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Dissertation: Bezugspunkt Gesellschaft

Spott ersetzt Fragen

Eine Rezension von Alexander Dills: Die Erfolgsfalle. Goldmann, München 2006. 192 Seiten.

 

Zuerst gefiel mir dieses Buch (mit seinem zugegebenermaßen recht einfallslosen Titel) so sehr und ich amüsierte mich so gut bei der Lektüre, dass ich es in einem Zug durchlas. Dann las ich es zum zweiten Mal, und da gefiel es mir nicht mehr. Was war in der Zwischenzeit passiert? Ist es ein schlechtes Buch?

Nun, ich glaube, es ist folgendes passiert: Alexander Dills Buch Die Erfolgsfalle hat mir bei der ersten Lektüre sehr dabei geholfen, meine eigenen Gedanken über das Thema Erfolg voranzutreiben und bei der zweiten Lektüre stellte ich fest, dass ich was anderes über Erfolg denke als Dill und, mehr noch, dass ich glaube, dass er sich auf dem falschen Weg befindet.

Das soll aber nun nicht heißen, dass es sich um ein schlechtes Buch handelt. Das zeigt sich z.B. schon daran, dass der studierte Philosoph Dill nicht einfach einen Erfolgsratgeber sondern einen Antierfolgsratgeber geschrieben hat. Ich erkenne darin dieselbe Motivation wieder, die auch hinter meiner (Her-)Ausführung aus der Interkulturellen Kommunikation steckt: Während andere Menschen rührig dazu beitragen, dass wir uns in Sachen verrennen, braucht es dann wiederum uns PhilosophInnen, um die Leute wieder herauszuführen, worin sie sich verrannt haben.

Und wenn ich nun glaube, dass Alexander Dill sich über den Erfolg irrt, dann deswegen, weil ich meine, dass er Erfolg falsch, weil zu ungenau bestimmt und ich einen Weg, ihn zu bestimmen, gefunden habe, der weit fruchtbarer ist, weil er viel mehr Schlüsse über Erfolg zulässt. (Damit ist aber nicht gemeint, dass Dill „Erfolg“ definieren hätte sollen – ein gern gemachter Fehler unter Fachleuten und Besserwissern: Wer einen Begriff definiert, kann hinterher in ihm nur das wiederfinden, was er in ihn hineingelegt hat.) In der Folge seines eigenen Ansatzes dreht sich Dills Buch hauptsächlich um die Frage, ob Erfolg machbar ist – und Dill verteidigt die Anschauung, dass er nicht machbar ist. Ich gebe ihm da Recht, dass man Erfolg nicht durch Handeln erzwingen kann, aber ich glaube, dass es nicht wesentlich für die Frage nach dem Erfolg ist, ob er machbar ist oder ein Ergebnis des Zufalls.

Mit der Anschauung, dass Erfolg immer durch eigene Kraft erreicht sein muss, wendet Dill sich auch gegen Glücksspiele und Horoskope: „Für mich jedenfalls sind die allgegenwärtigen Horoskope und Glücksspiele Zeichen eines weitaus größeren Zweifels an unserer Erfolgsgesellschaft, als er selbst von den schärfsten Kritikern der Globalisierung und des Rat Race formuliert wird. Im Horoskop und im Glücksspiel überlebt nämlich nicht nur der Stärkere, sondern alle sind im warmen Bett der Schicksalsgemeinschaft aufgehoben.“ (S. 31) Diese Diagnose ist unrichtig, denn jemand, der ein Los kauft, tut auch alles dazu Notwendige dazu, um an der Preisverlosung teilzunehmen – und wenn er oder sie den Hauptpreis gewinnt, wird das sein oder ihr Erfolg sein.

