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Dissertation: Bezugspunkt Gesellschaft

Nachdenken über Wirtschaft:

Wirtschaft ist ein faszinierendes Gebiet, um es zu betrachten und darüber nachzudenken. Das wirtschaftliche Schauspiel, das sich gesellschaftsweit vor unseren Augen abspielt, ist komplex und nicht leicht zu durchschauen. Dazu kommt noch, dass die Meinungen über Wesen und Wert von Wirtschaft zumeist von Vorurteilen geprägt sind. Wenn man selber ein bisschen nachdenkt, kommt man häufig zu Ergebnissen, die dem, was die allgemeine Meinung oder die Wirtschaftswissenschaft glaubt, ganz entgegen gesetzt ist. Doch halte ich es auch auf diesem Gebiet mit meinem philosophischen Ethos: Ich will nicht einfach irgendwelche Dinge als wahr behaupten, sondern Gedankenzusammenhänge präsentieren. In der Richtigkeit des logischen Zusammenhangs meiner Gedanken liegt ihre Wahrheit - und diese liegen vor dem Leser/der Leserin ausgebreitet da. Ein jeder/eine jede kann also durch schlichten Nachvollzug meiner Gedanken, durch Mitdenken, zu einem Urteil darüber kommen, ob das, was ich behaupte, wahr ist oder nicht.

 

Über den Kundennutzen ökonomischer Produkte

 

Das größte Vorurteil über die Wirtschaft ist das, dass sie Nutzen stifte. Dieses Vorurteil führt zu einem völlig verkehrten Verständnis von Wirtschaft. Und das ist schlimm, weil ihr angeblicher Nutzen dasjenige ist, was die Wirtschaft in den Augen der Menschen rechtfertigt.

Die Vorstellung vom Nutzen, den die Wirtschaft für den Menschen habe, führt zu einer völlig falschen Denkweise: Sie verführt dazu zu denken, dass die Menschen etwas kaufen, weil sie es selber wollen; weil sie meinen, dass sie selber einen Nutzen davon haben. Aber das ist falsch. In Wirklichkeit entsteht der Nutzen eines Produkts nicht im Menschen, der es konsumiert, sondern durch den Wert, den die Gesellschaft ihm verleiht.

Ein Beispiel: ein Bildungsabschluss – sein Nutzen liegt nicht in dem Wissen, das in ihm steckt (denn Wissen, das sich jemand angeeignet hat, ohne dafür ein offizielles Zertifikat zu bekommen, ist gänzlich wertlos), sondern darin, dass der Arbeitsmarkt diesen Bildungsabschluss anerkennt. Zumindest hofft das Individuum darauf und wird deshalb die für die Ausbildung nötige Gebühr entrichten.

Jetzt wird man einwenden: „Ja, aber das ist doch auch ein Nutzen für den Menschen! Dieser Mensch bekommt durch den Bildungsabschluss vielleicht einen Job.“ Ja, das ist richtig. Aber es ist irrelevant. Denn der Nutzen entsteht nicht in der Person desjenigen, der die Ausbildung absolviert, sondern in der Gesellschaft dadurch, dass sie ihr Wert zuerkennt.

Der Begriff des Nutzens suggeriert also, dass die Leistungen aus wirtschaftlicher Arbeit letztlich dem Menschen als Individuum zugute kommen. In dieser Vorstellung liegt der Fehler – denn wer so denkt, hat den Begriff des Wirtschaftskreislaufs falsch verstanden: Wirtschaftliche Güter erhalten ihren Wert aus dem wirtschaftlichen Kreislauf. Ihr Nutzen liegt darin, dass sie im wirtschaftlichen Kreislauf weitergereicht werden können. Würden sie beim Menschen angelangen, wären sie aus dem wirtschaftlichen Kreislauf herausgefallen und in einer Sackgasse gelandet.

Um eine Vorstellung zu geben von dem, was ich meine: Wir tun in der Wirtschaft – als Arbeitende oder Konsumenten – jeweils Dinge und glauben, wir täten sie für uns; in Wirklichkeit aber tun wir sie für die Wirtschaft: Wir kleiden uns, damit wir adrett in die Arbeit kommen; wir erholen uns, um für die Arbeit fit zu sein; wir besitzen ein Auto, um in die Arbeit zu fahren, etc. Freilich ist der Trick dabei, dass wir in allen diesen Dingen auch jeweils einen Nutzen für uns selber sehen können. Aber der Umkehrschluss beweist die Richtigkeit meiner These: Bei einer Sache, deren Nutzen wir allein darin sehen, dass sie uns gut tut und die nicht vom Wirtschaftssystem gestützt wird, tun wir uns extrem schwer, ihren Nutzen zu behaupten und an ihn zu glauben.

