf längere Sicht in einen Nachteil verwandelt.

Oder man könnet es auch so sagen: Effizienzsteigerunen führen zu einem verschärften wirtschaftlichen Wettbewerb, und ein verschärfter Wettbewerb bedeutet für die Menschen Stress, Überstunden und Angst vor dem Jobverlust. Die Katze beißt sich also in den Schanz. Das sieht man aber natürlich erst, wenn man das größere Bild betrachtet. Im kleinen Bild ist es ganz klar, dass Effizienz besser ist als Ineffizienz und daher von einem jeden Menschen angestrebt werden muss, der einigermaßen klar bei Sinnen ist.

Für Gerald Hüther ist Effizienz vor allem verbunden mit einer Gesellschaft und Lebenseinstellung, die auf Ressourcenausnutzung abstellt. Ressourcen, und hier vor allem jene der menschlichen Arbeitskraft, lassen sich nur durch immer mehr Druck ausnutzen. Leistungsdruck wird als stressig und mit der Zeit dann als krankmachend erlebt. Es stellt sich in dem Zusammenhang der Frage, was denn die Alternative zur Orientierung an der Ressourcenausnutzung wäre. Nun, Hüther schwebt da so etwas wie die Orientierung an der Potenzialentfaltung der Menschen vor. Ich möchte es aber nicht versäumen, in dem Zusammenhang festzuhalten: Bevor wir bei dieser Orientierung ankommen könnten, müssten die meisten Menschen ihr Weltbild so weitreichend umgehen, dass sie das als Weltuntergang erleben (und es eben deshalb nicht tun) werden.

EFFIZIENZ

"Wer damit zufrieden ist, kann versuchen, so weiterzumachen wie bisher. Allerdings müsste er in Zukunft bei der Erschließung, Nutzung und Aneignung der noch vorhandenen Ressourcen auf dieser Erde angesichts der vielen anderen, die genauso unterwegs sind, immer effizienter werden. Er müsste noch mehr auf kurzfristige Erfolge statt auf langfristige Lösungen setzen, noch mehr Druck machen und Leistung einfordern, noch mehr kontrollieren, sich noch rücksichtsloser über die Interessen anderer hinwegsetzen und seine eigenen Gefühle, Bedürfnisse und Sehnsüchte noch besser abspalten bzw. unterdrücken. Mit einem Satz: Er muss nicht nur alles um sich herum, andere Menschen, seine Mitarbeiter, sogar seine Familie und nicht zuletzt sich selbst als Ressource behandeln, nutzen und ausnutzen. Mit dieser Strategie kann er dann, wie auch alle anderen, die er bewundert, sehr erfolgreich sein, damit macht er also gute Erfahrungen und die werden in seinem Frontallappen verankert und zu einer Haltung verdichtet.“

Ebd., S. 151.


Vernunft und Rationalität

Nächster Punkt: die Vernunft. Ich habe schon angedeutet, dass auch das Streben nach Vernunft und Rationalität in die Unvernunft führt, und auch hier ist Gerald Hüther mit mir einer Meinung.

Wie würde ich es einem einfachen Menschen erklären, dass Vernunft etwas Unvernünftiges ist? Jeder normale Mensch weiß doch, dass das ein offenkundiger Blödsinn ist, was ich hier behaupten will. Das sagen doch schon allein die Worte: Es ist offenkundig, dass es besser ist, nach „Vernunft“ zu streben als nach „Unvernunft“; denn wer nach Unvernunft strebt, geht sehenden Auges ins Verderben.

Das sagt der einfache Mensch. Und an und für sich hat er auch Recht damit. An und für sich und in absoluten Begriffen ist es besser, das Vernünftige zu tun als das Unvernünftige. Aber – und das ist mein Einspruch – auch hier entscheidet wiederum der Bezugsrahmen darüber, was vernünftig ist und was unvernünftig.