Seine Vorannahme über den Erfolg führt Dill auch zu weiteren Fehlschlüssen, so etwa, dass es verdienten und unverdienten Erfolg gäbe:

„Die derzeit erfolgreichsten Bürger der Erde, nämlich George W. Bush und Bill Gates, müssen beide damit leben, dass ihr Erfolg weitgehend als unverdient angesehen wird.
Die Weltherrschaft über den Softwaremarkt und die vollkommene militärische Übermacht bewirken keineswegs auch Anerkennung. Das Publikum ist vielmehr geneigt, den Erfolg als Ergebnis schmutziger Tricks, Verschwörungen und Seilschaften anzusehen – alles andere als die Folge persönlicher Leistung. Obwohl ein Weltmonopol auf PC-Betriebssysteme und militärische Macht faktisch den größtmöglichen irdischen Erfolg darstellen, geht der prestigeträchtigere Literatur-Nobelpreis an eine zurückgezogen lebende österreichische Schriftstellerin namens Elfriede Jelinek. Nie hat sie einen Bestseller geschrieben. Nie war sie Gast beim führenden amerikanischen Talkmaster Jay Leno.“
(S. 118-119)

Ich will nicht bestreiten, dass Elfriede Jelinek eine bestimmte Art von Erfolg hatte, während ihr eine andere Art von Erfolg (einen Bestseller zu schreiben) eben dadurch vorenthalten bleibt; aber es schmälert die Bedeutung des amerikanischen Präsidenten und von Bill Gates in keiner Weise, wenn man ihren „Erfolg“ als unverdient ansehen will. Es ist schon wahr, dass das Publikum heroische Geschichten liebt, aber im Endresultat wirst du als reichster Mann der Welt sicherlich nirgendwo schlechter empfangen, nur weil man eventuell am Verdient-Sein deines Erfolgs zweifelt.

Im Kapitel „How I didn’t it“ erzählt Alexander Dill launisch drei seiner beruflichen Misserfolgsgeschichten, nur dass er, weil er ein verkehrtes Konzept von Erfolg hat, nicht erkennen kann, dass es sich eigentlich bei einer jeden von ihnen um eine eindeutige Erfolgsgeschichte handelt: Die erste heißt „Wie ich dann doch nicht Minister wurde“ (S. 135 ff.) und handelt davon, wie der junge Dill nach der „Wende“ im brandenburgischen Potsdam eine politische Stelle als Kulturmacher bekam und dort die „Potsdamer Diskurse“ veranstaltete. Als er dann einmal zu einer dieser Diskussionsveranstaltungen auch einen Rechten, den Chefredakteur der Zeitschrift „Junge Freiheit“, einlud, wollte man das nicht und weil in Brandenburg gerade Wahlkampf lief, schlug man politisches Kapital aus dem Protest gegen diese Einladung, und Dill, der sie (unter Beifall der Medien) verteidigte, wurde aus diesem Grund am Ende nicht Kulturminister.

Was soll man dazu sagen? Dills Kulturarbeit – er berichtet z.B. über seine Ausstellung "Voltaire in Potsdam“ – verlief sehr erfolgreich, was man daran ablesen kann, dass die Medien über sie berichteten. Das verschaffte ihm erst die Möglichkeit, die „Potsdamer Diskurse“ zu organisieren und diese verliefen wiederum erfolgreich. Als sich politische Kräfte gegen die Einladung des rechten Redakteurs wandten, hatte Dill erneut die Sympathien der Medien auf seiner Seite und die Diskussion erreichte offenbar viele Menschen. Ja, und dass er am Ende nicht Minister geworden ist – ich verstehe nicht, was das zu seinem Erfolg noch dazutun oder von ihm wegnehmen könnte: Er hat ja Erfolg gehabt, denn er hat viele Menschen erreicht!

