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Innerer Reichtum in fiktiver Gesellschaft

Rezension von Arthur Schopenhauers Aphorismen zur Lebensweisheit



Mir kommt vor, man hat bei der Lektüre eines Buches die Tendenz, es der eigenen Weltsicht aufzupfropfen. Also, quasi, man hat bereits seine Anschauungen über die Welt und die Menschen und addiert zu ihnen dann Schopenhauers Aphorismen zur Lebensweisheit hinzu. Die Wirkung mag dann in einzelnen Punkten eine verstärkende oder korrigierende sein. Und wenn im Resultat eine Verbesserung des Lebensgefühls herausschaut, ist ja auch nichts dagegen einzuwenden. Überhaupt hat jeder private Leser, der ein Buch für den Hausgebrauch liest, das Recht, es so zu gebrauchen, wie er will – also entsprechend oder entgegen den Intentionen des Autors, dessen gesamte Botschaft zur Kenntnis nehmend oder auch nur Rosinen herauspickend.
Aber manchmal frage ich mich eben: Was schreibt denn der da eigentlich? Und in dem Fall ist es dann angezeigt, einen Schritt zurückzutreten und ein Buch in seiner Gesamtheit anzuschauen. Eben das Buch zu „knacken“, indem man die verhältnismäßige Bedeutungsoffenheit der einzelnen Sätze durch das korrigiert, was der Autor in seinem Buch überhaupt sagt, und auch durch das, was er nicht erwähnt. Denn in einzelne Sätze kann man viel hineinlesen, wenn man ein bisschen Phantasie hat; aber sobald man das gesamte Buch überblickt, wird man feststellen können, dass der Autor von so manchem, das man gern in den einen oder anderen Gedanken hineingelesen hat, gar nichts aussagt. Offenbar interessierte ihn das nicht, offenbar meinte er das nicht.

Was mir bei Schopenhauers Aphorismen zur Lebensweisheit aufgefallen ist, als ich mich ein wenig zurückgenommen habe und auf die Gesamtkomposition des Buchs blickte, war: Der redet doch von einem Menschen, der ganz allein ist!
Und das ist doch ziemlich paradox, denn er hat sein Buch eingeteilt in die Kapitel

„Was einer ist“, „Was einer hat“ und „Was einer vorstellt“ – und normalerweise ist unter den Menschen deshalb einer was, weil er was hat und weil er was vorstellt.

„Indem daß also Familienväta und verheirate Männa, und daß ma’s scho glei sag’n, lauta Leut, de wo eppas san und de wo eppas hamm und de wo eppas vorstell’n – net – lauta richtige Leut – net – indem daß diese Leut a so hingestellt wern als wia Sittlichkeitsverbrecher – net – und von an solchen alt’n Trankhafa, bei der m sie do überhaupts nix mehr denkt…“

Ludwig Thoma: „Das alte Recht“, in ders.: Peter Spanningers Liebesabenteuer. Kleinstadtgeschichten. Dtv, München 1968. S. 91-102. Hier: S. 95-6.

Aber Schopenhauer dreht das, was alle Leute glauben, um 180 Grad herum und verkehrt es ins Gegenteil, indem er sagt, dass nur zählt, was einer ist, während das, was einer hat und was er in den Augen der anderen Menschen vorstellt, weit überschätzt werde.

Dieser Ausgangspunkt entspringt tief in Schopenhauers Philosophie, in der die Welt „meine Vorstellung“ ist; das bedeutet: Nur das, was der Mensch im Kopf hat, ist ihm unmittelbar gegeben. Geld und die Meinungen der anderen Leute hat er nicht im Kopf, deshalb können sie höchsten einen mittelbaren Einfluss auf ihn haben.

