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Dissertation: Bezugspunkt Gesellschaft

Reflexion über Henrik Ibsens Drama „Ein Volksfeind“

und darüber, wie die Mitteilung philosophischer Gedanken in der wohlgeordneten Gesellschaft möglich ist


1. Fernando Savaters Version

Sehen wir uns zuerst Fernando Savaters Darstellung des „Volksfeinds“ an – gemeinsam mit seiner Interpretation des Stücks:

Fernando Savater: La dimensión ética de la empresa. Fundación social. Santafé de Bogotá 1998.

S. 66-68
„Ibsen erzählt uns in seinem Werk „Ein Volksfeind“ die Geschichte eines sehr verantwortungsvollen Arztes, der entdeckt, dass das Wasser des Kurbades der Stadt sehr verschmutzt ist, dass es deshalb Gift für den Menschen ist und dass man es nicht erlauben darf, dass Personen es weiterhin benutzen. Das Problem liegt darin, dass die gesamte Wirtschaft der Stadt sich um das Kurbad und die Leute, die es permanent in der Hoffnung auf Besserung besuchen, dreht – sogar der Protagonist arbeitet als Arzt in ihm. Der Bürgermeister, der zum größeren Unglück der Bruder des Arztes ist, sagt ihm, dass die Lage des Kurbads zu ändern viel Geld kosten würde und dass die Arbeiten nicht weniger als zwei Jahre in Anspruch nehmen würden. „Außerdem“, sagt der Bürgermeister zum Arzt, „wer würde zurückkommen in unser Kurbad, sobald bekannt ist, dass das Wasser vergiftet ist? Das Beste ist es, den Zustand des Wassers nicht publik zu machen.“ Da widersetzt sich ihm der Protagonist kategorisch und sagt: „Nein! Es ist nicht möglich, die Besucher das Wasser des Kurbads trinken und sich in ihm baden zu lassen. Das muss man melden und publik machen.“ Der Bürgermeister stellt sich dem entgegen, sagt ihm, dass die Untersuchung des Wassers, die der Arzt in Auftrag gegeben hat, nicht exakt sei und dass er ihm seine Stellung als Arzt des Kurbads aufkündigen müsse, wenn er seine Behauptung nicht zurückzieht. Der Arzt beruft eine öffentliche Versammlung ein; in dieser besteht der Bürgermeister auf den exzessiven Kosten der baulichen Wiederherstellung des Kurbads, die überdies von allen Steuerzahlern bezahlt werden müssten, und der Arzt besteht auf dem großen Schaden, den man den Besuchern zufügen würde. Am Ende kommt die gesamte Bevölkerung darin überein, den Arzt als Volksfeind zu bezeichnen und darin, dass man die Vergiftung des Wassers des Kurbads nicht öffentlich machen wird.

Ibsen zeigt uns also, wie sogar in Fällen von Übereinkunft in einer Versammlung (wörtl: „gremialer Solidarität“) die Ethik oder die persönliche Verantwortung es ist, die sich erhebt und sagt, dass man auf diesem Weg nicht weitergehen darf, dass man bestimmte Sachen nicht vertuschen darf, auch wenn es dazu notwendig sein sollte, sich den Personen entgegenzustellen, die die eigenen Nachbarn gewesen sind und mit denen man lange zusammengearbeitet hat. Die persönliche Ethik zeigt ganz einfach, dass es Situationen gibt, in denen es notwendig ist, sich der Gruppe oder der Gemeinschaft entgegenzustellen, zu der man gehört und auf eine entschlossene Weise zu handeln, ohne Rücksicht zu nehmen auf die Interessen, die davon berührt werden.“
[Übersetzung: Helmut Hofbauer]

Man sieht hier sehr deutlich: Fernando Savaters Ethik persönlicher Verantwortlichkeit läuft letzten Endes darauf hinaus, dass das Individuum eine Rolle als Außenseiter gegenüber der Gesellschaft einnimmt. In der Gruppenpsychologie spricht man von verschiedenen „Rollen“, die in einer Gruppe möglich sind: AnführerIn, MitläuferIn (das sind jene, die den größten Teil der Gruppe ausmachen), AußenseiterIn und KonkurrentIn. Wenn jemand also wirklich ethisch handeln wollte, dann müsste er oder sie bereit sein, die Außenseiterrolle in der Gesellschaft einzunehmen. Im Idealfall – wenn alle Menschen ethisch handeln würden – wären alle Außenseiter. – Wäre eine solche Gesellschaft denkbar, die nur aus Außenseitern besteht?