Ebenso war es auch bei Dills zweiter Misserfolgsgeschichte, die mit „Wie ich die Holzenergie nicht durchsetzte“ (S. 138 ff.) übertitelt ist. Diese Geschichte spielt in Bayern, wohin sich Dill nach dem Potsdamer Ungemach geflüchtet hatte. Er wurde dort sofort zum Texter und Redakteur der „Teisendorfer Marktrundschau“ (kein Erfolg?) und lernte als in dieser Funktion die Leute, die in der bayerischen Holzszene wichtig sind, kennen. Er gründete eine ARGE Urwärme, um in Bayern Fernwärmesysteme nach österreichischem Vorbild zu fördern. Diesen Vorschlag unterstützte die bayerische Regierung mit 50% Förderung für alle Fernheizwerke (kein Erfolg?). Dann wird er Vorsitzender einer Arbeitsgruppe für Holz als Energierohstoff im zentralen Forstabsatzfonds in Bonn. Erste große Aufträge von Städten für den Bau von Fernwärmeheizwerken gehen ein, in Frankfurt veranstaltet er die erste Tagung für Holzenergie etc. Dann wendet sich das Blatt, weil 1995-1996 die Energiewirtschaft das Erdgasnetz ausbaute und deshalb kein Interesse an alternativer Energie aus Holz hatte. Die Vertreter der Energiewirtschaft begannen, gegen Dills Holzenergiepläne zu sticheln und brachten sie zu Fall – schließlich trat Dill als Leiter der Arbeitsgruppe zurück.

Was soll man nun dazu sagen? Wie viel Erfolg will er denn noch haben? Da steigt er vom anonymen Ankömmling in Bayern auf bis zum national anerkannten Fachmann für Holzenergiefragen und dann beklagt er sich darüber, weil sich seine Pläne am Ende nicht vollständig umsetzen ließen. Was will er denn? – Er ist mit dem Thema Holz zu einem in ganz Deutschland wichtigen Mann aufgestiegen: Soviel Erfolg haben sogar andere, sehr erfolgreiche Menschen nicht!

Die dritte Geschichte ist ähnlich gestrickt: „Wie ich nicht Leiter des deutschen Auslandsmarketings wurde“ (S. 143 ff.) – ich will sie deshalb ganz kurz erzählen: Alexander Dill hatte die Idee zu einer vereinigten Marketinginitiative für ganz Deutschland im Ausland, weil es das noch nicht gab. Er veranstaltete zu dem Zweck einen Ideenwettbewerb, der ein großer Erfolg war und positives Medienecho erweckte. Leider hätten zur Umsetzung der Ideen aus diesem Wettbewerb die legalen Strukturen in Deutschland verändert werden müssen, weil alles budgetierte Geld schon verplant war. Da man das, wahrscheinlich aus Besitzwahrungsgründen, nicht wollte, hat man Dill abserviert.

Was kann man Alexander Dill hierzu sagen? – In einem weltberühmten Orchester mitzuspielen, ist ein Erfolg, weil viele nicht darin mitspielen dürfen; in der Formel I mitfahren zu dürfen, ist ein Erfolg, weil viele dort nicht mitfahren dürfen; und Dill, den lässt man in Brandenburg große Kulturevents organisieren, deutschlandweit Lobbying-Arbeit für Holzenergie betreiben und einen internationalen Wettbewerb für die besten Ideen zur Promotion Deutschlands im Ausland durchführen – einen erfolglosen Menschen hätte man das alles nicht realisieren lassen. Ja, glaubt denn Dill vielleicht, dass erst der Abschluss, der eine Initiative durch Posten und Machtzuteilung institutionalisiert, den erstrebten Erfolg ausmacht? Ich glaube das nicht: Dill hat mit seinen Aktivitäten viele Menschen erreicht, deshalb hatte er Erfolg. (Warum ich Erfolg als das Erreichen vieler Menschen bestimmen würde, dazu müsste ich einen eigenen Text schreiben; hier kann ich nur davon zu überzeugen suchen, dass der Erfolgsbegriff ohne eine zusätzliche Bestimmung von der Art wie z.B. diese vorgeschlagene auseinanderfällt – sein Inhalt ist nicht länger kompakt und nachvollziehbar.)