„Demnach wird eine richtige Abschätzung des Werthes Dessen, was man in und für sich selbst ist, gegen Das, was man bloß in den Augen Anderer ist, zu unserem Glücke viel beitragen. Zum Ersteren gehört die ganze Ausfüllung der Zeit unsers eigenen Daseyns, der innere Gehalt desselben, mithin alle Güter, welche unter den Titeln „was Einer ist“ und „was Einer hat“ von uns in Betrachtung genommen worden sind. Denn der Ort, in welchem alles Dieses seine Wirkungssphäre hat, ist das eigene Bewußtseyn. Hingegen ist der Ort Dessen, was wir für Andere sind, das fremde Bewußtseyn: es ist die Vorstellung, unter welcher wir darin erscheinen, nebst den Begriffen, die auf diese angewandt werden. Dies nun ist etwas, das unmittelbar gar nicht für uns vorhanden ist.“

Arthur Schopenhauer: Parerga und Paralipomena I. Zweiter Teilband Aphorismen zur Lebensweisheit. Diogenes, Zürich 1977. S. 387.

 

Zusammengefasst: Unser Leben spielt sich in unserem eigenen Bewusstsein ab; was in den Köpfen anderer Leute vor sich geht, das gibt es eigentlich gar nicht.

 

EXKURS: Warum wir etwas haben wollen

Normalerweise wollen wir Menschen Dinge haben, um unseren Mitmenschen zu zeigen, wer wir sind bzw. dass wir wer sind. Die Logik, die hinter der Angelegenheit steckt, funktioniert so, dass derjenige, der viel hat, offenbar auch jemand ist, der viel ist (andernfalls man ihm das ganze Zeug ja nicht geben/überlassen würde. Thorstein Veblen (1957-1929) hat das in seiner Theory of the Leisure Class (1899) analysiert.

Das Phänomen hat drei Aspekte:

  1. Gruppendruck und ökonomisches Nacheifern (Pecuniary Emulation): Wenn ein Freund oder Nachbar von uns etwas Tolles hat, wollen wir es auch haben.
  2. Geltungskonsum (Conspicuous Consumption): Wir kaufen Dinge, die keine weiteren Wert für uns haben, als dass andere Menschen uns mit ihnen sehen
  3. Geltungsfreizeitgestaltung (Conspicuous Leisure): Wir gestalten unsere Freizeit auf eine Weise, die Eindruck auf unsere Freunde und Bekannten macht.

„Der Mensch hat in der Urhorde gelernt, dass er bei den Mitmenschen nur etwas gilt, wenn er große und beeindruckende Taten vollbringt. Wenn er einem Feind mit der Keule auf den Kopf haut oder besonders viele Sklaven ansammelt, dann verbessert das seinen Status und er gilt als ganzer Kerl. Dieses Verhaltensmuster konnten wir bis in die Neuzeit nicht ablegen und haben es wohl auch nicht versucht. Heute sehen unsere Taten aber anders aus. Die größte besteht darin, besonders viel Geld anzuhäufen und dann das süße Leben zu genießen. Der moderne Mensch hat es ja längst geschafft, seine Grundbedürfnisse zu stillen, er muss weder Hunger noch Obdachlosigkeit fürchten. Wenn wir trotzdem weiter fleißig damit beschäftigt sind, unseren Lebensstandard zu verbessern, dann liegt das am Instinkt zur Großtat, der sich in unserem Ehrgeiz äußert, reicher zu sein als der Nachbar.[…] Also begibt der Mensch sich in einen praktisch sinnlosen Wettlauf um das größte Vermögen (Pecuniary Emulation), denn haste was, dann biste was.