Der Bezugsrahmen in unserer Gesellschaft aber sieht so aus, dass die reine Vernunft als vernünftig gilt und das Gefühl, die Emotion als ausschließlich irrational, als unvernünftig. Dieses Verständnis von Vernunft hat sich in der Zeit der Aufklärung herausgebildet und ist auch mit der modernen Naturwissenschaft verbunden. Das gegenwärtige Vernunftverständnis ist der Meinung, des Gefühls nicht zu bedürfen, weil die Vernunft alle Mittel zur Entscheidung einer jeden wichtigen Frage selbst in der Hand hat. Denn eine jede Frage soll doch nur ausschließlich auf der Grundlage von Wahrheit oder Zutreffen entschieden werden. Und darüber, ob etwas objektiv wahr ist oder zutrifft, darüber kann nur die Vernunft entscheiden und nicht das Gefühl.

VERNUNFT

„Das Denken allein ist kein geeignetes Instrument, um sich damit in der Welt zurechtzufinden. Im Gegenteil. Je komplexer die mit Hilfe dieser Ratio gestaltete Lebenswelt wird, je stärker sich das Spektrum der Handlungsmöglichkeiten des Menschen erweitert, desto mehr versagt das [S. 87] rationale Denken, wenn es darum geht, komplexe Zusammenhänge zu erfassen und sinnvolle, d. h. das eigene Überleben sichernde, Weiterentwicklung ermöglichende Entscheidungen zu treffen.
So geht das Zeitalter der Rationalität mit einer bemerkenswerten Erkenntnis zu Ende: Denken können wir, was wir wollen. Sogar Handeln können wir – zumindest eine Zeitlang – nach unserem eigenen Gutdünken. Aber um glücklich und zufrieden, mutig und zuversichtlich leben zu können, müssen wir in der Lage sein, etwas zu empfinden. Wir müssten also die Intelligenz und die Kraft unserer Gefühle wieder erkennen, schätzen und nutzen lernen. Nur so könnten wir einen Ausweg aus dem Irrsinn unserer gegenwärtigen Lebenswelt finden, in den uns der Einsatz des nackten Verstands geführt hat. Wir müssten versuchen, die verloren gegangene Einheit von Denken, Fühlen und Handeln, von Rationalität und Emotionalität, von Geist, Seele und Körper wiederzufinden. Sonst laufen wir Gefahr, uns selbst zu verlieren.“

Ebd., S. 86-87.

Was sind die Folgen des heutigen Vernunftbegriffs? Die Folgen snd ein rein instrumenteller Vernunftgebrauch. Instrumenteller Vernunftgebrauch meint:

  • „Ich weiß zwar nicht, was ich mache, aber dafür mache ich es ausgezeichnet.“
  • „Ich weiß zwar nicht, wo ich hin will, aber dafür bin ich schneller dort.“
  • „Dasjenige, was ich mache, mache ich auf die bestmögliche Weise, und ob alles rundum dabei zu Bruch geht, nehme ich nicht einmal zur Kenntnis.“

(Das heutige Problem der Umweltverschmutzung ist sicherlich eine Folge unserer Vorliebe für die „Vernunft“, also für die zeitlich und räumlich beschränkte Problemlösung.)

Ich glaube, es ist offensichtlich, dass ein solcher Vernunftgebrauch unvernünftig ist. Man braucht also nur zwei Schritte weit zu denken, um zu dem Schluss zu kommen, dass Vernunft und Rationalität unvernünftig und dumm sind. Trotzdem wird man bis heute von Menschen, die nicht nachdenken, als „Irrationalist“ gescholten, also als ein Mensch, der bewusst das Unvernünftige anstrebt, wenn man sich gegen die Vernunft wendet.

(Ich hoffe, ich habe durch meine Argumentation gezeigt, dass ich nicht automatisch für das Unvernünftige bin, wenn ich mich gegen die reine Vernunft wende. Aber ich habe auch die Erfahrung gemacht, dass vernünftige Menschen durch Argumente gewöhnlich nicht zu erreichen sind – nämlich meistens deshalb, weil meine Argumente von ihnen verlangen würden, dass sie ihre Perspektive, ihren Bezugsrahmen oder ihre Problemdefinition ändern.)

 

Verwaltung, Organisationen

Nächster Punkt: Verwaltung. Alle Menschen scheinen heute davon überzeugt zu sein, dass stetige Verbesserungen in allen Teilen der Verwaltung das Funktionieren von Institutionen und Organisationen und das Zusammenleben der Menschen in der Gesellschaft verbessern. Hüther sagt demgegenüber, dass sich der Mensch in einer verwalteten Gesellschaft schwach und ohnmächtig fühlt und ihn nichts mehr interessiert, als dass er möglichst schnell das Wochenende oder die Rente/Pension erreicht.