Die Notwendigkeit, Außenseiter zu sein, ergibt sich aus der Selbstbestimmtheit ethischen Handelns: Also, ich tue etwas, nicht weil die Gruppe oder die Tradition sagt, dass das richtig sei, sondern weil ich selbst durch rationales Nachdenken entschieden habe, dass es richtig ist. Ohne Selbstbestimmung gibt es eigentlich kein ethisches Handeln. Also selbst wenn die Gesellschaft eine bestimmte Handlungsweise empfiehlt und fordert und diese entspräche auch jener, auf die man selbst durch eigene Reflexion als auf die ethisch richtige gekommen wäre, ist diese Handlungsweise keine ethische, denn sie ist fremdbestimmt.

Ethisches Handeln ist also asoziales oder antigesellschaftliches Handeln. Und hier zeigt sich, dass das, was für das ethisches Handeln gilt, in genau derselben Weise auch für das philosophische Nachdenken gilt. Denn Philosophieren besteht darin, dass ein Mensch rational über irgendwelche Fragen, die er (oder sie) sich stellt, nachdenkt. Dabei kann herauskommen, dass er in einer bestimmten Frage mit der Gesellschaft einer Meinung ist oder auch dass er nicht mit ihr einer Meinung ist. Das ist genau jene Individualität und Unabhängigkeit von der Gruppe, die die Außenseiterstellung kennzeichnet. Wer also philosophiert, ist ebenfalls zum Außenseiter/zur Außenseiterin verdammt oder ist eben ganz von alleine ein/e AußenseiterIn.


2. Was sagt Ibsen dazu?

Henrik Ibsen: Ein Volksfeind. Reclam, Stuttgart 1993. S. 13.

„AMTSRAT: […] Ich kann nicht zulassen, daß krumme oder unlautere Wege beschritten werden.
DOKTOR STOCKMANN. Bin ich jemals krumme oder unlautere Wege gegangen?
AMTSRAT. Du hast jedenfalls eine angeborene Neigung, deine eigenen Wege zu gehen. Und das ist in einer wohlgeordneten Gesellschaft fast genauso unpassend. Der einzelne muß sich nun einmal dareinfinden, dass er sich dem Ganzen unterordnet, oder, besser gesagt: den Autoritäten, die über das Wohl des Ganzen wachen.“

Also des Arztes, also Doktor Stockmanns, Bruder ist nicht der Bürgermeister, sondern ein Herr Amtsrat; aber sonst stehen uns keine Ungereimtheiten bei der Interpretation dieses Textzitats im Weg:

Doktor Stockmann liebt es in der Anschauung seines Bruders, der ein 100prozentiger Vertreter und Verteidiger der Gesellschaft ist, eigene Wege zu gehen und das sei in einer wohlgeordneten Gesellschaft schon fast so genauso unpassend wie krumme und unlautere Wege zu gehen. Man kann annehmen, dass das aus der Perspektive der Gesellschaft so aussieht: An und für sich würde die Gesellschaft ja heftigst bestreiten, dass sie es jemandem verwehrt, seine eigenen Wege zu gehen und nach seiner eigenen Fasson glücklich zu werden, in Wirklichkeit jedoch setzt sie häufig schon das Gehen eigener Wege mit dem Gehen auf krummen und illegalen Wegen gleich.

Noch etwas ist interessant in diesem Zitat: Der Einzelne müsse sich, so der Amtsrat als Verteidiger der Gesellschaft, dem Ganzen unterordnen, und er sagt auch gleich, worin diese Unterordnung unter das Ganze besteht, nämlich in der Unterordnung unter die Autoritäten. Nun wird einem jeden, der nicht völlig blind ist, sofort in die Augen springen, dass die Autoritäten und das Ganze der Gesellschaft nicht das gleiche Ding sind. Die Autoritäten, das ist nicht die Gesellschaft als Ganzes, sondern das sind wiederum einzelne Menschen. Woraus folgt, dass man sich der Gesellschaft eigentlich gar nicht unterordnen kann, weil ja nicht bekannt ist, was diese ist und worin sie besteht. Um sich ihr unterordnen zu können, muss man sich ihren Autoritäten unterordnen, also jenen Menschen, die beanspruchen, sie zu repräsentieren. Das aber macht doch einen großen Unterschied: Denn wenn es noch einige Überzeugungskraft hat, sich der Gesellschaft unterzuordnen, so hat es doch schon viel weniger Überzeugungskraft, sich lieber anderen Menschen unterzuordnen als seinem eigenen rationalen Urteil: Denn warum sollte man von Haus aus davon ausgehen, dass die Anderen besser urteilen als man selber?