Der Status ist aber erst dann sauber herausgearbeitet und zementiert, wenn die anderen sehen können, wie groß das Vermögen und das Glück ist. Das sicherste Mittel ist hier der sogenannte Geltungskonsum (Conspicuous Consumption), also der Kauf von Gegenständen, deren praktischer Nutzen in keinem nachvollziehbaren Verhältnis zum Preis steht. Darunter fällt im wesentlichen alles, was in New York in der Fifth Avenue, in London in der Bond Street und in Zürich in der Bahnhofstraße feilgeboten wird. Handtaschen, Uhren, Kleidungsstücke, Weine, Zigarren, Autos und Boote machen meist nur Sinn, wenn durch ihre Zurschaustellung auch das ganz breite Publikum begreift, dass der Eigentümer eine dicke Brieftasche haben muss. […] Eine weitere Möglichkeit, sich Geltung zu verschaffen, ist eine augenfällige und prahlerische Freizeitgestaltung (Conspicuous Leisure). Wer nichts nützliches tut, wer nicht oder nur unregelmäßig einer Arbeit nachgeht, wer viel Zeit mit seinem Personal Trainer verbringt, um dünn und stark und schön und der Beste zu sein […], sucht aber eigentlich nur die Anerkennung der Leute, die ebenfalls nach der Spitze der Pyramide schielen und schätzen können, was für einen großen Aufwand gepflegtes Nichtstun bedeutet.“

Georg von Wallwitz: Mr. Smith und das Paradies. Die Erfindung des Wohlstands. Berenberg, Berlin 2013. S. 92-94.

Erfrischungsgetränke

Der Wunsch, Dinge zu kaufen und sie zu besitzen, wird gewöhnlich für etwas Egoistisches gehalten. Dieser Glaube kommt vielleicht aus der Erfahrung, die wir als kleine Kinder gemacht haben, dass nur einer einen bestimmten, begehrten Gegenstand besitzen kann, wenn die Anzahl der Gegenstände (oder Spielsachen im Kindergarten) begrenzt ist (was in unserem Wirtschaftssystem aber bei Konsumgegenständen nicht der Fall ist). Wie sehr wir für die Anderen konsumieren zeigt folgende Szene aus Sophie Kinsellas Roman Confessions of a Shophaholic.

Rebecca Bloomwood, die Protagonistin, befindet sich mit ihrer Mutter auf einem Markt für Kunsthandwerk und kauft schließlich eine teure Schale aus Apfelbaumholz, die ihr selbst gar nicht gefällt, weil sie erfährt, dass diese in einem Hochglanzmagazin präsentiert worden ist:

„Then, on the way out, we pass one of those really sad stalls which no-one is going near; the kind people glance at once, then quickly walk past. The poor guy behind it looks really sorry for himself, so I pause to have a look. And no wonder no-one’s shopping. He’s selling weird-shaped wooden bowls, and matching wooden cutlery. What on earth is the point of wooden cutlery.

“That’s nice!” I say brightly, and pick one of the bowls up.
“Hand-crafted applewood,” he says. “Took a week to make”

Well, it was a waste of a week, if you ask me. It’s shapeless, it’s ugly, and the wood’s a nasty shade of brown. But as I go to put it back down again, he looks so doleful I feel sorry for him and turn it over to look at the price, thinking if it’s a fiver I’ll buy it. But it’s eighty quid [britische Pfund, Anm.] I show the price to Mum, and she pulls a little face.

“That particular piece featured in Elle Decoration last month,” says the man mournfully, and produces a cut-out page. And at his words, I freeze. Elle Decoration? Is he joking?
He’s not joking. There on the page, in full colour, is a picture of a room, completely empty except for a suede bean bag, a low table, and a wooden bowl. I stare at it incredulously.[…]

I can´t believe it. I’m holding a piece of Elle Decoration. How cool is that? I suddenly feel incredibly stylish and trendy…”

Sophie Kinsella: Confessions of a Shopaholic. Black Swan, London 2009 (2000). S. 51-2.

 

Was wir hieraus lernen können, ist: Die Menschen versuchen ihren eigenen Wert (den Wert ihrer eigenen Person) zu steigern, indem sie Dinge kaufen. Aber sie selbst kennen den Wert der Dinge nicht; darum gibt es Magazine, die ihnen den Wert der Dinge mitteilen. Was aber ist es, was diese Magazine ihnen mitteilen? Sie teilen ihnen nicht mit, dass dieser Gegenstand an sich schön oder wertvoll ist; sondern sie teilen ihnen mit, dass dieser Gegenstand auch noch von anderen Menschen geschätzt wird, dass er von der Gruppe, von der Gemeinschaft geschätzt wird – und folglich, dass man mit diesem Gegenstand zu anderen Menschen gehen und stolz und ohne sich zu schämen gestehen kann, dass man ihn besitzt. Mit anderen Worten: dass man mit ihm angeben kann.