Mir scheint das ist auch der Grund, warum Alexander Dill am Ende beim Salzburger Bergbauern Sepp Holzer ankommt (der Samen schlicht unter Steine legt und sie wachsen lässt), um uns diese Menschen abgewandte Tätigkeit als Erfolgsweg anzupreisen. Holzer ist für Dill offenbar so wichtig, dass er ihm sogar zwei Kapitel widmet. Er steht für „Künste“ wie „Die Kunst, den geltenden Meinungen und Lehren zu misstrauen. Die Kunst, etwas Unvernünftiges und möglicherweise Vergebliches zu tun. Die Kunst, alle Rückschläge und Misserfolge nicht wegzureden, sondern zu akzeptieren und zu erklären. Die Kunst zu warten“ (S. 165) Und obwohl Alexander Dill zugibt, dass Sepp Holzer das alles „nichts genützt“ hätte, hätte er nicht die Fähigkeit besessen, sich trefflich mit Landwirtschaftskammer und Forstämtern zu streiten und dadurch die Öffentlichkeit auf sich aufmerksam zu machen, lässt Dill durch diese Präsentation von Holzer Erfolg trotzdem als etwas erscheinen, das wächst wie ein Samen.

Oder das man wachsen lässt. Das Kapitel danach ist nämlich der chinesischen Wuwei-Philosophie von Lao-Tse gewidmet, der Philosophie des „Nicht-Tuns“ (S. 173 ff.). Wie man Erfolg dadurch bekommt, dass man etwas nicht tut – ab dieser Grundsatzentscheidung von Dill geht die gesamte Überlegung über Erfolg schon sehr in die falsche Richtung. Wenn man anstatt dessen Erfolg eher enger definieren und ihn auf die Zahl der Menschen rückbeziehen würde, die man mit seinen Anstrengungen erreicht, wären die Schlussfolgerungen sicherlich andere.

So bleiben mir aus Dills Buch zum Mitnehmen nur einzelne Beobachtungen. Die Möglichkeit zu köstlichen Beobachtungen hat Alexander Dill ja aufgrund seiner geistigen Freiheit, die aus der Entscheidung kommt, keinen Erfolgsratgeber schreiben zu wollen, weswegen er über alles, was mit Erfolg zusammenhängt beliebig spotten kann. Eins der unterhaltsamsten Kapitel in diesem Sinne ist das über die erfolglosen, weil sterbenden, Spinnen in seiner Duschecke (S. 76 ff), welches seinen sachlichen Rechtfertigungsgrund darin hat, dass wir „gerne von der Annahme aus[gehen], die Natur wäre perfekt organisiert, indem sie immer dafür sorgt, dass die stärkste und gesündeste Art überlebt.“ (S. 76) Tatsächlich vermeinen wir heutigen Menschen in der Natur so etwas wie ein Spiegelbild unseres Erfolgsdenkens zu sehen und beziehen aus ihm unsere Rechtfertigung dafür, mit unseren Mitmenschen unbarmherzig umzugehen. Denn: Der Stärkere muss ja gewinnen; andernfalls wäre die natürliche Ordnung verkehrt worden – und das könne, suggeriert man, doch nur negative Folgen für die Menschheit haben. Wahrscheinlich würden die Menschen degenerieren, wenn in der Gesellschaft nicht genauso das Recht des Stärkeren und Gesünderen gelten würde wie in der Natur – oder was auch immer man sich vorstellt. Dill thematisiert nun die Spinnen in seinem Haus, die sich absolut dumm verhalten, indem sie sich an einem Ort – der Duschecke – niederlassen, an dem sie kein Futter bekommen und erfindet für sie sogar noch ein „Spinnen-Start-up-Consulting“, aus dessen Ratgeberschrift „How spiders become winners“ er die selbst ersonnenen Passagen über den richtigen (Unternehmens-)Standort zitiert.

Eher trist, aber auch sehr unterhaltsam ist dagegen das Kapitel über die Schweiz, und hier insbesondere die Stadt Zug, die für Dill für erreichten Erfolg steht:

„Neben dem eher düsteren und verbunkerten Vermögen erscheint aber auch dessen sichtbare Verwendung in den Schweizer Fünfsternehotels nicht als wirkliche Quelle der Freude. Mehrmals hatte ich Gelegenheit, im „Palace“ in Luzern und Montreux zu nächtigen. […] Kaum ein Mensch verirrt sich auf die gepflegte Strandpromenade, wo einem eine offensichtlich mehrfach geliftete Joggerin entgegenkommt. Auch eine Nanny ist mit zwei Kindern unterwegs, denen das Unglück ins Gesicht geschrieben ist […] Es ist die „Woche der Meeresfrüchte“: Plats des fruits de mer, Foie gras, Huitres, St. Jacob, Lotte. Die wohlsituierten, älteren Ehepaare um uns herum scheinen die Delikatessen nicht zu genießen.“ (S. 130-131)