Wenn man das recht bedenkt, so bedeutet es letztlich, dass wirtschaftliche Tätigkeit gar keinen Nutzen für die Menschen hat. Denn alles, was Nutzen für die Menschen selber hat, müsste genau dadurch aus dem wirtschaftlichen Kreislauf herausfallen. Eben dadurch verliert es aber seinen wirtschaftlichen Nutzen. Ein Beispiel: Ein Mensch liest gern Kriminalromane – er verschwendet dadurch seine Zeit und Ressourcen. Die Kriminalromane haben also keinen Nutzen für ihn (außer dass sie ihm ein bisschen helfen, sich von der Arbeit zu entspannen), sondern er konsumiert sie auf Kosten seines wirklichen Nutzens. Seinen wirklichen Nutzen fände er, wenn er etwas täte, das seinen Wert auf dem Arbeitsmarkt erhöht.

Wirtschaftlicher Nutzen und Nutzen für den Menschen können so weit auseinander treten, dass sie gegensätzlich werden. In ihrem Buch Der kleine Machiavelli. Handbuch der Macht für den alltäglichen Gebrauch (Piper, München 2007 (1987)) schreiben Peter Noll und Hans Rudolf Bachmann, dass die Managerstellen in Unternehmen, was viele Menschen verwundere, zumeist mit einer Menschensorte besetzt seien, die sie die „grauen Mäuse“ nennen. Diese beschreiben sie folgendermaßen:

„Die grauen Mäuse fahren keinen Sportwagen, sie haben kein Verhältnis mit einem Mannequin, sie tragen keine poppigen Krawatten, sie haben höchstens einmal im Jahr einen Alkoholrausch, und dann auch keinen spektakulären. Die grauen Mäuse haben verhältnismäßig kurzgeschnittenes Haar, wenn nicht eine Glatze, und tragen keinen Bart. Die graue Maus ist mit einer adretten Frau verheiratet, niemals mit einer exaltierten oder gar einer Emanze. Die graue Maus betreibt nur Sportarten, die teuer und z.T. sogar vornehm sind […]. Diese Sportarten betreiben die grauen Mäuse nicht zum Vergnügen, wie sie überhaupt nichts zum Vergnügen tun, sondern um fit und in zu bleiben, fit für das Geschäft, versteht sich, und in für sich und die eigene Karriere. Der Mode folgt die graue Maus nur in sehr gemessenem Abstand, da die graue Maus ja Kontinuität gewährleisten muß […]“ (S. 36-37)

Hier sieht man sehr gut, was ich erklären will: Das gesamte Konsumverhalten der grauen Mäuse erklärt sich aus ihrer beruflichen Stellung und ist dieser untergeordnet. Sie kaufen und konsumieren nichts, weil sie es selber wollen. Ihr Verzicht geht so weit, dass sie auf ihr eigenes Leben verzichten, indem sie auf ihre eigene Persönlichkeit verzichten und graue Mäuse werden. Freilich haben sie auch etwas davon, denn sie werden fürstlich entlohnt. Doch ist diese Entlohnung eigentlich eine Entschädigung dafür, dass sie auf ihr gesamtes Leben verzichten. Bei den grauen Mäusen wird der Widerspruch zwischen wirtschaftlichem Nutzen und persönlichem Nutzen evident: Ihr wirtschaftlicher Nutzen ist sehr groß, aber sie erlangen ihn dadurch, dass sie komplett auf ihren persönlichen Nutzen verzichten und sogar ihren Charakter den beruflichen Erfordernissen unterstellen. Anders gesagt, die grauen Mäuse ziehen großen Nutzen aus dem Wirtschaftssystem (indem sie gut entlohnt werden), aber sie bezahlen auch dafür und zwar mit dem Höchstpreis, mit ihrem Leben. Das bedeutet aber nicht, dass dasjenige, was für die grauen Mäuse ganz gilt, nicht auch für die übrigen Menschen weitgehend gälte, nämlich soweit, wie sie im Bann der Wirtschaft stehen oder der Arbeitsplatz Einfluss auf sie ausübt.