Der Mensch für sich allein braucht sehr wenig. Dem Menschen für sich allein gefallen auch nur sehr wenige Dinge: Wenn es nicht darum wäre, bei den anderen Eindruck zu schinden, würde er sie nicht kaufen. Wir kaufen die Dinge also nicht für uns, sondern wir kaufen sie, weil wir soziale Wesen sind.

EXKURS ENDE

 

Innerer Reichtum

Schopenhauers Lösungsvorschlag für dieses Problem lautet: innerer Reichtum. Wenn man selbst weiß, was man sich wert ist, braucht man nicht zu den Anderen laufen, um sich von ihnen sagen zu lassen, wie viel man wert ist. Und überhaupt: Zu den Anderen läuft doch nur derjenige, der innerlich hohl ist und ein großes Loch in sich fühlt, von dessen Existenz er sich durch den Tratsch mit anderen Leuten ablenken muss.

„Denn je mehr Einer an sich selber hat, desto weniger bedarf er von außen und desto weniger auch können die Uebrigen ihm seyn. Darum führt die Eminenz des Geistes zur Ungeselligkeit. […] Der vom andern Extrem hingegen wird, sobald die Noth ihn zu Athem kommen läßt, Kurzweil und Gesellschaft, um jeden Preis, suchen und mit Allem leicht vorlieb nehmen, nichts so sehr fliehend, wie sich selbst. Denn in der Einsamkeit, als wo Jeder auf sich selbst zurückgewiesen ist, da zeigt sich, was er an sich selber hat: da seufzt der Tor in Purpur unter der unabwälzbaren Last seiner armsäligen Individualität; während der Hochbegabte die ödeste Umgebung mit seinen Gedanken bevölkert und belebt.“

Arthur Schopenhauer: Aphorismen zur Lebensweiseheit, S. 361.

 

Kurz: Wenn einer gescheit ist, kann er sich mit seinen eigenen Einfällen selbst unterhalten; wenn er hingegen blöd ist, dann muss er zu den Anderen hinrennen und über dümmsten Witze von ihnen lachen, weil ihm sonst vor Langeweile die Decke auf den Kopf fällt. Gesucht ist also „a beautiful mind“.

Das Lebensideal von Schopenhauer ist derjenige Mensch, der ein Hobby hat, an dem er sich erfreut und mit dem er sich identifiziert. Also jemand, der so ein bisschen privat Musik macht oder etwas sammelt oder sich amateurhaft für eine wissenschaftliche Disziplin interessiert. Ein solcher Mensch braucht nicht viel an Ressourcen und kann sich wunderbar allein unterhalten (in der Schule sagte man: „sich still beschäftigen“), wenn man ihn in Ruhe lässt. Ich sage das nur, weil Sie vielleicht die Gewohnheit haben, derartige schrullige Menschen zu verachten. Oft vergessen sie, sich zu rasieren und zum Friseur zu gehen, das Hemd hängt ihnen aus der Hose und sie tragen eine abgewetzte, ungeputzte Brille. Aber das alles vergessen sie, wenn sie in ihrem Hobbykeller mit ihrer Leidenschaft beschäftigt sind. Diese Leute, auf die Sie herabzusehen gewohnt sind, stellt uns Schopenhauer als Vorbilder hin.

Das Leben neu entdecken - alles mus raus!