Am ehesten für mein weiteres Nachdenken relevant (wenn ich davon ausgehe, dass Dill in seinem Buch in die falsche Richtung geht, weil er sich nicht ausreichend bemüht hat, den Begriff des Erfolgs zu bestimmen) ist Dills Antwort auf die Frage nach dem Erfolg von Wirtschaft insgesamt. Alexander Dill erkennt, dass die Wirtschaft letztlich nicht besteht, um menschliche Bedürfnisse zu befriedigen, sondern Selbstzweck ist und ausschließlich die Bedürfnisse der Wirtschaft selber befriedigt:

„Die Wirtschaft ist kein Mäzen. Sie ist ein Selbstzweck, außerhalb dessen scheinbar nichts existiert. Wir sollen Kinder zeugen, damit die Renten gesichert sind, Urlaub machen, damit wir erholt produktiver sind und die Subvention des Flugbenzins gerechtfertigt ist. Unsere Kinder sollen studieren, um mehr zu verdienen.“ (S. 57)

Allein das ist eine Erkenntnis, die noch weit davon entfernt ist, sich in der Gesellschaft durchzusetzen: Nein, unsere Kinder lernen nicht, damit sie dann vielleicht mehr wissen, sondern damit sie mehr verdienen. (Dadurch, dass man sagt, die jungen Leute sollten studieren, damit sie in Zukunft mehr verdienen, werden sie ja erst in den wirtschaftlichen Kreislauf eingegliedert – wir haben diese Entwicklung doch gerade erst in den letzten Jahren mitgemacht, in denen aus den Universitäten Unternehmen (businesses) gemacht wurden.) Ziele, die einfach nur aus einer Bedürfnisbefriedigung bestehen und nicht selbst wiederum in geldwerte Ziele übersetzt werden können, werden in unserer wirtschaftsorientierten Gesellschaft ja nicht einmal mehr verstanden. Aus dem Grund macht man auch nicht Urlaub, um sich zu erholen, sondern um wieder für den Job fit zu werden, und man isst auch nicht, um satt zu werden, sondern um für die Arbeit Kräfte zu tanken und vielleicht soziale Kontakte mit Kollegen und Geschäftsfreunden zu pflegen. Insofern ist Wirtschaft Selbstzweck. Wirtschaftliche Aktivität erfüllt nur die Bedürfnisse der Wirtschaft. Und jenseits der Bedürfnisse der Wirtschaft gibt es keine weiteren Bedürfnisse.

Der Erfolg der Wirtschaft nun, der Grund, warum sie immer überlebt, während politische Systeme kommen und gehen, liegt in ihrer Wertfreiheit:

„Politik und Kultur, Medien und Entertainment werden sehr subjektiv wahrgenommen. Da fallen Sätze wie „Das gefällt mir“ oder „zum Kotzen“. In diesen Bereichen werden Werte vertreten […] Ganz anders in der Wirtschaft: Niemand ist dort aus persönlichen Gründen für oder gegen ein Unternehmen, eine Bank oder die Börse. Wenn ein Unternehmen Bankrott geht oder übernommen wird, […] geht es nur um die Frage, wer persönlich am Misserfolg schuld ist. Es gibt niemanden, der die Wirtschaft nicht als schmutziges Rat race ansieht. Deshalb gilt es auch als selbstverständlich, dass man sich in der Wirtschaft mit Intrige, Betrug und Steuerhinterziehung durchsetzen muss. Das System „Wirtschaft“, das hinter dem inzwischen verschwundenen „Neuen Markt“ oder dem Betrugsunternehmen Enron steht, wird nie hinterfragt.
Parteien und Medien kommen und gehen […] – die Wirtschaft aber bleibt. Warum überlebte sie so hartnäckig zwei Weltkriege […]? Weil sie völlig wertneutral ist. Der messbare materielle Erfolg ist ihre einzige Wertskala – und die ist völlig neutral. Wenn der Banker Ihnen Ihren Kredit kündigt, wird er nur auf ihre Bilanz und Ihre Einnahmen verweisen, nicht darauf, ob Sie Waffen oder Software verkaufen, Finanzbetrüger oder Buchhändler sind. Es gibt in der Wirtschaft keine Freundschaft – und damit auch keine Werte wie Ehrlichkeit, Treue, Zuverlässigkeit.“
(S. 58-60)