VERWALTUNGSGEIST

„Bisweilen kommt es vor, dass die Mitglieder einer menschlichen Gemeinschaft, also einer Familie, einer Schule oder einer Firma sich nicht mehr vorrangig um das kümmern, was ursprünglich Sinn und Zweck der jeweiligen Gemeinschaft war, weshalb sie ursprünglich einmal entstanden ist. Dann verschwindet der gute Geist dieser Gemeinschaft, und an seine Stelle rückt dann ein anderer Geist nach, geradezu als ob er die ganze Zeit nur darauf gewartet hätte, dass er nun die Geschicke dieser betreffenden Gemeinschaft in die Hand nehmen und [S. 183] lenken kann. Manchmal heißt er „Verwaltungsgeist“, ein andermal hat er auch gar keinen Namen. Er fängt dann an, das Klima in der betreffenden Familie, der Schule, des Krankenhauses oder des Betriebes zu bestimmen, und dann machen die Mitglieder der betreffenden Gemeinschaft eben die Erfahrung, dass sie nur noch verwaltet, umhergeschoben und ausgenutzt werden. Und aus den so gemachten Erfahrungen verfestigen sich in ihrem Frontalhirn genau solche Haltungen und inneren [sic!] Einstellungen, die zu diesem eigenartigen Geist passen, der ihre Familie, Schule oder Firma besetzt hat. Dann ist ihnen das Wohl ihrer Gemeinschaft und das, wofür sie eigentlich da ist, egal, dann versuchen sie vielleicht noch ihre Pflicht zu erfüllen, warten aber die ganze Zeit auf Feierabend oder die Berentung.“

Ebd., S. 182-183.

Hüther behauptet auch etwas, was mir in Diskussionen immer wieder bestritten wird, nämlich dass Organisationen eine gewisse Eigendynamik entwickeln. Also dass, z.B., eine Gewerkschaft gegründet wird, und am Anfang ist sie für die Arbeitnehmer da, aber irgendwann kommt dann der Punkt, an dem die Gewerkschaft nur noch weiterbestehen will und die in ihr hauptberuflich Beschäftigten nur noch ihren Job behalten wollen, und dann sucht die Gewerkschaft einfach nach dem, was sie braucht, um auch in Zukunft weiterbestehen zu können. Dann sind die Arbeitnehmer nicht länger ihr Zweck, sondern werden ihr zum Mittel, um ihren eigenen Fortbestand zu sichern.

ORGANISATIONEN

„Ergänzt und in seiner Wirkung verstärkt wird dieses Hamsterrad im eigenen Kopf durch die Vielzahl von Organisations- und Verwaltungsstrukturen, die jede arbeitsteilige Gesellschaft entwickelt, um die anstehenden Aufgaben zuzuweisen und die für die Erfüllung dieser Aufgaben in Aussicht gestellten Belohnungen zu verteilen. Ähnlich wie die im Hirn des Einzelnen verankerten Vorstellungen entwickeln aber auch diese von Gemeinschaften entwickelten Organisations- und Verwaltungsstrukturen eine sich selbst stabilisierende Eigendynamik. Dann wird die Organisation und die Verwaltung immer effizienter, und zwangsläufig wird auf diese Weise all das gestärkt, was dem noch besseren Organisieren und Verwalten all dessen dient, was [S. 114] da jeweils organisiert und verwaltet wird. Nur scheinbar handelt es sich dabei um Arbeit, Geld, Gesundheit, Bildung oder Renten. In Wirklichkeit sind es immer lebendige Menschen, die als Arbeitnehmer, Lohnempfänger, Einwohner, Patienten, Schüler oder Rentner zu Gegenständen dieses so entstandenen Organisations- und Verwaltungsapparates gemacht werden. Je häufiger aber Menschen die Erfahrung machen, dass sie organisiert und verwaltet werden, desto seltener finden sie Gelegenheit, sich selbst als Entdecker ihrer eigenen Möglichkeiten und als Gestalter ihres eigenen Lebens zu erleben. Und je früher und intensiver das geschieht, desto weniger gelingt es ihnen, diese Fähigkeiten aus sich selbst heraus überhaupt noch zu entwickeln. Dann bleiben sie zeitlebens Gefangene in diesem sozialen Hamsterrad der von uns selbst geschaffenen Organisations- und Verwaltungsstrukturen.“

Ebd., S. 113-114.