3. Der denkende Mensch ist allein, weil er einen eigenen Standpunkt entwickelt

Der denkende Mensch ist also allein – und zwar allein dadurch, dass er denkt; er ist asozial – und zwar genau dadurch, dass er denkt und doch besser nicht denken sollte. Was also ist die Gesellschaft? Die Gesellschaft ist ein behäbiges Ding, das darin besteht, so bleiben zu wollen, wie sie ist, auf dem Kurs bleiben zu wollen, auf dem sie fliegt – egal ob das ein Kollisionskurs ist oder nicht. Das Missverständnis des denkenden Menschen mit der Gesellschaft hat seinen Ursprung darin, dass er sich über das Wesen der Gesellschaft irrt. Er meint, die Gesellschaft bestehe aus der Gruppe der Menschen, welche sie bildet. Deshalb meint er, wenn er einen Gedanken hat, von dem er glaubt, dass er der Gesellschaft nütze, dann müsse diese doch an seinem Gedanken Interesse haben. Doch die Kommunikationsbeziehungen zwischen Einzelnem und Gesellschaft sind nicht von der Art. Doktor Stockmanns Bruder, der Amtsrat, kennt die Gesellschaft besser:

S. 42
„DOKTOR STOCKMANN. Ja, aber ist es denn nicht die Pflicht eines Staatsbürgers, es der Allgemeinheit mitzuteilen, wenn er auf einen neuen Gedanken gekommen ist?
AMTSRAT. Ach, die Allgemeinheit benötigt gar keine neuen Gedanken. Die Allgemeinheit ist mit den guten, alten, bewährten Gedanken, die schon da sind, bestens bedient.“

Wichtige Anmerkung dazu von meiner Seite: Diese Beobachtung wird vielen heute als falsch erscheinen, da wir doch unsere Gesellschaft als begierig nach neuen Gedanken erleben und sehen, wie sie mit Nachdruck in F&E, also in Forschung und Entwicklung, investiert. Der scheinbare Widerspruch löst sich jedoch auf, wenn wir uns vergegenwärtigen, dass die Gesellschaft früher an einem Ort stille stand, während sie heute, durch die Aufklärung in Bewegung gesetzt, in eine Richtung fliegt. Diese Bewegung wird „Fortschritt“ genannt; die Richtung ist unbekannt und wird nicht hinterfragt. Wenn die Gesellschaft also heute nach neuen Gedanken zu streben scheint, dann tut sie das – genau wie die frühere Gesellschaft – nur, um ihren Ist-Zustand zu bestätigen, also um sich NICHT zu verändern. Die einzigen Gedanken, die die Gesellschaft mit Freude aufnimmt, sind diejenigen, die sie ein bisschen mehr so werden lassen, wie sie ohnehin schon ist; die es ihr erlauben, sich weiter in die Richtung zu bewegen, in die sie ohnehin schon fliegt. Würde man die Reaktion der Gesellschaft auf Gedanken betrachten, die ihre derzeitige Entwicklungsrichtung in Frage stellen, dann würde man sehen, wie aufgeschlossen sie neuen Gedanken gegenüber wirklich ist.

4. Der ins Innere des Menschen fließende Nutzen oder Schaden verliert tendenziell seine Sichtbarkeit für die Gesellschaft

Was die Gesellschaft eigentlich ist, ist – entgegen dem Vorurteil der meisten Menschen – weder evident, noch ist diese Frage leicht zu beantworten. Wir können diese Frage nur anhand ihrer praktischen Auswirkungen nachverfolgen, z.B. hier in Gestalt von Ibsens philosophischer Fiktion „Ein Volksfeind“:

S. 46
„DOKTOR STOCKMANN. Aber ich bin es doch, der für das Wohl der Stadt kämpft! Ich will die Mängel beheben, die früher oder später sowieso ans Tageslicht kommen werden. Oho, es wird sich schon zeigen, daß ich meine Heimatstadt liebe.
AMTSRAT. Du, der du in blindem Trotz losläufst und die wichtigste Einnahmequelle der Stadt zerstörst.
DOKTOR STOCKMANN. Die Quelle ist vergiftet, Mensch! Bist du verrückt! Wir leben hier davon, daß wir Dreck und Unrat verhökern! Unser gesamtes aufblühendes Gemeinwesen wird von der Lüge genährt!
AMTSRAT. Einbildungen – wenn nicht Schlimmeres. Ein Mann, der gegen seine Heimatstadt so schwerwiegende Beschuldigungen erhebt, muß ein Feind der Gesellschaft sein.“

Das Problem beginnt im Grunde damit, dass man sagt, dass das Ganze über dem Einzelmenschen steht. Wenn also einzelne Menschen durch das Kurbadwasser vergiftet werden, dann werden nur Einzelne geschädigt, nicht aber das Ganze. Das Ganze der Gesellschaft wird aber geschädigt, wenn die finanzielle Haupteinnahmequelle der Stadt zerstört wird. Nun wissen wir freilich, dass das vom Amtsrat ein bisschen zu kurz gedacht ist: Wenn wirklich Menschen vom Wasser des Kurbads in ihrer Gesundheit erheblich geschädigt werden und das nachträglich an die Öffentlichkeit kommt, dann blühen der Stadt finanzielle Einbußen, möglicherweise auch in der Gestalt von Schadenersatzzahlungen, die viel größer sein werden als das bisher diagnostizierte voraussichtliche Schadensausmaß. Das Muster ist dennoch wiederum das gleiche: Nicht die in ihrer Gesundheit geschädigten Menschen stellen den gesellschaftlichen Schaden, den Schaden für die Gesellschaft dar, weil sie ja nur Teile der Gesellschaft sind: Einzelne sind erkrankt, Einzelne sind vielleicht gestorben. Die finanziellen Einnahmen (obwohl auch diese am Ende bei einzelnen Individuen landen) der Stadt jedoch machen das aus, was den Nutzen oder Schaden (im Falle ihres Ausbleibens) der Gesellschaft darstellt, weil sie in einer statistischen Aufstellung der gesamten Stadt zugeschrieben werden können.

Wenn wir es also mit der Frage nach der Gesellschaft zu tun haben, dann haben wir es mit einem bestimmten Mechanismus zu tun. Dieser Mechanismus besteht darin, dass in den Augen der Öffentlichkeit bestimmte Phänomene es leichter haben, Sichtbarkeit und Relevanz zu gewinnen als andere. Z.B. wiegt ein Mensch, der sich allein vor Schmerzen windet, weniger als z.B. das Faktum wiegen würde, dass alle um 1% im Jahr weniger verdienen, selbst wenn sie diese Einkommensminderung aufgrund ihres Reichtums nicht spüren sollten. Der Grund liegt einfach darin, dass der Einkommensverlust im Beispiel auf alle, also auf das Ganze der Gesellschaft zuschreibbar ist; der oder auch die sich vor Schmerzen krümmende PersonEn jedoch nicht verallgemeinerbar sind.

Letztlich führen uns diese Überlegungen zu der Frage, ob der Mensch ein „allgemeines Schicksal“ hat: Wenn der Mensch nämlich ein allgemeines und kein persönliches Schicksal hätte, wenn er also mehr Anteil daran hätte, dass z.B. die Haupteinnahmequelle der Stadt ausfällt als daran, dass er sich an verschmutzem Wasser vergiftet, krank wird und stirbt, dann wäre er zur Gänze ein gesellschaftliches Wesen. Es ist natürlich offenbar, dass er das nicht ist: Wenn der Mensch durch schmutziges Wasser krank wird und stirbt, dann kümmert es ihn nicht mehr, ob die Gesellschaft weniger Geld verdient. Für ihn sind diese Fragen vorbei, denn als Toten betreffen sie ihn nicht mehr.

