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Dissertation: Bezugspunkt Gesellschaft

Das Gettier-Problem als ethisches Problem

 

1. Das Gettier-Problem handelt davon, wie wir andere Menschen behandeln

Seitdem ich das Gettier-Problem kenne, ist es für mich zu einem Welterklärungsmodell geworden. Es erklärt mir die Welt, wie wir sie haben, indem es mir erklärt, wie meine Mitmenschen (oder zumindest eine große Gruppe von ihnen) sie sehen wollen.

Das Gettier-Problem geht auf einen kurzen Artikel von Edmund Gettier zurück, der 1963 publiziert wurde. In seinem Aufsatz brachte Gettier zwei Gegenbeispiele gegen die so genannte Standardanalyse des Wissens vor – das ist eine Definition von Wissen, die Wissen als gerechtfertigten, wahren Glaubten (justified true belief) auffasst. Die beiden Gettier-Gedankenspiele zeigten auf, dass es Fälle geben kann, in welchen alle drei Bedingungen der Standardanalyse des Wissens erfüllt sind, die entsprechende Person, die einen gerechtfertigten, wahren Glauben besitzt, aber trotzdem nicht weiß. Mit seinem kleinen Aufsatz bereitete Gettier den analytischen Epistemologen Probleme, weswegen sie ihn seit nunmehr 50 Jahren diskutieren. Ihr Projekt besteht darin, die Standardanalyse des Wissens-Definition so zu verbessern, dass Gettier-Fälle durch sie ausgeschlossen sind. Bisher diskutierten sie vergeblich, sie konnten keine allgemein anerkannte Lösung finden: Das ist es, was man Gettier-Problem nennt.

Für meine Analyse genügt mir das erste Gettier-Beispiel:

Erstes Gettier-Gegenbeispiel gegen die Standardanalyse des Wissens-Definition

“Suppose that Smith and Jones have applied for a certain job. And suppose that Smith has strong evidence for the following conjunctive proposition:

Jones is the man who will get the job, and Jones has ten coins in his pocket.

Smith's evidence for (d) might be that the president of the company assured him that Jones would in the end be selected, and that he, Smith, had counted the coins in Jones's pocket ten minutes ago. Proposition (d) entails:

The man who will get the job has ten coins in his pocket.

Let us suppose that Smith sees the entailment from (d) to (e), and accepts (e) on the grounds of (d), for which he has strong evidence. In this case, Smith is clearly justified in believing that (e) is true.

But imagine, further, that unknown to Smith, he himself, not Jones, will get the job. And, also, unknown to Smith, he himself has ten coins in his pocket. Proposition (e) is then true, though proposition (d), from which Smith inferred (e), is false. In our example, then, all of the following are true: (i) (e) is true, (ii) Smith believes that (e) is true, and (iii) Smith is justified in believing that (e) is true. But it is equally clear that Smith does not know that (e) is true; for (e) is true in virtue of the number of coins in Smith's pocket, while Smith does not know how many coins are in Smith's pocket, and bases his belief in (e) on a count of the coins in Jones's pocket, whom he falsely believes to be the man who will get the job.”

Aus: Edmund Gettier: “Is Justified True Belief Knowledge?”, in: Analysis 23 (1963), pp. 121–123.

Was ist hier überhaupt los? Das Erste, was man mitbedenken kann, ist, dass analytische PhilosophInnen nicht danach fragen, ob ein Problem sinnvoll ist; sie versuchen es zu lösen. In diesem Sinne bewegt sich auch Gettier in seinem Aufsatz innerhalb der Standardanalyse des Wissens-Definition und konstruiert Fälle (die dadurch etwas Erkünsteltes an sich haben), die nachweisen, dass die Standardanalyse des Wissens für die Definition von Wissen zumindest nicht hinreichend ist.

Man muss von diesem Hamsterrad, in das sich die AnalytikerInnen durch ihre Methode begeben, schon absehen, um zu bemerken, was mir am Gettier-Problem auffällt: Wir wissen, wie Smith zu der Überzeugung gekommen ist, dass „der Mann, der den Job bekommen wird, zehn Münzen in der Tasche hat“; wir wissen deshalb auch, dass Smith gar nicht so gemeint haben kann, wie er am Ende wahr geworden ist (nämlich dadurch, dass Smith selbst den Job bekommen hat und zufälligerweise auch zehn Münzen in der Tasche hat). Daraus folgt, dass die analytischen EpistemologInnen Smith durch die Interpretation seiner Überzeugung Gewalt antun: Sie wissen ja, dass Smith mit seinem Satz, wonach „der Mann, der den Job bekommen wird, zehn Münzen in der Tasche hat“ nicht gemeint haben konnte, dass er, Smith, selbst den Job bekommt und zehn Münzen in der Tasche hat – trotzdem sagen sie, Smith habe recht gehabt, aber er habe nur zufällig recht gehabt. Smith hat, im Gegensatz zur Interpretation der analytischen PhilosophInnen, eben nicht recht gehabt, weil er gar nie gemeint hatte, dass irgendein anderer Mann als Jones den Job bekommen würde und zehn Münzen in der Tasche hat, auch wenn der Satz, mit dem er diese Überzeugung äußerte, auch noch andere Bedeutungen beinhaltet.