 

Konkurrenz, Wettbewerb

Nächster Punkt: Konkurrenz. Gegen unsere allgemein geteilte Meinung, dass Wettbewerb dazu verhelfe, Potenziale zu erwecken und die Besten zu finden, sagt Hüther, dass Konkurrenz eigentlich immer nur zu Spezialisierung führe, nicht aber zur Entwicklung von Potenzialen.

WETTBEWERB

„Die Vorstellung, dass es im Verlauf des Evolutionsprozesses um die Herausbildung von Potentialen und nicht um die Ausprägung von Merkmalen geht, passt einfach nicht in das Weltbild einer auf Ressourcennutzung fokussierten, von Wettbewerb und Sektion [sic!] geprägten Kultur. Wer glaubt, um sein Überleben oder um seine Daseinsberechtigung kämpfen zu müssen, kann sich nicht um seine Potentialentfaltung kümmern, geschweige denn um die von anderen Menschen.
In unserem Kulturkreis ist das Anheizen von Wettbewerb, das Erzeugen von Leistungsdruck, von Angst und Stress eine beliebte und immer wieder eingesetzte Strategie, um letzte Ressourcen zu mobilisieren und schwierige Situationen zu überstehen. Die damit zu erreichenden Erfolge sind allerdings immer nur kurzfristig und stoßen auch schnell an Grenzen. Dann lässt sich durch noch mehr Druck einfach nicht noch mehr Leistung erzeugen. Menschen sind eben keine Maschinen.“

Ebd., S. 150.

 

NOCHMALS WETTBEWERB

„Dabei müssten wir doch längst begriffen haben, dass Menschen unter Wettbewerbsdruck sich nicht weiterentwickeln und ihre Potentiale entfalten, sondern dass das, was durch das Schüren von Konkurrenz hervorgebracht wird, nur fortschreitende Spezialisierungen sind. Fachidioten und Leistungssportler kann man durch Wettbewerb erzeugen, aber nicht umfassend gebildete, vielseitig kompetente und umsichtige, vorausschauend denkende und verantwortlich handelnde, in sich ruhende und starke, beziehungsfähige Persönlichkeiten.
Solche Entwicklungen eines Menschen werden durch Kon-[S. 81]kurrenzdruck nicht ermöglicht oder begünstigt. Sie werden unter diesen Bedingungen verhindert. Wettbewerb erzeugt stromlinienförmige Angepasstheit, nicht aber Komplexität und Beziehungsfähigkeit. Auch nicht im Gehirn.“

Ebd., S. 80-81.

 

Erfolg

Schließlich: Erfolg. Ich muss ja sagen, dass ich beim Begriff des „Erfolgs“ ähnlich wie bei anderen Begriffen (z.B. bei dem der „Evidenz“) das Gefühl habe, dass es sich dabei um einen Übersetzungsfehler aus dem Englischen handelt. Hüther ist nämlich ein Anhänger des Gelingens (siehe: S. 14), ebenso wie er ein ausgesprochener Feind des Erfolgs ist. Auf Englisch heißt aber „gelingen“ „succeed in doing (this or that)“. Nichtsdestotrotz, jemand wie ich versteht den Unterschied zwischen „Erfolg“ und „Gelingen“ sofort. „Gelingen“, würde ich sagen, ist, wenn ich ein Lied schreibe, das mir gefällt, obwohl es vielleicht sonst niemandem gefällt. „Erfolg“ ist, wenn es mir gelingt, ein Lied zu schreiben, das allen gefällt, nur mir nicht.