Ich kann meine Gedanken hier nur andeuten. Der Erfolg, der der Wirtschaft durch ihre Wertneutralität beschieden ist, hat gewiss auch damit zu tun, dass der Banker nur jeweils das Vermögen eines jeden ansieht, um seine Kreditwürdigkeit zu beurteilen. Insofern behandelt die Wirtschaft alle gleich. Aber der Erfolg der Wirtschaft beruht mit Sicherheit auch auf unserem wissenschaftlichen Weltbild, das ganz tief in uns heutigen Menschen lagert und das besagt, dass die Wahrheit letztlich etwas Wertneutrales sein muss. Denn die Wissenschaft ist ja auch wertneutral – also muss auch die Wahrheit (also der wertneutral erkannte Gegenstand) wertneutral sein. Und diesem Vorurteil oder dieser Grundvorstellung kommt die Wirtschaft mit ihrer Wertneutralität sehr schön entgegen. Sie sieht sehr wissenschaftlich aus, die Wirtschaft, wissenschaftlich objektiv, weil sie wertneutral ist, nicht wahr?

Was nun nötig wäre, um den wissenschaftlichen Nimbus der Wirtschaft ein bisschen anzukratzen, wäre, dass man zeigt, dass die Wertneutralität der Wirtschaft selber auch nicht wertneutral ist, sondern bestimmten Werten den Vorzug gibt. Der Text von Dill, den ich hier ausführlich zitiert habe, gibt ja schon Hinweise darauf, welche Werte das sein könnten, die da bevorzugt werden: Es komme der Wirtschaft nicht drauf an, so Dill, ob man Waffen oder Software verkauft, Finanzbetrüger oder Buchhändler ist. Tatsächlich macht derlei Unterschiede, falls es das tut, dann erst das Gesetz – und indem es das tut, wertet das Gesetz schon wieder. Die Wirtschaft allein hingegen würde hier keinen Unterschied machen, das Geld vom Waffenhändler und vom Finanzbetrüger ist ihr genauso lieb wie das von ehrlichen Wirtschaftstreibenden. Somit setzt die Wirtschaft durch ihre Wertfreiheit negative Werte, die hinterher vom Gesetz korrigiert werden müssen, und sie ist daher nicht mit der Wertfreiheit der Wissenschaft zu verwechseln, die Interesselosigkeit und Neutralität im Bereich der Erkenntnis bedeutet und als solche die Grundlage dafür ist, warum wir der Wissenschaft unser Vertrauen schenken. Der Wirtschaft dürfen wir gerade aufgrund ihrer Wertfreiheit unser Vertrauen nicht schenken, da es in ihr, wie Alexander Dill bemerkte, keine Ehrlichkeit, Treue und Zuverlässigkeit gibt.

Wir müssen uns also von dem Vorurteil befreien, dass die Wertfreiheit der Wirtschaft mit jener der Wissenschaft irgendetwas gemein hätte (in der Form etwa, dass die Wirtschaft mittels ihrer wertfreien Prozesse im Markt bestimme, welches Produkt für die Menschen das objektiv bessere und nützlichere ist); im Gegenteil: Die Wertfreiheit der Wirtschaft beinhaltet in Wirklichkeit selber Werte, nur sind das halt Werte, mit denen eher Gangster Freude haben werden als brave Bürger: Verantwortungslosigkeit, Trickserei, das brutale Recht des Stärkeren, etc.