 

Über das, was Einer hat

Über das, was Einer hat, sagt Schopenhauer nicht viel. Es sollte nur ausreichen, sodass er davon leben kann, ohne arbeiten zu müssen. Aber aus Schopenhauerscher Sicht macht es nicht viel Unterschied, ob einer tausend Taler hat oder hunderttausend Taler Renten oder Zinszahlungen hat (S. 383), solange er nur nicht für seinen Lebensunterhalt arbeiten muss und also Geld genug hat, um sich den ganzen Tag seinem selbstgewählten Zeitvertreib widmen zu können. Geld und Besitz haben überhaupt nur den einen Zweck, einen von seinen Mitmenschen so weit wie möglich unabhängig zu machen, sodass man Ruhe hat und in Ruhe seinen eigenen Interessen nachgehen kann.

Frau und Kinder zählt Schopenhauer übrigens nicht zu dem, was Einer hat, weil man von denen gehabt wird. Klar, Frau und Kinder behelligen einen, man muss sich um sie kümmern und sie kosten was. Das spricht alles nicht für sie.

Über das, was Einer vorstellt

Über das, was Einer vorstellt, also über das, was ein Mensch in den Augen seiner Mitmenschen ist, sagt Schopenhauer, dass es krass überschätzt wird. Man sollte es reduzieren auf 1/50:

„Unser Aller Sorgen, Kümmern, Wurmen, Aergern, Aengstigen, Anstrengen u.s.w. betrifft, in vielleicht den meisten Fällen, eigentlich die fremde Meinung und ist […] absurd … […] Nicht weniger entspringt unser Neid und Haß größtentheils aus besagter Wurzel.

Offenbar nun könnte zu unserm Glücke, als welches allergrößtentheils auf Gemüthsruhe und Zufriedenheit beruht, kaum irgend etwas so viel beitragen, als die Einschränkung und Herabstimmung dieser Triebfeder auf ihr vernünftig zu rechtfertigendes Maaß, welches vielleicht 1/50 des gegenwärtigen seyn wird, also das Herausziehen dieses immerfort peinigenden Stachels aus unserm Fleisch.“

Arthur Schopenhauer: Aphorismen zur Lebensweisheit, S 391.

 

Schopenhauer warnt uns davor, uns zu „Sklaven fremder Meinung“ zu machen (S. 386) und will uns zu der Einsicht überreden, dass „Jeder zunächst und wirklich in seiner eigenen Haut lebt“ (S. 388).

Übrigens sagt er auch, dass ohne unsere große Sorge, was die Anderen von uns denken, der Luxus 1/10 dessen wäre, was er heute ist (S. 390) – also wir würden viel weniger konsumieren. Aber nicht in allen Punkten ist Schopenhauers Philosophie den Trends der heutigen Gesellschaft entgegengesetzt. So sagt er auch: „Ueberhaupt beruhen 9/10 unseres Glücks auf der Gesundheit. Mit ihr wird alles zu einer Quelle des Genusses: hingegen ist ohne sie kein äußeres Gut, welches es auch sei, genießbar…“ (S. 356). Die Ärzte und Gesundheitspolitiker sich sollten Schopenhauers Philosophie Beachtung zu Herzen nehmen: Wenn Gesundheit 9/10 der menschlichen Lebensziele ausmacht, ist das nicht wenig!

Und wie ist jetzt die Bedeutung, welche die Meinung der Anderen über uns für uns hat, aus dem Blickwinkel unserer eigenen Haut heraus richtig zu beurteilen? – Richtig, nur dem möglichen Nutzen oder Schaden nach, den das Handeln der Anderen uns gegenüber haben kann: Die Meinung Anderer hat nur mittelbar Einfluss auf unser Leben, nämlich dadurch, wie sie sich uns gegenüber verhalten, ob sie uns helfen oder ob sie uns schaden wollen. Deshalb solle man, nach Schopenhauer, darauf achten, wie viel es einem tatsächlich einbringt, wenn man andere Menschen dazu bringen will, eine gute Meinung von einem zu haben. Wenn es einem real nichts einbringt, dann kann man diese Anstrengung genauso gut auch unterlassen.

