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Dissertation: Bezugspunkt Gesellschaft

Die alte Scheune

Rezension von Jay F. Rosenberg: Drei Gespräche über Wissen (im Original: Three Conversations about Knowing (2000)), Reclam, Stuttgart 2013.

Dieses Buch stellt die Inhalte der Erkenntnistheorie der analytischen Schule der Philosophie in Form von Gesprächen zwischen den Studenten Skip, Gemma, Justin und Edie dar.

Skip repräsentiert dabei die Figur des Skeptikers, desjenigen, der darauf besteht, dass wir nur dann Wissen haben, wenn wir absolute Gewissheit haben, dass etwas wahr ist.

Justin hingegen scheint den Anspruch der analytischen Philosophen am besten zu vertreten, indem er sagt: „Ich denke immer noch, dass wir eine Beschreibung von Wissen brauchen, die mit einer gewissen Art von gerechtfertigter wahrer Überzeugung arbeitet, die aber keine absolute Gewissheit erfordert.“ (S. 84)

Mir selbst ist die Sinnhaftigkeit der analytischen Erkenntnistheorie auch durch dieses Buch nicht einsichtiger geworden; allerdings ist sie bei weitem verdaulicher und zeitsparender konsumierbar, als würde man die Originalartikel der Heroen der analytischen Erkenntnistheorie wie Chisholm, Lehrer, Gettier, Goldman, Harmann usw. lesen. (Es ist diese Einsicht noch nicht bis in die akademische Welt vorgedrungen, aber es ist tatsächlich der Fall, dass der Mensch nur eine begrenzte Lebenszeit hat.)

Der Grund, warum mir die Sinnhaftigkeit der analytischen Tradition der Erkenntnistheorie nicht verständlich ist, wird hingegen schon deutlicher sichtbar, wenn man ihre hauptsächlichen argumentativen Positionen in einem kurzen Büchlein auf einem Fleck beisammen hat und sie bequem überschauen kann: Es kommt mir nämlich vor, dass in der analytischen Erkenntnistheorie in all den Beispielen immer wieder Geschichten erzählt werden, die in einer wesentlichen Hinsicht unvollständig sind – und ich verstehe eigentlich nicht, warum man sie in der Weise unvollständig erzählen will und dadurch fortwährend eine ungenügende Basis schafft, um das Problem des Wissens zu diskutieren.

Da ist zum Beispiel das alte Scheunenbeispiel, das in diesem Buch von Skip (S. 59-60) erzählt wird. Eine Person namens George fährt durch Madison County und sieht dort, im Vorbeifahren aus dem Auto schauend, ein Gebäude, das wie eine Scheune aussieht. George ist also der Meinung, dass dort tatsächlich eine Scheune steht. Und er hat auch wirklich recht mit seiner Überzeugung, weil das dort tatsächlich eine Scheune ist. Allerdings verhält es sich so, dass in Madison County für Filmaufnahmen zusätzliche Scheunen aufgestellt worden waren, aber keine echten, sondern nur Scheunenfassaden. Der Schluss lautet nun, dass man nicht sagen könne, dass George weiß, dass das, was er sieht, eine Scheune ist, weil es durch Zufall genauso gut bloß eine Scheunenfassade sein könnte.

Was mir an dieser und an anderen Geschichten, die die analytischen Erkenntnistheoretiker erzählen, fehlt, ist, dass es ja im menschlichen Leben immer wieder Erfahrungen gibt, in welchen sich vermeintliches Wissen als wahr oder falsch herausstellt. Und die werden in der analytischen Erkenntnistheorie nicht erzählt. Zum Beispiel könnte es sein, dass George mit dem Auto stehen bleibt, die Scheune zu Fuß genauer inspiziert und feststellt, dass es sich tatsächlich um eine Scheune handelt. Oder es könnte sein, dass er nach Beendigung der Fahrt einer anderen Person erzählt, er habe auf dem Weg eine Scheune gesehen, und sein Gesprächspartner sagt zu ihm: „Aber das weißt du schon, dass in Madison County auch Scheunenattrappen stehen?“

Schließlich könnte es sein, und das erscheint mir als der wichtigste Fall von allen, dass Georges vermeintliches Wissen weder bestätigt noch in Frage gestellt wird. Er fährt also mit dem Auto, sieht eine Scheune, glaubt, dass es eine Scheune ist, die ganze Angelegenheit ist für ihn auch gar nicht so wichtig, weil er sich nicht speziell für Scheunen interessiert, und es ist am Ende völlig gleichgültig, ob er nun wirklich weiß, dass das eine Scheune ist oder ob er es nicht weiß.