Ich sage es kürzer: Im Gettier-Problem schreiben wir Menschen Meinungen oder Überzeugungen zu, von denen wir wissen, dass sie sie gar nicht haben können. Trotzdem tun wir es. Es handelt sich um eine Misshandlung von Menschen. Oder, neutraler ausgedrückt: Das Gettier-Problem repräsentiert die Überzeugung, dass wir andere Menschen auf eine bestimmte Weise behandeln sollten. Diese Weise besteht darin, dass wir sie festnageln auf das, was sie wörtlich gesagt haben. Ich widerstehe der Versuchung, den letzten Satz so fortzusetzen: „…ohne darauf zu achten, was sie mit dem Ausgesagten meinen.“ – denn in Gettiers Gegenbeispielen gegen die Standardanalyse des Wissens wird ja notiert und zur Kenntnis genommen, was Smith mit seiner Aussage gemeint hat, aber es wird für die Analyse als nicht relevant gehalten und in weiterer Folge nicht mehr erwähnt.

Beim Gettier-Problem werden Überzeugungen von Menschen, bei denen wir genau wissen, was sie meinen, gegen den Strich interpretiert, weil das, was sie gemeint haben, als irrelevant oder unwichtig beurteilt wird. Das Gettier-Problem ist somit ein sehr komprimiertes Modelbeispiel dafür, wie wir andere Menschen behandeln. Es erweist sich somit als ein ethisches Problem. Das ist bereits eine überraschende Erkenntnis bei einem Problem, dass bisher der Erkenntnistheorie (Epistemologie) zugeordnet worden ist.

2. Hinter dem Gettier-Problem steht eine bestimmte Wissenskonzeption, die auf das Wissen des Einzelnen (von Tatsachen) abstellt

Nun könnte jemand ausrufen, wenn er nicht gerade ein analytischer Philosoph ist (denn die haben für so was keinen Sinn): „Wenn es aber so ist, dass man sich nicht dafür interessiert, was Smith zu wissen meint, dann interessiert man sich offenbar gar nicht dafür, was Smith weiß!“ Zweite überraschende Erkenntnis: Das Gettier-Problem ist nicht nur eher ein ethisches Problem als ein erkenntnistheoretisches, sondern es ist vor allem gar keine erkenntnistheoretisches Problem. Man gibt im Gettier-Problem vor, nach einer Definition von Wissen zu suchen; aber man offenbart, dass man es mit diesem Bestreben nicht ernst nimmt, sobald man sich nicht dafür interessiert, was Smith zu wissen meint.

Wiederum die Frage: Was ist hier los? Wo kommt das her? Warum ist das so? Vielleicht lohnt es sich, einmal genauer hinzusehen, wie das Gettier-Problem aufgebaut ist. Dabei fallen mir vor allem folgende drei „Bestandteile“ auf:

a) Im Gettier-Problem geht es um das Wissen des Einzelnen;
b) es wird darin das Wissen anderer Menschen beurteilt;
c) und es scheint darin vor allem das zu zählen, was am Ende als Ergebnis herauskommt.

Ad a) Im Gettier-Problem geht es um Wissen des Einzelnen, um Faktenwissen. Es geht darum, ob Smith weiß, dass „der Mann, der den Job bekommen wird, zehn Münzen in der Tasche hat“ oder nicht. Wissen ist im Gettier-Problem offenbar von vornherein definiert als Wissen von Einzeltatsachen. Das ist der Grund, warum im Gettier-Problem nicht in den Blick kommen kann, was Smith sonst noch weiß und ob dieses konkrete Wissen, dass der Mann, der den Job bekommen wird, zehn Münzen in der Tasche hat, Smiths Wissen irgendetwas hinzufügen kann. Es geht im Gettier-Problem also tatsächlich nur darum, ob Smith weiß, dass der Mann, der den Job bekommen wird… - und das ist auch der Grund dafür, warum man sich nicht dafür interessiert, was Smith weiß. Eigenschaften von Wissen, die sonst von Bedeutung sind – dass Wissen Einem hilft, mit den Dingen zurechtzukommen und sich im Leben zu orientieren – zählen hier nicht, weil es nur um das Wissen einer bestimmten einzelnen Tatsache durch Smith geht. Es ist kein Wunder, dass infolgedessen auch Smiths Perspektive auf die Angelegenheit nicht zählt: Es geht hier um Smiths Wissen, nicht um Smith.