5. Mächtig ist der Mensch nur, wenn die Gesellschaft hinter ihm steht.

Am Ende des Stücks hat der Protagonist Dr. Stockmann eine ganz sonderliche und falsche Idee:

S. 120
„DOKTOR STOCKMANN. (senkt die Stimme). Pst, ihr dürft jetzt noch nicht davon reden, aber ich habe eine große Entdeckung gemacht.
FRAU STOCKMANN. Schon wieder?
DOKTOR STOCKMANN. Ja sicher, sicher! (Er sammelt sie um sich und sagt vertraulich.) Die Sache ist nämlich so, seht ihr, dass der stärkste Mann auf der Welt der ist, der ganz allein dasteht.“

Laut Nachwort von Walter Baumgartner ist das eine Verulkung von Schillers Wilhelm Tell, der im gleichnamigen Drama sagt: „Der Starke ist am mächtigsten allein.“ Baumgartner ist der Meinung, dass die „sprachliche Unbeholfenheit“ Dr. Stockmanns den „Inhalt [dementiert]“, den dieser Satz bei Schiller hat (S. 123). Mir scheint eher, dass Dr. Stockmann dessen Inhalt durch die veränderte Formulierung genau ins richtige Licht rückt: Der stärkste Mann steht laut Stockmann ganz allein da. Und das ist ja auch die Endsituation von Ibsens Drama „Ein Volksfeind“: Dr. Stockmann steht mit seiner Familie ganz allein da; man hat ihm und seinen Nächsten die Jobs und die Wohnung gekündigt und von draußen schießen Unbekannte mit Steinen die Fenster ein. Wenn so Macht aussieht, dann weiß ich nicht. Das Schlussstatement von Dr. Stockmann ist daher wohl am richtigsten so zu verstehen: Wenn man keine Macht mehr hat, dann muss man stark sein, weil einem ohnehin nichts anderes übrigbleibt.

Alle seine Macht zu verlieren, das ist auch genau die soziale Konsequenz, die sein Handeln für Dr. Stockmann hat. Er begibt sich durch sein Handeln in die Außenseiterrolle, er begibt sich ins Alleinsein. Das Alleinsein ist daher selbst nichts anderes als der völlige Machtverlust einer Person. Umgekehrt wird dadurch auch klarer, was Macht in Wirklichkeit ist: Macht bedeutet, nicht allein zu sein.

Nicht allein ist Dr. Stockmanns Bruder Peter Stockmann, der Amtsrat. Dieser könnte in den Zustand des Alleinseins auch gar nicht kommen, weil er nie eine eigene Meinung hat, mit der er allein sein könnte. Seine Überzeugung besteht darin, dass man sich den Autoritäten beugen müsse – anders gesagt, sie besteht darin, dass das Alleinsein unter allen Umständen zu fliehen und die Gemeinschaft mit den Anderen unter allen Umständen und um jedem Preis zu suchen sei.

Die Illusion des denkenden Menschen hingegen besteht darin, das Recht (auch in Gestalt des Rechthabens in der rationalen Diskussion durch den „zwanglosen Zwang des besseren Arguments“ (Jürgen Habermas)) über die reale Machtsituation zu stellen. Doch hier geht man von der idealen Phantasievorstellung aus, dass in der Gesellschaft zugehört würde. (Auch Jürgen Habermas baut seine Theorie des kommunikativen Handelns ja auf eine „ideale Sprechsituation“ auf – das heißt, dass es sie in der realen Wirklichkeit gar nicht gibt.) Frau Stockmann ist da in ihrer Wirklichkeitssicht weit realistischer, wenn sie sagt:

S. 47
„FRAU STOCKMANN. Aber, lieber Tomas, dein Bruder hat nun mal die Macht auf seiner Seite…
DOKTOR STOCKMANN. Ja, aber ich habe das Recht!
FRAU STOCKMANN. Ach ja, das Recht, das Recht; was hilft es dir, wenn du recht hast, aber keine Macht?“

Es gibt also nichts Schädlicheres für das Individuum – nichts, was mehr zum eigenen Schaden beiträgt – als der Glaube, dass die Vernunft über der Gesellschaft stehe.

5. Hinterhältige Literatur

Walter Baumgartners Deutung des Dramas (im Nachwort des Reclam-Bandes) unterscheidet sich substantiell von jener Fernando Savaters: Er schreibt Ibsen keinerlei Botschaft zu, die er uns mitteilen wollte, sondern betont anstatt dessen Henrik Ibsens Entschluss, „hinterhältige Literatur“ zu präsentieren, den dieser offenbar nach dem Reinfall mit seinem Stück „Die Gespenster“ (1881) gefasst hatte:

S. 121
„Doch Ibsen ließ in seinem literarischen Vermächtnis Wenn wir Toten erwachen (1899) den Künstler-Protagonisten von seinen „hinterhältigen Kunstwerken“ sprechen, die nur an der Oberfläche harmlos seien. Sie sollten hinter den honorigen und harmlosen Charaktermasken „Pferdegesichter und sture Eselsschnauzen, schlappohrige, flachstirnige Hundeschädel und verfressene Schweinsköpfe und manchmal brutale Ochsen“ sichtbar machen.“