Was erklärt dieser Ansatz nun? Was sind seine Stärken? Ich sehe vor allem zwei:

  1. Wenn ich nach dem Kundennutzen eines Produkts frage, würde ich mich nicht an dem orientieren, was die Menschen wollen könnten. Denn die Menschen wissen zumeist selber nicht, was sie wollen. Ich würde eher nach denjenigen Organisationen und Institutionen in der Gesellschaft fragen, die einem Gegenstand Wert verleihen und ihn dadurch in den Augen von Individuen nützlich erscheinen lassen. Würde man z.B. in den Bundesdienst nur dann aufgenommen werden, wenn man eine Wäschekluppe auf der Nase trägt, so würde man sehr bald viele Menschen mit Wäschekluppen auf der Nase herumlaufen sehen. (Dass eine Wäschekluppe auf der Nase unangenehm ist, hat mit ihrem Nutzen nichts zu tun: Wir haben gesehen, dass der Kundennutzen eines Produkts nichts damit zu tun hat, ob es dem Menschen mit ihm besser geht oder nicht.)
  2. Mein Erklärungsansatz kann erklären, warum in der Wirtschaft die höchste Stufe auf der Maslowschen Bedürfnispyramide – die Selbstverwirklichung des Menschen – nie erreichen wird. Immer bleibt der Kundennutzen auf den Stufen 1-4 (Grundbedürfnisse; Sicherheit; soziale Beziehungen; soziale Anerkennung) stehen. Der Grund ist: Weil Selbstverwirklichung etwas ist, was der Mensch für sich alleine hätte. Es wäre das also der einzige wirkliche Nutzen für den Menschen, weil es der einzige ist, über dessen Bestehen er selbst entscheiden kann (über meinen Hunger entscheide nicht ich, sondern mein Magen, und über dasjenige, was meine soziale Anerkennung erhöht, entscheide nicht ich, sondern die anderen, die das bewundern wollen, was ich besitze). Aus genau diesem Grund fällt er aber – wie ich bewiesen habe – aus dem wirtschaftlichen Kreislauf heraus: Dass es mir gut geht, ist allein noch keine Leistung, für die meine Mitmenschen mich entlohnen wollen würden.

Daraus folgt: Wir sollten uns dessen bewusst werden, dass wirtschaftlicher Nutzen sich immer in einem begrenzten Kreislauf bewegt, der nie dasjenige erreichen kann, was wirklich einen Nutzen für den Menschen darstellen würde. Menschliche Bedürfnisse befriedigt Wirtschaft nur auf den niederen Ebenen der physischen Grundbedürfnisse: Sie gibt uns zu essen, verschafft uns Kleidung und Wohnung. Darüber hinaus ist sie nicht imstande, irgendeinen menschlichen Wunsch zu erfüllen, weil sie ihn nicht in den Wirtschaftskreislauf integrieren kann. (Das bedeutet freilich nicht, dass der Mensch ihn sich nicht trotzdem erfüllen kann: Er verdient ja häufig ein wenig mehr Geld, als er zum Leben braucht und hat etwas Freizeit; er hat also einen kleinen Handlungsspielraum.) Daher kommt zum Beispiel der Eindruck der Atemlosigkeit unserer Gesellschaft: Unsere Gesellschaft versucht immer mehr Produkte zu erzeugen, um durch das Wirtschaftswachstum endlich jene Stufe zu erreichen, in der wir uns dem Genuss dieser Produkte widmen können. Das Dumme ist nur, dass die Wirtschaft die Ausweitung der Wirtschaftsleistung nur über eine stärkere Anspannung der wirtschaftlichen Zusammenhänge erlaubt. Das bedeutet: Wir haben dann zwar noch mehr Produkte und Lebensmittel von noch ausgesuchterem Geschmack, aber wir arbeiten noch mehr und haben noch weniger Zeit, unseren Kaviar hinunterzuschlingen. Auch Luxus ist in unserem Wirtschaftssystem eigentlich nicht möglich. Wenn man sich fragt, wie Luxus möglich ist, dann stößt man auf die Antwort, dass er eigentlich nur dadurch möglich gemacht wird, indem er durch wirtschaftliche und gesellschaftliche Notwendigkeiten für manche Menschen auf das Niveau eines Grundbedürfnisses erniedrigt wird. In manchen gesellschaftlichen Kreisen benötigt man einfach eine Designerhandtasche, um dazuzugehören. Wenn sich das so verhält, dann stellt sich für die Menschen auch gar nicht mehr die Frage, ob sie diese Designerhandtasche denn auch wollen – sie müssen sie ja ohnehin haben. Und eben darum ging es ja in diesem Text: Darum, zu zeigen, wie Wirtschaft unser Wollen stückweise gegenstandslos macht, bis wir das wollen, was wir wollen müssen, damit wir dort dazugehören, wo wir unser Brot verdienen.