Schopenhauer zitiert Helvetius: „Wir lieben die Ehre nicht um der Ehre willen, sondern einzig und allein wegen der Vorteile, die sie uns bringt.“ (S. 399) Denn: Schopenhauers Bestreben liegt ja auch darin, das menschliche Glück auf ein möglichst sicheres Fundament zu bauen – und wenn man es von den anderen Menschen abhängig macht, dann gibt man die eigene Selbstbestimmung weitgehend auf und liefert sich den Launen anderer Leute aus.

Ob Einer sich allein sehen will

Das ist nun die Stelle, an der ich gern einen Punkt machen wollte. Schopenhauer führt den Leser mit seinen Argumenten zu der Schlussfolgerung, dass es eigentlich gescheiter wäre, sich in seine vier Wände zurückzuziehen und sich eine stille Beschäftigung zu suchen, aber eigentlich wäre das an den Anfang zu stellen, denn es erfordert eine bewusste Entscheidung.

Die Frage, die sich der Leser Schopenhauers zu stellen hätte, lautet also: Will ich mich als Mensch allein sehen?

Kaktus

Denn der Mensch, den uns Schopenhauer in seinen Aphorismen zur Lebensweisheit zeichnet, das ist kein Vater, kein Familienmensch, aber auch kein Freund unter Freunden, das ist kein Vereinsmitglied, kein Bürgermeister, er ist nicht bei der Freiwilligen Feuerwehr und singt nicht im Kirchenchor, er ist nicht religiös, kein Fußballfan, besucht keine Bälle und gehört auch keiner wissenschaftlichen Gesellschaft an. Der Schopenhauersche Mensch ist ein Monolith, der allein in der Landschaft steht, nicht ganz ohne Beziehungen zu anderen Menschen, aber eben doch ohne wesentliche Beziehungen zu anderen Menschen, sodass er sich nicht durch diese Beziehungen definiert. Der Schopenhauersche Mensch definiert sich nicht als Vater oder als Sohn, als Mutter, Schwager, Freund, Präsident oder Deutscher. Er definiert sich eigentlich nicht einmal als Mensch, insofern nämlich „Mensch“ die Bedeutung „Mitglied der menschlichen Gemeinschaft“ hat.

Der Schopenhauersche Mensch definiert sich auch nicht als Mann oder Frau, nämlich in dem Sinne, dass man eine besondere Art von Beziehung zu Mitgliedern des anderen Geschlechts eingeht. „Männlichkeit“ und „Weiblichkeit“ als Eigenschaften, die wir an uns zu sehen (und zu suchen) gewohnt sind, fallen dann weg. Man muss sich mal vorstellen, welche Veränderung eine solche Selbstsicht auf unser Konsumverhalten hätte!

Florist

Der Schopenhauersche Mensch definiert sich allein durch seine Individualität, durch sein eigenes, ihm allein gegebenes Bewusstsein. Er ist eine Welt für sich allein, die sich um sich selbst dreht. Andere Menschen umkreisen ihn höchstens in kleinerer oder größerer Entfernung, sind aber eigentlich schon andere Planeten.

Und hier hätte Schopenhauer seinem Leser eigentlich die Frage stellen müssen: „Willst du das? Hast du dir das überhaupt schon einmal überlegt? Hast du überhaupt eine Vorstellung davon, was es bedeutet, ein Mensch für sich allein zu sein?“

Anstatt dessen setzt er das einfach voraus. Und was dann passiert, ist, glaube ich Folgendes: Wenn man bei den Menschen an etwas gelangt, was in ihrer Persönlichkeit ganz weit unten liegt, sodass es die Grundlage für viele andere ihrer Überzeugungen bildet, die von dieser Grundüberzeugung abhängen, dann bildet es einen „Das-kann-doch-nicht-sein!-Punkt“. Damit meine ich eine Überzeugung, die der Mensch ungern ändert, weil er mit ihr gemeinsam viele andere Überzeugungen (die von ihr abhängen) ändern müsste, was nicht nur viel Arbeit machen würde, sondern ihn auch unmittelbar in eine Identitätskrise stürzen würde, sodass er nicht weiß, wer er ist und nicht mehr imstande ist, seine im Leben bisher unternommenen Anstrengungen und Investitionen zu bewerten.