ERFOLG

„Gern lade ich Sie in diesem Buch ein, gemeinsam mit mir herauszufinden, wie das [nämlich: „unsere eigene Lebenswelt und damit auch die unserer Kinder so zu gestalten, dass es in Zukunft immer etwas besser möglich wird, das wunderbare menschliche Potential zur Entfaltung zu bringen, das in uns allen angelegt, in jedem verborgen ist“ – Anm. Hofbauer] auch bei Ihnen zu Hause, in der Schule Ihrer Kinder, in Ihrem Wohngebiet oder in Ihrer Firma gehen kann. Wonach wir dabei suchen müssten, ist nicht das Geheimnis des Erfolgs. Um in unserer gegenwärtigen Welt erfolgreich zu sein, braucht man weder seine menschlichen Potentiale zu entfalten, noch muss man beim Übergang vom Affen zum Menschen besonders weit vorangekommen sein. Falls Sie bis eben noch gehofft hatten, in diesem Buch Hinweise zu finden, wie Sie die Erkenntnisse der Neurobiologie nutzen können, um Ihr Leben, Ihre Beziehungen zu anderen Menschen, die Erziehung Ihrer Kinder oder Ihre berufliche Entwicklung in Zukunft noch erfolgreicher zu gestalten, dann schlagen Sie es jetzt lieber wieder zu.“

Ebd., S. 13.

Hüther nennt dann aber doch das „Geheimnis des Erfolgs“. Es ist „Dissoziation“, eine Art Persönlichkeitsspaltung, die darin besteht, dass man unter gegebenen Umständen einfach so weitermacht wie bisher, mag auch rund um einen alles zugrunde gehen. Erfolg führt zu Stress, Depression, Aufmerksamkeitsstörungen – und insgesamt zu jenem „Hamsterrad“, welches die gegenwärtige Gesellschaft für uns ist.

DISSOZIATION

„Hirntechnisch ist dieser Zustand von Angst und Hilflosigkeit nicht lange auszuhalten. Deshalb findet auch jeder Mensch über kurz oder lang eine Lösung, die ihm hilft, wieder einigermaßen Ordnung in die im Gehirn ablaufenden Erregungen zu bringen. Der Fachausdruck dafür lautet Dissoziation, der Volksmund nennt es hirnrissig, und das bedeutet nichts anderes, als dass man sich mit aller Kraft darum bemüht, einfach so weiterzumachen wie bisher, so zu tun, als wäre noch immer alles in Ordnung, als gäbe es all diese Probleme unseres gegenwärtigen Sozial-, Bildungs-, Renten- Finanz- oder Wirtschaftssystems nicht, als wäre all das, was uns in den Medien und von allen möglichen Experten vor Augen geführt wird, in Wirklichkeit gar nicht vorhanden oder gar nicht so wichtig.

Wer diese Fähigkeit des Abspaltens und Verdrängens lange genug erfolgreich eingesetzt hat, kann tatsächlich einfach so weitermachen wie bisher. Manche schaffen es sogar, all das, was sie bisher ohnehin schon immer gemacht haben, nun sogar noch besser, noch effektiver, noch rücksichtsloser und noch gedankenloser umzusetzen. Augen zu und durch! Es geht ja nicht anders, heißt ihre Devise. Dann kann man sich als Mutter um die besten Frühförderungsprogramme und die kompetentesten Nachhilfelehrer für den eigenen Nachwuchs kümmern, man kann als Führungskraft Kurse über effektiveres Zeitmanagement besuchen und seine Ferien auf der letzten noch intakten Südseeinsel verbringen. Schüler und Studenten können ihre kognitive Leistungsfähigkeit mit Hirndoping-Pillen steigern. Und als Hirnforscher kann man nach neuen Psychopharmaka zur Verbesserung der Stressbewältigung, der Affektregulation, der Aufmerksamkeitsfokussierung oder der Merkfähigkeit suchen. Daran leiden ja nun auch immer mehr Menschen, weil sie das, was sie brauchen, nicht finden und sie [S. 113] das, was sie belastet, nicht verändern können. Das Bild des Hamsterrades beschreibt am anschaulichsten den Zustand, der das Lebensgefühl einer wachsenden Zahl von Menschen in unserer gegenwärtigen Leistungsgesellschaft prägt. Interessanterweise gilt das inzwischen nicht nur für all jene, die in diesem Rad gefangen sind, sondern ebenso für diejenigen, die es drehen.“

Ebd., S. 112-113.