Bei den analytischen Philosophen gibt es keine Erfahrungen, in denen sich ein Wissen bestätigt; anstatt dessen erwähnen sie gerne gleichzeitig Fakten, die meiner Meinung nach nicht zusammengehören, also zum Beispiel die Fakten, dass George eine Scheune sieht und dass es auch tatsächlich eine Scheune ist. Diese beiden Fakten passen nicht zusammen, weil George nur die sinnliche Wahrnehmung der Scheune zugänglich ist, das Wissen, ob es sich dabei objektiv und tatsächlich um eine Scheune handelt, aber nicht.

Die analytischen Philosophen spielen dieses Spiel gern weiter, indem sie in verschiedenen Lösungsansätzen annehmen, dass etwas dann gewusst wird, wenn seine Wahrnehmung von den richtigen Ursachen ausgelöst wird oder wenn im Urteil über die Sinneswahrnehmung keine falsche Prämisse involviert ist. Aber wie soll George denn wissen, dass seine Wahrnehmung der Scheune kausal von den richtigen physikalischen Ursachen ausgelöst worden ist? Und wie kann er annehmen, dass er bei seiner Interpretation der Sinneswahrnehmung nicht von einer falschen Prämisse ausgeht?

Das könnten wir doch nur dann tun, wenn wir mit freiem Auge richtige von falschen Prämissen unterscheiden könnten. Aber falsche Prämissen haben es so an sich, dass sie kein Etikett tragen und in dem Moment, wo wir sie annehmen, nicht als falsche Prämissen erkennbar sind. Andernfalls würden wir sie ja gar nicht erst annehmen. Die Vorschrift: „Du sollst von keiner falschen Prämisse ausgehen!“ – ist deshalb ähnlich unsinnig wie die: „Du sollst nur das für wahr haben, dessen Wahrnehmung kausal durch die richtigen Ursachen verursacht ist!“ Ebenso gut könnte man vorschreiben: „Du sollst beim Lotteriespielen nur diejenigen Lose kaufen, die gewinnen!“

Aber alles dieses, das mir so völlig klar ist, ist es für analytische Philosophen offenbar nicht, und ich verstehe eigentlich nicht, warum das so ist.

Das führt mich zu dem zweiten Aspekt, in dem analytische Beispiele zur Erkenntnistheorie halsstarrig inkomplett sind: Es geht hier um die soziale Anerkennung von Wissen. Das Phänomen ist ja bekannt: Die Frage, ob jemand eine bestimmte Sache weiß oder nicht, wird oft erst dann virulent, wenn jemand anderer dieses Wissen der ersten Person anerkennt oder bestreitet. Im Alternativfall ist es ja tatsächlich oft so, dass wir etwas aus der Ferne sehen und es sich, weil wir nicht groß darüber mit anderen Menschen reden und weil es für uns selbst auch keine große Bedeutung hat, völlig egal ist, ob wir es wissen oder nicht.

Wenn es sich allerdings um Fälle von sozialer Anerkennung von Wissen handelt, dann könnten wir ja etwas machen, was die analytischen Erkenntnistheoretiker auch immer verweigern, nämlich nachschauen, wie wir in der sozialen Praxis in verschiedenen Bereichen Wissen normalerweise anerkennen oder um seine Anerkennung ringen. In Prüfungssituationen in der Schule, an der Universität oder bei der Führerscheinprüfung halten wir es zumeist nicht für nötig, dass das Wissen des Prüflings gerechtfertigte, wahre Überzeugung sei. Wenn er oder sie beim Multiple Choice-Test zufällig das Richtige erwischt, wird das durchaus als Wissen anerkannt.

Überhaupt sind analytische Beispiele zur Erkenntnistheorie dadurch charakterisiert, dass ihnen der Rahmen fehlt. Das ist ein sehr merkwürdiges Phänomen, weil Erzählungen an und für sich den Erzähler zwingen, den Protagonisten in eine Situation zu stellen und ihn dadurch in einem erzählerischen Rahmen situieren. Die analytischen Epistemologen schaffen es jedoch, mittels Beispielerzählungen über die Frage des Wissens zu philosophieren, aber zugleich eben doch Geschichten zu erzählen, die so unvollständig sind, dass ich nicht weiß, wie ich auf sie reagieren könnte.