Tatsächlich hat Walter Baumgartner recht, denn Dr. Stockmann ist ein überheblicher, von sich selbst eingenommener Idiot, sodass es in diesem Drama eigentlich nur verachtenswerte Figuren gibt und keine einzige Stimme, auf die der Theaterbesucher/die Theaterbesucherin hören wollen könnte. Trotzdem erscheint mir diese Interpretation von Baumgartner als symptomatisch für die Interpretationsweise der Wissenschaft (im Gegensatz zu jener des Philosophen), die sich damit begnügt, das auszusagen, was mit Sicherheit wahr ist, und sich vor allem scheut, was nur wahr sein könnte. Damit beraubt sie sich selber des Inhalts des Stücks und auch alles dessen, was in ihm wirklich von Interesse sei könnte, weil Kunst eine Form der Kommunikation ist, die die Wahrheit aussagt, ohne gleichzeitig zu behaupten, dass es auch tatsächlich die Wahrheit ist.

Das ist gewissermaßen die Eigenart der Kunst – und so auch der Literatur – dass sie ganz einfach sagt, wie sie die Welt sieht und sich dabei aus dem gesellschaftlichen Streit um die Wahrheit raus hält.

Wenn nun die Wissenschaft in Gestalt der Literaturwissenschaft literarische Aussagen auf der Grundlage der (für die Wissenschaft verpflichtenden) Behauptung der Wahrheit zu deuten versucht, dann kommt nichts oder nur Nebensächliches heraus, weil ja die Literatur Wahrheit nur in ihrer verkleideten Form als Fiktion vorbringt. Die Fiktion ist aber – ob als Lüge, Erfindung oder sonst was – für die Wissenschaft nichts Sachhaltiges und daher nicht bearbeitbar.

Daraus erhellt auch die Nichtzuständigkeit der Literaturwissenschaft für die Literatur: Da die Literaturwissenschaft auf feststellbare Wahrheit erpicht ist, muss sie sich mit Biografien von SchriftstellerInnen und anderem Faktenwissen zufrieden geben, das in den Rahmen ihrer Wirklichkeitsauffassung passt, während sie zur Interpretation von literarischen Werken per definitionem nicht fähig ist, weil sie Wahrheit feststellen will, diese jedoch in literarischen Werken in „hinterhältiger“ Form als Fiktion auftritt.

6. Die Notwendigkeit hinterhältiger Philosophie?

Ich habe nun Anlass zu fragen, ob die Philosophie sich in unserer Gesellschaft nicht vielleicht in einer ähnlichen Position befindet wie die Kunst und die Literatur und sich von daher auch einer vergleichbaren Kommunikationsstrategie bedienen sollte?

Ein Gedicht von Wilhelm Busch mit dem Titel „Der Narr“ hat mich auf diese Frage gebracht. Die Geschichte, die er darin erzählt, besagt: Da ist ein Mensch von durchschnittlicher Intelligenz, dem nichts fehlt außer dass er glaubt, der Papst zu sein. Worauf die Anderen ihn ins Irrenhaus stecken. Ein Freund besucht ihn und sagt zu ihm, weil dieser sich wundert, dass er für verrückt gehalten wird:

Wilhelm Busch: Zu guter Letzt. In: Friedrich Bohne (Hg.): Historisch-kritische Gesamtausgabe in vier Bänden. Band 4. Vollmer, Wiesbaden & Berlin 1960. S. 309.

„Ja, sprach der Freund, so sind die Leute.
Man hat an einem Papst genug.
Du bist der zweite.
Das eben kann man nicht vertragen.
Hör zu, ich will dir mal was sagen:
Wer schweigt, ist klug.“

Vierzehn Tage später trifft der Freund den Narren auf offener Straße wieder. Er fragt ihn, ob er geheilt sei. Aber woher denn, antwortet der Narr: Wir hätten alle unseren „Sparren“, also unsere Verrücktheit, aber wer schweige, sei klug. Offenbar denkt er also auch weiterhin, er sei der Papst, aber weil er das nicht offen sagt, hält ihn niemand mehr für verrückt.