Ad b) Man könnte sich fragen: Wenn man versucht, Wissen zu definieren, warum untersucht man das dann nicht am Beispiel des eigenen Wissens? Warum konstruiert man dann andere Personen und untersucht deren Wissen? Die Antwort muss wohl lauten: Weil man meint, dass es keinen Unterschied macht, ob es das eigene oder das Wissen von jemand Anderem ist – entweder es ist Wissen oder es ist kein Wissen. Mir scheint, der Grund, der es zulässt, dass das keinen Unterschied macht (es macht ja letzten Endes doch einen), besteht darin, dass es sich beim Gettier-Problem (siehe 1.) um Wissen des Einzelnen handelt. Damit geht eine wesentliche Veränderung der Bewertung einher: Wenn man sich wirklich danach fragen würde, was Smith weiß und was er wissen wollen könnte, dann würde man sich fragen, was es ihm bringt zu wissen, dass „der Mann, der den Job bekommen wird, zehn Münzen in der Tasche hat“? Das zu wissen, bringt ihm gar nichts, und es erweitert sein Wissen auch nicht, weshalb Smith, wenn er ein wirklicher Mensch wäre, es auch nicht wissen wollen würde. Geht es hingegen allein darum, ob Smith eine bestimmte Tatsache weiß oder nicht weiß, dann ist diese Tatsache nicht dazu da, um von ihm gewusst zu werden (und sein Wissen zu bereichern), sondern um von ihm abgeprüft zu werden wie von einem Schüler. Es gibt ja einen Grund, warum im Gettier-Problem über zehn Münzen verhandelt wird, die sich zufälligerweise in irgendjemandes Tasche befinden: Alle Kriterien von praktischer Relevanz sind hier offenbar außer Kraft gesetzt. Merkwürdig ist nur, das man trotzdem meint, über Wissen zu diskutieren: Kann das Sammeln von sinnlosen gerechtfertigten, wahren Überzeugungen, die man nicht braucht und die einem nicht weiterhelfen, Wissen genannt werden?

Ad c) Es scheint im Gettier-Problem vor allem dasjenige zu zählen, was am Ende herauskommt. Was aber herauskommt, ist vor allem die sprachliche Aussage Smiths, wonach „der Mann, der den Job bekommen wird, zehn Münzen in der Tasche hat“. Warum ich trotzdem diese allgemeinere Formulierung gewählt habe, und mich nicht auf das rein Sprachliche beschränkt habe, ist: Mir scheint, im Gettier-Problem ist eine Hierarchie der Sichtbarkeit am Werk. Was sichtbarer ist, dem schenken wir mehr Aufmerksamkeit als dem weniger leicht Sichtbaren, und zwar schenken wir ihm mehr Aufmerksamkeit in dem Maß, in dem es sichtbarer ist. Sichtbar – oder wahrnehmbar – sind sprachliche Aussagen, prinzipiell sichtbar sind auch äußere Tatsachen (wie die Tatsache, ob jemand einen bestimmten Job bekommt oder ob er zehn Münzen in der Tasche hat) und sichtbar ist schließlich der Erfolg eines Wissens (im naturwissenschaftlich-technischen Sinne gewöhnlich dadurch, indem sich zeigt, dass ein neuer Apparat funktioniert). Diese Hierarchie des Sichtbaren ist die Basis für einen ausschließlich öffentlichen Begriff von Vernunft; öffentlich in dem Sinne, dass vernünftig nur dasjenige ist, was für alle einsehbar ist. Damit es aber für alle einsichtig werden kann, muss es auch von allen Menschen gesehen werden können, und aus dem Grund muss Smith seine (gewöhnlich unsichtbaren) Gedanken in eine (für alle wahrnehmbare) sprachliche Form bringen. Es ist nicht mein Problem sondern das der Anhänger dieser Wissenskonzeption, dass das im Gettier-Problem offenbar nicht funktioniert: Smiths Aussage vom Mann, der den Job bekommen wird und zehn Münzen in der Tasche hat, ist mehrdeutig und trifft zufälligerweise den Richtigen, obwohl der von Smith gar nicht gemeint gewesen ist. Mein Anliegen hier besteht darin, daran zu erinnern, was durch die Wissenskonzeption, die allein auf das Sichtbare abstellt, verdeckt wird: Eine solche Wissenskonzeption versucht, Ergebnisse zu schaffen, selbst dort, wo eine Erkenntnisse noch nicht fertig ist. Resultate, Tatsachen, Propositionen – das sind alles Bezeichnungen für Wissensstücke, die schon fertig sind. Wie anders sieht es da aus mit dem Weltwissen von Smith, dass sich in einem fortwährenden Wandel und Entwicklungsprozess befindet? Es ist klar, dass man sich damit nicht abgeben kann, wenn man nur dasjenige als Wissen anerkennen möchte, was begrenzt und übersichtlich ist, in einfachen Sätzen (Propositionen) benennbare Sachverhalte eben.