Und noch ein „Geheimnis des Erfolgs“ verrät und Gerald Hüther. Ebenfalls eines, das wir im Grunde alle schon kennen. Eines, das viel über die Dynamik unserer gegenwärtigen Gesellschaft aussagt. Wenn unsere gegenwärtige Gesellschaft und Lebenswelt in Vernunft, Effizienz und Leistung besteht, das heißt in Stress, Hamsterrad und psychischen Krankheiten, dann besteht das Geheimnis zum Erfolg natürlich darin, den Menschen einzureden, dass sie noch schwächer, ohnmächtiger und hilfsbedürftiger sind, als sie es ohnehin schon sind, um ihnen ein Nutzenversprechen verkaufen zu können: einen Ausweg aus ihrer gegenwärtigen Lage. So erlangt man vor allem wirtschaftlichen Erfolg.

RATTENFÄNGER

„Für nichts lassen sich Menschen, auch schon als kleine Kinder, mehr begeistern als für das, was wir Glück nennen. Glücklich sind Menschen immer dann, wenn sie Gelegenheit bekommen, ihre beiden Grundbedürfnisse nach Verbundenheit und Nähe einerseits und nach Wachstum, Autonomie und Freiheit andererseits stillen zu können. Wenn sie also in der Gemeinschaft mit anderen über sich hinauswachsen können. Wer das erleben darf, ist glücklich. Der ist dann auch von keinem Rattenfänger dieser Welt verführbar. Der läuft niemandem hinterher, der ihm irgendetwas verspricht. Als kleines Kind nicht und auch nicht als Erwachsener.

Gesetzt der Fall, Sie wären ein heute lebender Rattenfänger und Sie hätten ein besonderes Interesse daran, dass möglichst viele Kunden Ihrem Flötenspiel, also Ihren Ratschlägen, Ihren Angeboten und Ihren Verführungen folgen. Wie müssten Sie vorgehen, was müssten Sie schaffen, um in diesem Bemühen möglichst erfolgreich zu sein? Ja, genau das. Möglichst viel Unzufriedenheit, Leid, Frust, Ärger, Wut, also möglichst viele unglückliche Leute müssten Sie erzeugen. Die würden dann [S. 108] bereitwillig all Ihren Angeboten, Ihren Versprechungen und Ihren Ratschlägen folgen, wenn die nur irgendwie, und auch nur für kurze Zeit, dazu beitragen, etwas glücklicher, etwas zufriedener, etwas froher zu sein. Und was müssten Sie verknappen, damit die Leute möglichst unglücklich und damit besonders gute Kunden und Konsumenten Ihrer Angebote werden? Sie müssten die Zeit und die Gelegenheit verknappen, die Ihnen zum gemeinsam über sich Hinauswachsen zur Verfügung steht.

Sie müssten die Beziehungen der Menschen so organisieren, dass immer mehr von ihnen die Erfahrung machen, dass es für sie vorteilhafter ist, wenn sie gegeneinander statt miteinander arbeiten, und Sie müssten die Lebenswelt der Menschen so gestalten, dass sich der Einzelne wie ein winziges Zahnrad in einem mächtigen Uhrwerk erlebt und irgendwann die Hoffnung begräbt, in dieser komplett durchorganisierten Lebenswelt jemals etwas selbst gestalten und damit autonom und frei werden zu können. Wenn Sie das so machten, dann wären Sie ein moderner Rattenfänger und die Menschen würden sich für Ihre Tipps und Angebote immer neu begeistern.“

Ebd. S. 107-108.

Ob Gerald Hüthers Buch ein philosophisches ist

Zum Schluss möchte ich noch eine Frage bedenken, die mir wichtig erscheint: Ist Gerald Hüthers Buch ein philosophisches?

Neurobiologisches Buch ist es nämlich keines. Auch wenn Gerald Hüther in dem Buch die Neurowissenschaft vertritt, so als hätte sie bloß eine Stimme, und immer wieder sagt, dass etwas „aus neurowissenschaftlicher Sicht“ so oder so sei – ein neurowissenschaftliches Buch ist es trotzdem nicht, weil es kein wissenschaftliches Buch ist.

Es gäbe noch eine Möglichkeit: Es handelt sich um so genanntes „populärwissenschaftliches Buch“. Aber das ist es auch nicht. Denn ein populärwissenschaftliches Buch erzählt den Leserinnen und Lesern möglichst viel Interessantes aus dem Fach, um dieses Fach bei Nichtfachleuten populär zu machen. Das aber tut Gerald Hüthers Buch auch nicht; denn er verhandelt darin alle möglichen Fragen, die unser Leben, Zusammenleben, Lernen, Arbeiten und die Gestalt unserer Gesellschaft zum Thema haben – also er tut das, was man so herkömmlich „Philosophieren“ nennt.