Der philosophierende Mensch ist in einer ganz ähnlichen Situation wie dieser Narr: Er will (und muss) die Wahrheit sagen. Das muss er ganz einfach schon deshalb, weil das philosophische Sprachspiel auf der Wahrheitsbehauptung basiert. (Man kann also nicht philosophieren, indem man wie die Kunst oder die Literatur behauptet: „Ich erzähl euch nichts Wahres, sondern bloß Interessantes und Verblüffendes!“ – weil so die philosophische Redeweise nicht funktioniert.) Nun ist aber das Problem, dass es die Wahrheit (so wie in Wilhelm Buschs Gedicht den Papst) in unserer Gesellschaft schon gibt. Es gibt sie in Gestalt der Wissenschaft, und die Wissenschaft hat die Wahrheit, sodass man nur zum Preis, alle Menschen zu verärgern, einer mit einer eigenen Wahrheitsbehauptung auftreten kann.

Die Wahrheit ist also auf der Ebene der Gesellschaft oder im Diskurs der Öffentlichkeit etwas Konfliktives. Da hilft es auch gar nichts darauf hinzuweisen, dass philosophische und wissenschaftliche Wahrheitssuche völlig unterschiedliche Gegenstände und Ziele haben: Sucht die Wissenschaft dasjenige, was die Gesellschaft als Ganzes in ihrem Wissen voranbringt, so sucht die Philosophie demgegenüber individuelle Einsicht. (Und das, was den Wissensschatz der Gesellschaft als Ganzes mehrt, kann durchaus zu keiner individuellen Einsicht führen, wie umgekehrt das, was zu Einsicht und Verstehensprozessen bei Individuen führt, durchaus nichts zum Wissen der Gesellschaft als Ganzes beitragen muss.)

Die Frage ist also, wie soll man sich als Philosophierender verhalten. Drei Möglichkeiten stehen zur Auswahl:

  • Soll man schweigen, so wie Buschs Narr? Dann ist man fraglos auf der sicheren Seite, aber dann wäre die Philosophie nicht nur aus dem sozialen, sondern auch aus dem intersubjektiven Raum verdrängt und ins Bewusstsein des Individuums eingesperrt – eine recht unbefriedigende Lösung. (Man ist an Ernst Jüngers Anarchen erinnert, der sich vom Anarchisten dadurch unterscheidet, dass er Anarchist nur im Geiste ist und niemandem davon erzählt, noch seine Einstellung offen auslebt.)
  • Soll man hinterhältige Philosophie präsentieren, so wie Henrik Ibsen hinterhältige Kunstwerke? In dem Fall, haben wir gesagt, funktioniert das philosophische Sprachspiel nicht mehr, das ebenso wie das wissenschaftliche auf der Behauptung von Wahrheit aufbaut.
  • Oder soll der Philosophierende seine philosophische Wahrheitssuche in die Gestalt wissenschaftlicher Tätigkeit verkleiden? Aber in dem Fall muss er/sie seine/ihre Suche nach persönlicher Einsicht aufgeben und anstatt dessen nach Einsichten für die Gesellschaft oder für das Kollektiv streben, was eine ganz andere Sache ist.


SCHLUSS

Eine Lösung, eine Auflösung des Rätsels wollen Sie von mir haben? Habe ich keine. Ich habe all dies hier nur aufgeschrieben, um darauf hinzuweisen, dass die Frage nach einer praktikablen und (für die Gesellschaft) zulässigen Form philosophischer Äußerung dieselbe Gestalt hat wie das eingangs zitierte Problem der Ethik: Wenn der Mensch ethisch handelt, dann tut er das Gute – nun ja, das vielleicht auch, aber: Vor allem anderen denkt er selbst nach und tut dann das, was seiner eigenen Überlegung zufolge ihm als das Beste erscheint. Er handelt also autonom, nicht heteronom. Das bringt ihn in einen Gegensatz zur Gesellschaft. Es bringt ihn in einen offenen Gegensatz zur Gesellschaft, wenn er etwas anderes tut als das, was die Gesellschaft für richtig hält, aber das ist nicht so wichtig. Wichtiger ist, es bringt ihn latent immer und in einen fortwährenden Gegensatz zur Gesellschaft aus dem Grund, weil er selber denkt. Im Einklang mit der Gesellschaft zu sein, bedeutet demgegenüber, der Gesellschaft gegenüber keinen eigenen Standpunkt zu entwickeln, gleich welcher es sei.