Am Ende des Buches befindet sich ein Erfolgstest, der auch im Internet unter www.erfolgsfalle.de abgerufen werden kann. Der Test verfolgt den einfachen Zweck, die Menschen auf die Widersprüche in ihren Haltungen aufmerksam zu machen. So gibt es eine Reihe von Fragen, dann eine zweite, und Antworten aus der zweiten Fragereihe können solche aus der ersten inhaltlich aufheben. So wird etwa die Chance der „Steigerung meiner Anlagewerte“ durch die Chance auf „Erkrankung an Krebs“ (S. 187) aufgehoben. Alexander Dill will damit zeigen, was er früher in seinem Buch schon einmal ausgesprochen hat: Sobald es um das Thema Erfolg geht, betrachten wir uns selbst immer als potentielle Ausnahmen (denn nur diese können Erfolg haben); sobald wir aber ins Auto einsteigen, hoffen wir inständig zur statistischen Regel zu gehören (und nicht zu den Ausnahmen, die einen Autounfall haben):

„Wir stoßen damit auf einen gigantischen Widerspruch in unserer Gesellschaft: Obwohl alle Wissenschaften wie Biologie und Soziologie beweisen, dass wir in unserer Region der Erde etwa gleich kurz oder lang leben und auch gleich viel verdienen, und obwohl die Aufklärung uns lehrt, dass alle Menschen gleich seien, geht unser individuelles Bestreben auf das Gegenteil hinaus: Wir möchten die einzige Ausnahme von der Regel sein. Steigen wir dann aber in das gefährlichste Verkehrsmittel der Welt, das Automobil, gehen wir fest davon aus, dass die Regel schon gelten werde, keinen schweren Unfall zu erleiden.“ (S. 67)

Dieser Vorwurf von Dill ist sicher sachhaltig: Er läuft daraus hinaus, dass in einer Erfolgsgesellschaft wie der unseren die allgemeine Erwartungshaltung von allen etwas verlangt, was nur wenige erreichen können, weil Erfolg sich ja durch die Differenz definiert zwischen dem, was einer erreicht hat und andere nicht erreicht haben. Anders gesagt: Wenn einer ein Mozart wäre und schon 20 Symphonien geschrieben hätte, so bestünde sein Erfolg darin, dass die allermeisten Menschen derartiges nicht tun konnten und nicht getan haben. Denn hätte ein jeder Mensch 20 Symphonien in der Schublade, so hätten wir eine große Symphonieninflation und man könnte sich durch das Schreiben von Symphonien nicht mehr auszeichnen. Das ist auch der Grund, warum nicht alle Erfolg haben können: Erfolg zu haben besteht darin, dass andere keinen Erfolg haben. Erfolg ist nichts anderes als die Erfolglosigkeit oder der Misserfolg der Anderen.

Insgesamt kann ich nicht sagen, ob das Buch gut oder schlecht ist. Schlecht ist es, weil es meiner Meinung nach inhaltlich insgesamt in die falsche Richtung steuert. Gut ist es, weil in allen seinen Kapiteln immer wieder Formulierungen enthält, die einen über ein Phänomen, das man kennt, nachdenken lassen und die es sogar für mich, der ich das Buch zweimal gelesen habe, es lohnend erscheinen lassen, es ein drittes Mal zu lesen. Es ist bei diesen stilistisch ansprechenden Formulierungen jedoch immer darauf zu achten, ob sich denn wirklich ein Gedanke dahinter befindet. Beispiele dafür sind: „In Europa hören viele heimlich ihre Erfolgskassetten, wissen sie doch genau, dass sie das unwiderlegbare Indiz für ihre Erfolglosigkeit sind.“ (S. 87) Oder: „„Das worauf wir unsere Aufmerksamkeit richten, verstärken wir in unserer Welt“, stellt Murphy fest. Und alle diese Sätze stimmen. Was nicht stimmt, ist, dass sich daraus ein Königsweg zum Erfolg ableiten ließe, weil bereits der Gedanke, Erfolg haben zu wollen, zwangsläufig bedeutet, die jetzige Existenz als erfolglos zu verdammen. Die Autosuggestion des positiven Denkens hebt sich sofort wieder auf.“ (S. 97) Das sind nichts mehr als Gedankenschaukeln: Drücke ich die eine Seite des Gegensatzpaars nieder, geht die andere hoch. Aber sie lassen sich im Grunde leicht auflösen: Wenn Erfolg haben zu wollen, bloß eine Entwertung meiner jetzigen Existenz ist, dann wäre es ja ganz unmöglich, über Erfolg nachzudenken, weil mit jedem Nachdenken darüber eine Entwertung meiner jetzigen Existenz – und damit Erfolglosigkeit – einherginge. Und das kann nicht sein! In ebendieser Weise kann auch der Gedanke, dass das Anhören von Erfolgskassetten mir nur meine Erfolglosigkeit zu Bewusstsein bringt, nicht stimmen. Derartige Aussagen hören sich gewitzt und schlau an, aber sie sind es nicht.