Und dadurch, dass wirtschaftliche Güter so funktionieren, indem sie unseren individuellen Willen gegenstandslos machen, können sie eigentlich überhaupt keinen Nutzen für uns haben. Denn ein Nutzen für mich ist immer etwas, was ich will. Ein jeder andere Nutzen hat eigentlich nichts mit mir zu tun. Doch der Kundennutzen von Wirtschaftsprodukten entsteht nie im Individuum, sondern immer aus dem Wirtschaftskreislauf heraus, welcher Selbstzweck ist. Das heißt, ich kaufe nie das, was ich will, sondern das, was andere (in irgendeiner Form) meinen, dass ich haben sollte. Aufgrund dieser beständigen Weiterorientierung auf die anderen Menschen und auf dasjenige, dem der Wirtschaftskreislauf Wert verleiht, kann der Nutzen nie beim Einzelmenschen ankommen.

Womit bewiesen ist, dass wirtschaftliche Aktivität und Leistung tatsächlich gänzlich keinen Nutzen hat.

29. Juni 2010

 

Nachschrift

Der oben stehende Text beinhaltet ein Gedankenexperiment, das den Kreislaufcharakter wirtschaftlicher Nutzenerzeugung sichtbar machen möchte. Dabei fußt dieses Gedankenexperiment auf einer bestimmten Perspektivierung des Themas, nämlich: Der Nutzen von Produkten wird aus der Perspektive des Einzelmenschen gesehen. Diese Perspektivierung ist insofern gerechtfertigt, als der Nutzen von wirtschaftlichen Produkten doch irgendwann einmal beim einzelnen Menschen ankommen muss, um wahrlich Nutzen sein zu können. (Von „Zwischennutzen“, also z.B. davon, dass ein Unternehmen ein Vorprodukt bezieht, um dieses zu veredeln (also seinen Nutzwert zu erhöhen) und es dann teurer weiter verkaufen zu können, hat ja niemand etwas. Wirklicher Nutzen ist erst der, der irgendwo ankommt.)

Diese Nachschrift nun hat den Zweck zu zeigen, dass das im oben stehenden Text Ausgesagte – vielleicht entgegen dem Anschein – nicht nur allein für die gewählte Perspektive gilt, sondern eine allgemeinere Wahrheit beinhaltet, die sich ebenso in objektiverer oder ausgewogenerer Weise formulieren lässt. In objektiverer (wobei „objektiver“ nicht automatisch meint „richtiger“, sondern eine andere Perspektive markiert, eine Art Vogelperspektive, durch die man das Thema aus größerer Distanz und von oben herab betrachtet) Darstellungsweise würde das in meinem Textversuch Ausgesagte ungefähr folgende Form annehmen:

Wirtschaft befriedigt nur einen Teil der menschlichen Bedürfnisse. Sie bedient sich – wie die Gesellschaft insgesamt auch – zum Zwecke ihres eigenen Funktionierens selektiv menschlicher Bedürfnisse und lässt solche menschlichen Bedürfnisse, mit denen sie nichts anfangen kann, kalt fallen.

Insbesondere können wir zwischen drei „Nutzenebenen“ unterscheiden. Da gibt es einmal