Das ist der Grund, warum ich glaube, dass sich die Leute das, was sie aus Schopenhauers Aphorismen zur Lebensweisheit herausnehmen, wohl eher aufpfropfen werden, als es von Grund auf anzunehmen oder überhaupt: es wahrzunehmen als das, was es ist. Das heißt, sie werden es auf einen nicht-Schopenhauerischen Ausgangspunkt draufsetzen – und es wird diesen Ausgangspunkt etwas abmildern oder modifizieren, aber nicht grundlegend verändern.

Denn die meisten Menschen sehen sich selber eben als Sohn von, Freund von, Neffe/Nichte von und als Mitglied dieser oder jener Gemeinschaft. Wenn sie sich in den Spiegel schauen, dann sehen sie nicht nur ihr Gesicht allein, sondern sie sehen eine ganze Gruppe von Menschen – und ihr Lebenssinn wäre bedroht, wenn sie diese Menschentraube um sich herum nicht mehr sehen würden.
Ich habe mich beim Lesen von Schopenhauers Aphorismen an Fernando Savater erinnert, der sagt:

„Wenn du einen Haufen Geld haben könntest, ein Haus, viel prächtiger als ein Palast aus Tausendundeiner Nacht, die besten Klamotten, das teuerste Essen […] die modernste Elektronik […] aber dies alles zu dem Preis, daß Du niemals wieder Menschen siehst, wärst Du dann glücklich? Wie lange könntest Du so leben, ohne verrückt zu werden? […] Aber wenn der Vorzug all dieser Dinge darin besteht, daß sie Dir zu erlauben scheinen, eine bessere Beziehung zu den anderen zu haben? Mit Hilfe des Geldes hofft man, die anderen blenden oder kaufen zu können; die Klamotten sollen helfen, daß wir ihnen gefallen oder daß sie uns beneiden; genauso ist es mit dem schönen Haus, den guten Weinen. Ganz zu schweigen von den schönen E-Geräten: Video und Fernseher helfen uns, andere Menschen besser zu sehen, Platten und CDs, sie besser zu hören. Sehr wenige Sachen bewahren ihre Vorzüge in der Einsamkeit; und wenn sie vollständig und endgültig ist, werden alle Sachen unwiderruflich bitter.“

Fernando Savater: Tu, was du willst. Ethik für die Erwachsenen von morgen. Campus, Frankfurt/Main 1993. S. 63.

 

So wäre die Frage, die man sich angesichts Schopenhauers Aphorismen stellen müsste, meiner Meinung nach richtig gestellt: Wie lange könnte ich so, wie es Schopenhauer vorschlägt, leben, ohne verrückt zu werden?

Was jetzt nicht bedeutet, dass ich Schopenhauers Argumente für unsinnig halte und seinen Ratschlag für nicht lebbar. Nein, so einfach ist es nicht. An vielem, was er sagt, ist etwas dran. Ich sage nur, dass man sehr tief anfangen muss, wenn man sich über Schopenhauers Aphorismen zur Lebensweisheit eine eigene Meinung bilden will, an einem Punkt, der so tief unten liegt und so grundlegend ist für die eigene Persönlichkeit, dass eine Entscheidung über ihn fast so etwas wie eine religiöse Wahl ist. Man wählt diesen oder jenen Glauben in der Hoffnung, dass er einen ins Paradies führt. Aber vielleicht führt er einen auch in die Hölle.

Schopenhauer in fiktiver Gesellschaft

Aber ganz so heiß isst Schopenhauer dann doch nicht, wie er für sich selbst gekocht hat. Er sieht sich selbst nämlich letzten Endes auch nicht außerhalb einer jeden Gemeinschaft, gewissermaßen als ein isoliertes Bewusstsein inmitten der unendlichen Weiten des Universums. Das erfährt man in dem Abschnitt von „Was Einer vorstellt“, in dem es um den Ruhm geht.