Ich will das an einem anderen Beispiel illustrieren, weil mir das Scheunenbeispiel schon langweilig ist. Auf den Seiten 54-55 erzählt Skip die Geschichte von Sam, der sich auf der Insel Wayout Island befindet und dort gegen 15:00 Uhr vermeintlich das Postschiff sieht. Das heißt, eigentlich sieht er nur einen Punkt am Horizont, und es könnte sich daher auch um ein anderes Schiff handeln. Aber es ist 14:50, und das Wetter ist gut; es gibt also keinen Grund, warum das Postschiff verspätet eintreffen sollte. Die Geschichte endet in der Version von Rosenberg damit, dass Sam das Postschiff am Horizont gesehen hatte, weil er allen Grund zur Annahme hatte, dass es sich tatsächlich um das Postschiff handelt und weil seine Sinneswahrnehmung kausal durch die richtigen physikalischen Ursachen ausgelöst worden war, weil also keine Sinnestäuschung vorlag.

Aber für mich ist diese Erzählung in so krasser Weise unvollständig, dass ich überhaupt keine Lust habe, mir über das Wissen von Sam Gedanken zu machen, indem ich sie interpretiere. Anstatt dessen würde ich viel lieber wissen: Was hat Sam überhaupt auf Wayout Island zu tun? Warum war er zu der Zeit am Strand? Hat er auf das Postschiff gewartet? Hat er vielleicht sogar Post erwartet? Welchen Unterschied macht das für Sam, ob der Punkt am Horizont das Postschiff tatsächlich ist oder ob es das nicht ist?

Alle diese Umstände haben nämlich einen Einfluss auf die Erzählung. Wenn Sam etwa deshalb am Strand war, weil er Post erwartet hat, dann wird er sich nicht damit begnügt haben, das Postschiff am Horizont als Punkt zu beobachten, sondern er wird gewartet haben, bis das Schiff angekommen ist. In dem Fall wird aber die ganze von Skip erzählte Geschichte mit dem Postschiff als Punkt am Horizont obsolet. Oder aber Sam war gar nicht an dem Postschiff interessiert. In dem Fall hat er es als Punkt am Horizont wahrgenommen und hat sich vielleicht sogar dabei gedacht: Das ist sicherlich das Postschiff! – aber er hat dann vielleicht seinen Spaziergang fortgesetzt und den Vorfall vergessen. Womit sich Skips Geschichte wiederum von selbst erledigt hat. Oder aber Sam wird von einer anderen Person gefragt, ob er das Postschiff gesehen habe, und dann wird er wohl sagen: „Ich glaube, ja.“ In dem Fall treten dann soziale Konventionen darüber in Kraft, wann wir von etwas behaupten, dass wir es gesehen haben, und die werden gewöhnlich nicht dadurch erfüllt, dass wir etwas als Punkt am Horizont gesehen haben.

Die analytische Erkenntnistheorie ist also sehr merkwürdig. Sie hat etwas gegen die Position, dass Wissen absolute Gewissheit voraussetzt und scheint deshalb von dem auszugehen, was wir mit dem Ausdruck „gesunder Menschenverstand“ bezeichnen. Als Anhänger des gesunden Menschenverstandes verteidigen die analytischen Erkenntnistheoretiker, dass gewöhnliche Menschen hier in dieser unserer Welt, in welcher absolute Gewissheit unerreichbar ist, dennoch Wissen haben können. Gleichzeitig verteidigen sie diese Möglichkeit aber durch Beispielgeschichten, die eigentlich nicht von dieser Welt sind, indem sie unvollständig sind und essentielle Details unerwähnt lassen.

Man kann übrigens auch angeben, warum die Erzählungen der analytischen Philosophen so „halbert“ sind: Weil sie konstruiert sind; sie sind bloß Spiegelbilder des Arguments, das sie bestätigen oder kritisieren wollen. Wenn also z.B. der eine analytische Philosoph meint, Wissen als wahre gerechtfertigte Meinung definieren zu können, dann konstruiert ein anderer eine Geschichte, die zeigen soll, dass eine Meinung wahr und gerechtfertigt sein kann und trotzdem kein Wissen darstellt.