Ich glaube, was ein populäres Buch wie das von Alexander Dill besser machen würde, wäre, wenn man es mit einer anderen Haltung schriebe: Anstatt so zu tun, wie das herkömmlich üblich ist, als hätte man alle seine Gedanken zu einem Thema schon fertig und breite sie nur noch in einer Form aus, die man als für den Normalverbraucher leicht verständlich und ansprechend empfindet, sollte man durchaus auch ein wenig zeigen, dass man selbst noch auf dem Weg ist und selbst mit sich um immer bessere Antworten ringt. Das brächte eine Spannung und innere Dynamik in das Buch hinein, die es zu einem hochwertigen philosophischen Werk macht, auch wenn es in sehr einfacher Sprache geschrieben ist. Ergebnisse mitzuteilen, ist immer das Ende des Denkens – und Ergebnisse machen ein jedes Buch, bei dem es nicht unmittelbar um tatsachenharte, faktische Ergebnisse geht, langweilig.

Ich beschließe diese Rezension daher mit einem Zitat von Alexander Dill, das zeigt, wie gut er spotten kann – vielleicht ist nämlich der Spott in seinem Buch ein Ersatz für nicht gestellte Fragen, da er zur Reaktion und zum Nachdenken anregt:

„Ich habe selbst einmal einen Mitarbeiter eingestellt, der erfolgsgläubig war. Seine Motivation war ungeheuer, aber seine Leistungen waren katastrophal. Er fing sofort an, das Know-how der Firma zu stehlen und es selbst zu verkaufen. Ich musste ihn fristlos entlassen, was er – da er auf das positive Denken programmiert war – wiederum als neue Herausforderung ansah. Ich bin aber überzeugt, dass er trotz dieser Einstellung keinen Erfolg haben konnte, weil die Leistung fehlte. In den USA hätte er es durchaus zu einem Marketing- oder PR-Manager in der Größenordnung von 60 000 Dollar pro Jahr bringen können.“ (S. 87)

Warum in den USA? Nun, weil dort Erfolg viel mehr geschätzt wird. Aber vielleicht kommen wir in Europa ja auch bald dorthin, dass wir Erfolg mehr schätzen als reale Arbeitsleistung. Je mehr wir arbeiten, um Erfolg zu haben als wir arbeiten, um zu arbeiten (um gute Arbeit zu leisten), desto mehr könnte sich der von Alexander Dill beschriebene Mitarbeitertyp auch bei uns durchsetzen. Oder etwa nicht? Oder führt Erfolgsorientierung, wie man traditionell glaubt, zu höherer Arbeitsbereitschaft?

In einer Gesellschaft wie der unsrigen, in der Fragen so stark unterbewertet (und mit Nichtwissen assoziiert) werden, muss Spott oft die Funktion von Fragen ersetzen. Nämlich die, von einer Sache, auf die wir fixiert sind, einmal wegzusehen, damit wir den größeren Kontext sehen können, in dem sich diese Sache befindet. – Damit dieser größere Kontext uns zu mehr Licht verhilft, in welchem wir die Sache, die wir betrachten, besser sehen können.

22. Juni 2010

 

© helmut hofbauer 2010