„Denn während, wie gesagt, von den Thaten bloß das Andenken auf die Nachwelt kommt und zwar so, wie die Mitwelt es überliefert; so kommen hingegen die Werke selbst dahin, und zwar, etwan fehlende Bruchstücke abgerechnet, so, wie sie sind … […] Vielmehr bringt oft erst die Zeit, nach und nach, die wenigen wirklich kompetenten Richter heran, welche, schon selbst Ausnahmen, über noch größere Ausnahmen zu Gerichte sitzen; sie geben successiv ihre gewichtigen Stimmen ab, und so steht, bisweilen freilich erst nach Jahrhunderten, ein vollkommen gerechtes Urtheil da, welches keine Folgezeit mehr umstößt.“

Arthur Schopenhauer: Aphorismen zur Lebensweisheit, S. 428.

 

Schopenhauer stellt sich das so vor: Man verfasst ein großartiges literarisches oder philosophisches Werk, aber die Zeitgenossen verstehen es nicht zu würdigen, denn sie sind alle Idioten (wie die Erfahrung zeigt). Man bekommt auch keine Preise oder Förderstipendien dafür, denn die bekommen andere Idioten für Arbeiten, die Aufsehen erregen, aber gar nicht wirklich gut sind. Es bleibt einem also nichts anderes übrig als zu warten, bis man stirbt. Dann werden, nach dem eigenen Tod, Menschen kommen, die das Werk unabhängig von den heute herrschenden Moden in aller Ruhe und objektiv beurteilen, und ihr Urteil wird dann für alle Zeiten bestehen bleiben. Das ist ebenso wie bei den „Alten“, also den Klassikern der griechischen, römischen und indischen Literatur und Philosophie, die auch in Zukunft immer weiter gelesen werden, während vieles, was heute populär ist, vergessen sein wird.

Zu diesen Klassikern möchte Schopenhauer gehören, das ist die Gemeinschaft, der er sich zugehörig fühlt.

Und da frage ich mich halt, ob das eine akzeptable Lösung für das grundlegende Problem ist: Die – problematische und vielleicht unmögliche – Gemeinschaft mit den realen Menschen rund um uns zu ersetzen durch die fiktive Gesellschaft mit Menschen, die schon gestorben sind oder erst auf die Welt kommen werden?
Mit dem Wort „fiktiv“ will ich auch andeuten: Ist das nicht eine Entscheidung dafür, eher nicht in der realen Welt leben zu wollen, sondern lieber in einer eingebildeten? Denn der Ruhm, egal wie real er in der Zukunft einmal sein wird, jetzt ist er eingebildet. Und eingebildet ist auch die Gemeinschaft, die daraus entsteht, wenn ich Platon, Seneca oder meinen „Schopi“ so lese, als würden sie noch leben und wären mein täglicher Umgang. Löst Schopenhauer das von ihm aufgebrachte Problem, wie man sich selber sehen soll, damit eigentlich – oder schwindelt er sich nicht vielmehr darüber hinweg?

Aber ich das muss jeder für sich selbst entscheiden. Ich wollte ja auch nur darauf hinweisen, dass Schopenhauers Aphorismen zur Lebensweisheit nicht so ein Buch sind, aus dem man das eine oder andere mal ausprobieren kann, ob es im eigenen Leben funktioniert, sondern dass es ein Buch ist, bei dem man – wenn man es ernst nehmen will – eine Alles-oder-nichts-Entscheidung treffen müsste, bevor man anfängt. (Nichtsdestotrotz kann man sich freilich auch das eine oder andere aus dem Buch herausnehmen und es mal ausprobieren; unser Leben ist ja grundsätzlich nichts als Stückwerk und hat keine andere Einheit als die, die wir ihm zuschreiben.)

 

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© helmut hofbauer 2018