Es ist mir also unverständlich, wie bei den analytischen Philosophen die Neigung zum Hausverstand mit dem offensichtlichen Fehlen von Realitätssinn beim Geschichtenerzählen zusammengeht; oder auch, wie ihr angeblicher Sinn für unsere alltägliche Realität zusammengeht mit ihrer Vorliebe für die Behandlung von Problemen ausschließlich mit logischen Argumenten sowie mit ihrem völligen Desinteresse an der Empirie.

Dieses völlige Desinteresse an der Empirie hat auch zur Folge, dass in den Beispielen der analytischen Erkenntnistheorie nie thematisiert wird, wer denn hier überhaupt das Subjekt der Erkenntnis ist. Weil das nicht thematisiert wird, wird in der analytischen Erkenntnistheorie auch nie die Frage gestellt, ob es sich um unterschiedliche Formen von Wissen handelt, wenn etwas als wissenschaftliches Wissen mit Allgemeingültigkeitsanspruch publiziert wird oder wenn jemand alltägliche Inhalte für den Privatgebrauch weiß. Es wird noch nicht einmal die Frage gestellt, ob denn jener Punkt, den Sam am Horizont sieht, zu der Sorte von Wissen gehört, die wir in Büchern abdrucken und unseren Kindern lehren.

Es ist aus diesem Grund irreführend, wenn der Klappentext des Buchs und der Text über den Autor (S. 91-92) suggerieren, in dem Buch werde eine voraussetzungslose Einführung in die philosophische Thematik des Wissens gegeben. Man hätte doch zumindest vermerken können, dass es sich hier um eine bestimmte Auffassung der Thematik aus der Perspektive einer einzelnen philosophischen Tradition handelt.

LeserInnen, die sich für analytische Erkenntnistheorie interessieren, kann ich dieses flüssig geschriebene und leicht zu lesende Buch daher reinen Herzens empfehlen, LeserInnen, die sich philosophisch für die Frage nach dem Wissen interessieren, hingegen nur unter einer Einschränkung:

Man kann das Buch lesen unter der Voraussetzung, dass man sieht, wie tief es in der Tradition der analytischen Philosophie steckt, so tief nämlich, dass es nicht imstande ist, sein eigenes Verhaftetsein in dieser Tradition zu reflektieren (das hat es mit den analytischen Philosophen gemein). Man muss sehen, dass es aus dem Grund extrem vorurteilsbeladen und parteiisch ist und dass viele Fragen, die eigentlich zum Thema Wissen dazugehören würden, nie angesprochen werden.

Einige davon habe ich erwähnt: Wer ist überhaupt das Subjekt von Wissen – der einzelne Mensch oder zum Beispiel die wissenschaftliche Gemeinschaft? Gibt es verschieden anspruchsvolle Qualitätsstandards für Wissen in unterschiedlichen Situationen entsprechend ihrer sozialen Definition? Inwiefern ist die Frage des Wissens eine solche, die mich als Individuum tatsächlich beschäftigt oder eine solche, die erst im Rahmen zwischenmenschlicher Interaktion virulent wird?

Übrigens beginnt das Buch damit, dass Skip Gemmas Zimmer betritt und Gemma ihm erklärt: „„Was weißt du?“ Das war angeblich die einzige Frage in einer Abschlussprüfung an einer alten chinesischen Akademie.“ (S. 7) Aus dieser Abschlussfrage einer alten chinesischen Akademie entwickelt Jay F. Rosenberg in der Folge seine Drei Gespräche über Wissen, die sich dadurch auszeichnen, dass nicht einmal danach gefragt wird, was denn die alten Chinesen mit ihrer Frage gemeint haben könnten, sondern die nach nordamerikanischer Sitte einfach in den nordamerikanischen Bedeutungskontext gestellt und eingemeindet wird.

Mit dieser Einschränkung, dass man bemerkt, was dieses Buch im Bezug auf sein Thema zu leisten in der Lage ist und was nicht, kann man es lesen und wird aus ihm vielleicht einige Argumentationsmuster gewinnen, die im Zusammenhang mit der Frage nach dem Wissen stehen. Es stellt sich allerdings allgemein die Frage, inwiefern für den Leser ohne akademischen Hintergrund, der dieses Buch nicht zu dem Zwecke liest, um sich über die analytische Philosophie zu informieren, die Lektüre eines Buches sinnvoll ist, das speziell zur Einführung in die Erkenntnistheorie einer bestimmten philosophischen Schule geschrieben ist, auch wenn dieses Buch in allgemeinverständlicher Sprache verfasst ist.

7. März 2014


© helmut hofbauer 2014