Wer also ethisch handelt, steht von vornherein im Gegensatz zur Gesellschaft, ebenso wie jemand, der selber denkt, von vornherein im Gegensatz zur Gesellschaft steht. Der Mensch, der selber denkt, ist in ähnlicher Weise verrückt wie der Narr, der sich für den Papst hält: Dieser übersieht, dass es den Papst schon gibt und dass es die Menschen stört, wenn ein zweiter sich als Papst bezeichnet. Ebenso übersieht jener Mensch, der für sich persönlich nach Wahrheit sucht, dass es in unserer entwickelten und differenzierten Gesellschaft etablierte Institutionen zur Wahrheitssuche schon gibt, deren Arbeit man stört und kritisiert dadurch, dass man selber auch nach Wahrheit sucht.

Der Ausdruck „entwickelte und differenzierte Gesellschaft“ weist darauf hin, dass das nicht immer so gewesen ist. In früheren, weniger hoch entwickelten Gesellschaften, wurde der Mensch von seinen Mitmenschen mehr als Individuum angesehen, dessen Anschauungen aus diesem Grund von den Anderen eher unabhängig von seiner Person auf ihre innere Konsistenz und logische Überzeugungskraft geprüft werden konnten. Heute hingegen zählen die Meinungen von Individuen immer mehr nur noch in Abhängigkeit von ihrer gesellschaftlichen, d.h. beruflichen, Funktion. Aus dem Grund zählt es in unserer Gesellschaft nichts, was der Rauchfangkehrer über den Atomkern sagt, da er nicht Atomphysiker ist – und zwar auch dann, wenn seine Behauptung inhaltlich richtig und wahr ist.

Wir können daraus eine Entwicklungslinie ableiten, in welcher nach dem Grade der Organisation und inneren Differenzierung einer Gesellschaft immer mehr Tätigkeiten und Aufgaben, die ursprünglich dem Menschen als Menschen zugeschrieben wurden, von der individuellen auf höhere, soziale Ebene verlagert werden. In dieser Untersuchung haben wir gesehen, wie in der Gesellschaft unseren Entwicklungsstands ethisches Handeln und eigenes Denken dem Menschen abgenommen und von Institutionen auf gesellschaftlicher Ebene übernommen werden. Das ist den meisten Menschen klar, das Umgekehrte, das daraus folgt, versteht man wahrscheinlich weit weniger: Ethisches Handeln und eigenes Denken sind in der heutigen Gesellschaft tatsächlich weitgehend nicht mehr erlaubt. Noch sind sie nicht verboten durch Gesetze, sondern bloß durch soziale Sanktionen – aber man bemerkt bereits, wie vielen Menschen das Verständnis für sie fehlt.

Nur den Umkehrschluss aus dieser Überlegung haben wir also noch nicht ganz begriffen: nämlich dass aus der heutigen Gesellschaftsordnung eigentlich zwingend folgt, dass sowohl auf Ethik als auch auf Philosophie zu verzichten wäre. Die Tatsache, dass die Gesellschaft keinen Platz für sie mehr hat, ist der Grund, warum sie heute nur noch in verkleideter Form auftreten können (z.B. wird im Ethikunterricht wahrscheinlich meistens Moral gelehrt und Philosophie verkleidet sich an den Universitäten gezwungenermaßen als Wissenschaft).

Womit ich am Ende ja doch noch in gewisser Weise eine Antwort auf die von mir gestellte Frage nach der heute möglichen Form philosophischen Sprechens gegeben hätte: Ich weiß nicht, welche Form man wählen kann, aber sicher nicht die von der philosophischen Sprechweise ursprünglich intendierte. Denn diese setzt einen gesellschaftlichen Raum voraus, in dem Individuen einander als Individuen begegnen können und ein offenes Ohr haben für das, was der/die andere inhaltlich jeweils sagt. Aber diesen Raum haben wir durch die Arbeitsteilung und das Expertentum abgeschafft; und dadurch haben wir zugleich auch den Menschen als Individuum abgeschafft, das ethisch handeln könnte, das nachdenken könnte und dem man zuhören könnte, weil es sich vielleicht was Interessantes ausgedacht hat.

Kann man sagen: Mit anderen Worten, es dürfte das nicht geben, was wir heute „Gesellschaft“ nennen, damit Philosophie und ethisches Handeln möglich sind?

19. Juli 2010

 

© helmut hofbauer 2010