  1. die Ebene der menschlichen Grundbedürfnisse. Diese sind so stabil und vorausberechenbar, dass sich die Wirtschaft ihrer leicht bedienen und sie in das eigene Funktionieren integrieren kann. Zu ihnen wollen wir mal ganz einfach Nahrung, Kleidung und Wohnen zählen. Es besteht kein Zweifel, dass Wirtschaft diese Dinge zu erzeugen und zu verteilen in der Lage ist – und auf dieser Eben stiftet Wirtschaft auch ganz unbestreitbar einen Nutzen, weil sie hier im Einklang ist mit dem Menschen, der sich z.B. ernähren muss und dem sie Nahrung bietet.
  2. Eine zweite Ebene bilden alle jene Nutzen für die Menschen, die zwar über die Ebene der Grundbedürfnisse hinausgehen, sich aber immer noch in den Wirtschaftskreislauf integrieren lassen. Hierzu zählen vor allem: das Bedürfnis nach Sicherheit, das Bedürfnis nach sozialer Anerkennung und das Bedürfnis, sich im wirtschaftlichen Konkurrenzkampf gegenüber den anderen Menschen einen Vorteil zu verschaffen. Es ist die Frage, inwieweit man diese Bedürfnisse überhaupt begrifflich voneinander scheiden soll: So rückt etwa der Wunsch, gegenüber anderen Menschen im wirtschaftlichen Konkurrenzprozess einen Vorteil zu erlangen, bei mangelndem Erfolg der mit ihm verbundenen Bemühungen bereits in die Nähe der Angst vor sozialem Abstieg und jener, aus dem wirtschaftlichen Kreislauf herauszufallen.
  3. Auf einer dritten Ebene finden sich alle jene Nutzenarten, die dem Individuum die höchste Befriedigung gewähren aber sich nicht mehr in den ökonomischen Kreislaufprozess integrieren lassen. Warum lassen sie sich nicht mehr integrieren? Nun, deshalb, weil sie in der Befriedigung des Individuums ihren Endpunkt finden und für das Individuum keinen weiteren Nutzen mehr dadurch stiften, indem sie es z.B. in den Augen anderer Menschen beneidenswert erscheinen lassen oder ihm einen Wettbewerbsvorteil im ökonomischen Konkurrenzkampf verschaffen. Anders gesagt, hier handelt es sich um alle Dinge oder Produkte, die nicht mehr Nutzen haben als den, den sie eben für mich oder für den Einzelnen, der sie konsumiert, haben.

Hier zeigt sich nun, dass der Mensch mit der dritten Klasse von Nutzenarten alleine da steht, weil diese Nutzen nicht mehr vom Wirtschaftskreislauf unterstützt werden. Er muss sie alleine gegen die Intentionen des Wirtschaftssystems aufrechterhalten, weil ihre Verfolgung ihm nicht hilft, im Wirtschaftskreislauf zu bleiben oder seine Position in ihm zu verbessern. Wenn es sich bei einem solchen Nutzen, den man ganz alleine hat, während die anderen ihn nicht als Nutzen erkennen, nicht um eine Art Grundbedürfnis oder – was auf dasselbe rauskommt – um eine Leidenschaft handelt, dann ist es das Wahrscheinlichste, dass man ihn, von anderen Verpflichtungen und alltäglichen Mühen abgelenkt, bald vergisst. Wonach man also strebte, das wird unmerklich verdrängt von anderen Dingen, die sich leichter mit anderen Menschen teilen und in den Wirtschaftskreislauf integrieren lassen.

Was ist nun das Schlimme daran? Bei Produkten aus der zweiten Klasse von Kundennutzen weiß man nie so genau, ob man sie um seiner selbst willen oder um der anderen willen erstrebt hat; bei jenen aus der dritten Klasse ist man sich dessen sicher, dass man sie um seiner selbst willen wollte. Verliert man sie aus den Augen, verliert man also das aus den Augen, was man selber letzten Endes wirklich wollte. Die Nutzen aus der zweiten Nutzenklasse haben oft Mittel-Charakter. Das heißt: Ich möchte auf dem Arbeitmarkt erfolgreich sein, ich möchte von den anderen bewundert und beneidet werden, aber letztlich möchte ich das auch deshalb, um mir dadurch jenen Freiraum zu verschaffen, in dem es mir möglich ist, mich endlich jenen Dingen zuzuwenden, die mich wirklich interessieren. Nutzenklasse eins und zwei werden also von Menschen, die nicht ganz dumpf sind, zu dem Zweck aufgesucht, um Nutzenklasse drei zu erreichen. Denn niemand wird sagen, dass er im Leben die Erfüllung gefunden habe, bloß weil er, und sei es auch ganz passabel, gegessen habe.

Es verhält sich nun so, dass der wirtschaftliche Kreislauf den Menschen zur Nutzenklasse drei nie kommen lässt, sei es, weil er ihn mit dem Streben nach den Gütern der Nutzenklassen eins und zwei endlos beschäftigt hält (so wie das der Fall bei den grauen Mäusen ist) oder sei es, weil er ihm zwar schon Zeit und Muße für sie lässt, diese Güter aber in seinen eigenen Augen dadurch entwertet, dass er ihnen den ökonomischen Wert und dadurch auch (in unserer ökonomisierten Gesellschaft) ihre gesellschaftliche Anerkennung entzieht.