3. Es ist der gesunde Menschenverstand, der zu den zehn Münzen führt

Das Ergebnis meiner Analyse war, dass man sich nicht für Smiths Wissen interessieren kann, weil man sich nur dafür interessiert, ob ein bestimmter Sachverhalt (ob der Mann, der den Job bekommen wird…) von Smith gewusst wird. Das Gettier-Problem bleibt für mich dennoch ein ethisches Problem: Ich würde gern wissen, ob wir uns schon darauf geeinigt haben, dass Menschen nach dem zu beurteilen sind, was sie gesagt haben, selbst in Fällen, in denen wir wissen, dass die das Gesagte, so wie es zutrifft, gar nicht gemeint haben können? Ist das tatsächlich die gebräuchliche Umgangsform unter Menschen? Wenn ja, dann wäre dadurch die Wohnlichkeit des Planeten Erde beträchtlich verringert. Und niemand dürfte mehr etwas sagen, dessen er oder sie sich nicht völlig sicher ist. Es kommt ja allzu leicht vor, dass man sich ungeschickt ausdrückt – das wäre dann verboten. Fremdsprache sollte man dann überhaupt am besten gar nicht lernen, weil man sich in ihnen als nicht Muttersprachler gar nicht anders als ungeschickt ausdrücken kann.

Es ist allerdings interessant zu sehen, woher diese „Welt, in der ich nicht leben möchte“ herkommt. Sie ist, wenn man das Gettier-Problem analysiert, aus Bestandteilen geboren, die dem so genannten gesunden Menschenverstand entstammen, dem common sense: aus der Vorliebe für das Faktenwissen; aus der Überzeugung, wonach man leicht feststellen kann, ob ein anderer Mensch etwas weiß, indem man ihm eine kurze, klare Frage stellt und eine eindeutige Antwort erhält; die Überzeugung, wonach man doch nicht bestreiten könne, dass das Gras grün sei – dass also Tatsachen bereits fertig bestehen und Wissen darin bestünde, sie zu Wissen oder über sie Bescheid zu wissen, u.s.w.

Der „gesunde Menschenverstand“ führt dazu, dass sich die Menschen mit alldem, das ein wenig schwieriger und weniger leicht zugänglich ist, nicht auseinandersetzen wollen. Wir haben gesehen, was bei einer Wissensanalyse nach dem Vorbild der Standardanalyse des Wissens-Definition alles herausfällt: das gesamte Weltwissen von Smith in seiner ganzen Komplexität; die Frage, was dem Wissen von Smith ein neues Stück Wissen hinzufügen würde oder ob es ihm überhaupt etwas hinzufügen würde; die praktische Relevanz eines bestimmten Wissens für Smith und die Frage, warum er es überhaupt wissen wollen würde; und schließlich die gesamte Entwicklungsdynamik des Lern- und Wissenssystems in seinem Kopf.

Mit einem Wort, alle Fragen, die wichtig sind in der Erkenntnistheorie, haben nicht einmal Platz im Gettier-Problem. Und das ist deshalb so, weil Wissen in der Standardanalyse des Wissens-Definition so definiert wurde, dass sie in der analytischen Epistemologie gar keinen Platz haben. Die Themenverfehlung ist allerdings alles andere als zufällig: Sie kommt daher, dass sich die analytischen Philosophen, ebenso wie die einfachen Menschen, für einzelne Wissenshäppchen interessieren, nicht aber für das Wissen von konkreten Menschen.

28. September 2013

 

© helmut hofbauer 2013