Es gibt noch einen zweiten Hintergrund, warum mich interessiert, ob Gerald Hüthers Buch ein philosophisches ist oder nicht. Der Grund dafür ist, dass es heute vielleicht gar nicht mehr so erstrebenswert ist, sich als Philosophierender zu zeigen oder ein philosophisches Buch zu schreiben. Philosophie ist heute alles das, was übrig geblieben ist, nachdem sich die Einzelwissenschaften aus ihr herausgenommen haben, was sie interessiert. Es könnte sich also bei dem Buch von Hüther auch um die Strategie handeln, in die Neurobiologie einzugemeinden, was früher einmal Philosophie war. Denn bei der Frage, was das ist, „was wir sind und was wir sein könnten“, ist es heute schon nicht mehr klar, dass es sich um eine philosophische handelt. Um aus ihr eine philosophische zu machen, müsste man sie in Verbindung bringen zu einem toten Philosophen aus der Philosophiegeschichte, wobei sich das Philosophische daran dann zumeist darauf reduziert, neu und besser zu interpretieren, was der Philosoph damals vor Jahrhunderten „wirklich“ gemeint hat. Aus der Sicht der heutigen Universitätsphilosophie ist das Thema von Hüthers Buch sicherlich kein philosophisches, denn wenn die gegenwärtigen akademischen Philosophen ihre abstrakten, leblosen, formallogischen Problemaufrisse einbringen, dann lässt sich daraus keine Perspektive gewinnen, mit deren Hilfe der heutige Mensch seine Lage und sein Leben in Gesellschaft in den Blick bekommen könnte.
Damit will ich sagen, dass Hüthers Buch von seiner Thematik her tatsächlich ein philosophisches ist und dass ich es bezeichnend für das Ansehen der Philosophie in unserer Zeit finde, dass hier ein Neurobiologe nicht zugeben will, dass er in seiner Freizeit philosophiert. (Soll er doch, ich habe nichts dagegen!)

Doch Vorsicht, bislang habe ich erst gesagt, dass das Buch vom Thema her gesehen ein philosophisches ist (denn es gibt Themen, die philosophischer sind als andere). Aber ich habe auch noch einen Grund vorzubringen, warum das Buch nicht philosophisch ist: Ich habe schon des öfteren darüber gesprochen, wie mir das vorkommt, wenn jemand in einem Buch oder in einem anderen Text so aussieht, als würde er überhaupt nicht mit seiner Sicht der Dinge ringen. Ein „So ist das-Buch“ und ein „Die Neurobiologie sagt das-Buch“ ist für mich kein philosophisches Buch, sondern ein neues Dogma, ein Versuch der Indoktrination. Von einem philosophischen Buch würde ich erwarten, dass mir ein Mensch (der Autor, die Autorin) als nachdenkender gegenübertritt und mir seine Argumente nennt, die ihn davon überzeugt haben, jener Sicht der Dinge anzuhängen, die er nun in diesem Buch vertritt.

Alles das tut Gerald Hüther nicht. Deshalb habe ich durch die Lektüre seines Buches das Wissen gewonnen, dass es einen Menschen gibt, der ähnlich denkt wie ich (und ich also offenbar nicht ganz verrückt bin, auch wenn es mich meine unmittelbare menschliche Umwelt immer wieder glauben machen will), aber weiter keine geistige Hilfe erhalten.

Wenn mir also in Hinkunft noch einmal jemand widerspricht oder sagt, er verstünde mein Problem überhaupt nicht, so werde ich ihn auf Hüthers Buch verweisen und ihm (oder ihr) sagen: „Sie denken doch nur so, weil Ihnen Ihr Hirn so gewachsen ist!“

 

Schluss

Liebe Leute, lest Gerald Hüthers Buch Was wir sind und was wir sei könnten. Ein neurobiologischer Mutmacher. Daraus lernt Ihr, dass die Neurobiologie erwiesen hat, dass

  1. Vernunft unvernünftig ist;
  2. Effizienz schlecht ist;
  3. Verbesserung der Verwaltung schlecht ist
  4. und Erfolg und Leistung abzulehnen sind.


13.7.2014



© helmut hofbauer 2014