Schlussfolgerung: Wenn man nun davon ausgeht, dass Wirtschaft dem Menschen ebenso effizient hilft, seine Bedürfnisse in den Nutzenklassen eins und zwei zu befriedigen (was sie zweifellos tut) wie sie ihn effizient davon abhält, sich mit seinen Bedürfnissen in Nutzenklasse drei überhaupt zu beschäftigen (weil sie sich mit diesen nichts anzufangen weiß, da sie sie nicht in ihre Prozesse integrieren kann); wenn man also davon ausgeht, dass die Wirtschaft den Menschen daran hindert, bei jenem Nutzen oder jenen Nutzen anzukommen, derentwegen er die anderen Nutzenarten überhaupt aufsucht; wenn man also davon ausgeht, dass die Wirtschaft den Menschen darin unterstützt, seine körperlichen Grundbedürfnisse zu befriedigen zum Preis dafür, dass er auf das verzichten muss, was er wirklich will, dann muss man eigentlich daraus schließen, dass die Wirtschaft dem Menschen keinerlei Nutzen bringt. Ja mehr noch, man muss im Grunde sogar noch weiter gehen, als ich es in meinem Text getan habe, und daraus schließen, dass die Wirtschaft dem Menschen in einer bestimmten, aber essentiellen Hinsicht, unendlichen Schaden antut, weil sie ihn effizient davon abhält, dort anzugelangen, wo er hin will.

Für die Beurteilung der Wirtschaft bedeutet das: Wirtschaft kann in einem bestimmten Umfang menschliche Bedürfnisse befriedigen und dem Menschen daher nützlich sein, aber über diesen beschränkten Umfang hinausgehen kann sie nicht. Es bleiben deshalb menschliche Bedürfnisse und daher auch Nutzen für den Menschen übrig, welche sich nicht in das System der Wirtschaft integrieren lassen. Daraus folgt, dass der Mensch, um bei denjenigen Dingen anzugelangen, die er wirklich will, den wirtschaftlichen Zusammenhang samt der ihm innewohnenden Logik verlassen muss. Umgekehrt bedeutet das natürlich, dass wirtschaftliche Tätigkeit nicht mehr als einen Teil des menschlichen Lebens ausmachen darf. Die Problemlösungskompetenz mit wirtschaftlichen Mitteln ist also beschränkt und nicht alles, was der Mensch ist und will, kann – so wie das in unserer Zeit offenbar versucht wird – in die Wirtschaft integriert werden.

Die Wirtschaft ihrerseits bezieht ihre Energie nicht daraus, wie man irrtümlicherweise meint, dass sie des Menschen Bedürfnisse erfüllt und ihm Nutzen bringt. Sie muss als ein in sich geschlossenes System begriffen werden, das seine Kraft aus der Verstärkung einzelner Stufen seiner eigenen Kreislaufprozesse schöpft. Umso mehr in die Wirtschaft integriert wird, umso mächtiger wird die Wirtschaft. Wirtschaft befriedigt also keine Bedürfnisse außer ihre eigenen – das ist ein systemisches Problem und ließe sich, wie ich denke, mit systemtheoretischen Mitteln nachweisen.

30. Juni 2010

 

Über den Nutzenbegriff. Präsentation mit Vortragsnotizen
Vortrag, gehalten beim 2. Symposium der Gesellschaft für Philosophie und Medizin am 10. Dezember 2014 im Jugendstilhörsaal, der Medizinischen Universität Wien

Was ist ökonomisches Denken?

Arbeitsblatt: Die Win-Win-Strategie (Das "Harvard-Konzept")
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Arbeitsblatt: Verständnis von Wirtschaft: Konkurrenz, Wettbewerb
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Arbeitsblatt: Wie der Kundennutzen unseren Lebensstil verändert
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Arbeitsblatt: Miss Vansittart oder Miss Rich? Wer ist die richtige Nachfolgerin? Leadership nach Agatha Christie
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Der Entwurf einer Anpassungsgesellschaft. Ein erster Versuch, NLP (Neurolinguistisches Programmieren) zu verstehen
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© helmut hofbauer 2010