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Das Geheimnis des Erfolgs

12.6.2020

Das Geheimnis des Erfolgs besteht darin, dass du weißt, wer über dich Macht hat, wenn du darauf achtest, bei wem du Erfolg haben musst.
Das Geheimnis des Erfolgs besteht nicht darin, wie alle glauben, dass du erfährst, was du machen musst, damit du Erfolg haben wirst. Wenn du darüber nachdenkst, wie du Erfolg haben kannst, dann lenkt dich das nur von der eigentlich wichtigen Frage ab: Ja, warum muss ich denn überhaupt Erfolg haben? (Die Antwort auf diese Warum-Frage ist: Weil du in der schwächeren Position bist!)

Natürlich ist es verständlich, dass die Leute Erfolg haben wollen. Jeder Mensch kommt nackt auf die Welt und braucht ein gewisses Maß an Erfolg bei seinen Mitmenschen, um überhaupt überleben zu können.

Es ist auch verständlich, dass die Leute den Erfolgstrainern zuhören. Denn sie versprechen, dass du in die Hand bekommen kannst, was nur zum Teil in deiner Hand liegt, nämlich Erfolg zu haben. (Zum Teil liegt es in deiner Hand, denn wer sich nicht bewirbt, wird nicht aufgenommen werden; und wer sich nicht anstrengt, wird mit geringerer Wahrscheinlichkeit etwas hervorbringen, das von den Anderen als „großartig“ beurteilt wird. Aber warum liegt dein Erfolg letzten Endes wirklich nicht in deiner Hand: Weil dein Erfolg das Urteil der anderen Menschen über dich oder deine Leistung ist – und das Urteil der Anderen liegt nicht in deiner Hand. Sie sind frei zu tun, was sie wollen.)

Jetzt muss man aber noch einen Schritt weiter gehen:

Wenn ich sage, das Geheimnis des Erfolgs liegt darin, dass du weißt, wem deine Nase gefallen muss und wer dich „bei den Eiern hat“, dann gilt das nicht umgekehrt. Das soll heißen:

Wenn es so ist, dass die Männer bei den Frauen Erfolg haben müssen, dann müssen die Frauen nicht Erfolg bei den Männern haben.

Und wenn es so ist, dass die Arbeitssuchenden bei der Jobsuche Erfolg haben müssen, dann müssen die Unternehmen nicht bei der Suche nach Mitarbeitern Erfolg haben.

Gewöhnlich denken wir ja anders, nämlich: Männer suchen Frauen und Frauen suchen Männer; sie haben unterschiedliche Erwartungen an einander und haben verschiedene Qualitäten zu bieten – und am Ende entsteht ein Verhandlungsergebnis, ein Kompromiss. Und ebenso bei den Unternehmen: Die brauchen ja auch MitarbeiterInnen, also müssen sie ihnen doch auch etwas anbieten … usw

Aber ich sage: „Nein! Achte darauf, wo die Rede davon ist, dass jemand Erfolg bei jemand anderem haben muss – und wer das ist, bei dem er Erfolg haben muss! Das sagt dir im Umkehrschluss, dass der Andere nicht Erfolg bei diesem Menschen haben muss. Er muss deshalb nicht Erfolg bei ihm haben, weil er derjenige ist, der über den Erfolg dieses Menschen entscheiden kann.“

Wenn die Männer um die Frauen werben, und die Frauen sich die Männer für eine Partnerschaft aussuchen, dann müssen die Männer Erfolg bei den Frauen haben, und die Frauen dürfen über die Männer urteilen.
Und wenn sich die Arbeitssuchenden bei den Unternehmen bewerben, dann entscheiden die Unternehmen über den Erfolg der Jobsuche der BewerberInnen.

Man kann sicherlich noch viele weitere Beispiele finden (z.B. der junge Wissenschaftler, der bei seinen Fachkollegen Erfolg haben will oder der Unternehmer, der mit einem neuen Produkt oder einer Dienstleistung auf dem Markt auftritt), aber sie haben alle eines gemeinsam:

  • Ein Mensch sucht das Urteil eines anderen Menschen (oder mehrerer Menschen) über sich.
  • Und die anderen Menschen (denen er zuerst mal egal ist, weil er irgendein Neuer ist, der jetzt plötzlich auch noch daherkommt und ihre Zeit beansprucht) beurteilen ihn und machen ihn durch ihr Urteil erfolgreich oder erfolglos.

Wie kann es nun sein, wenn doch die Männer die Frauen brauchen und die Frauen die Männer, dass die Männer Erfolg bei den Frauen haben müssen und die Frauen keinen Erfolg bei den Männern zu haben brauchen?

Und wie kann es sein, wenn doch die Arbeitnehmer die Arbeitgeber brauchen und die Unternehmer gute Mitarbeiter, die Arbeitssuchenden Erfolg bei der Jobsuche haben müssen und die Arbeitgeber Macht über sie haben?

Die allgemeine Antwort auf diese Frage lautet: Wer den Anderen mehr braucht, muss diesem nachlaufen und versuchen, ihm zu gefallen sowie auf seine Stimmung positiv einzuwirken, um Erfolg bei ihm zu haben – und wer den Anderen weniger braucht, kann sich zurücklehnen und den Bewerber positiv beurteilen, wenn er gerade in der Stimmung dazu ist.

Wie sich das im konkreten Fall ausgestaltet, ist aber von Fall zu Fall verschieden und aus soziologischer Sicht interessant. Beispielsweise ist das Verhältnis von Männern zu Frauen fast 1:1 (ca. 105:100), aber an konkreten Orten (Lokalen, Partnersuchseiten im Internet, Tinder etc.) neigt sich das Verhältnis der suchenden Männer zu den Frauen, die sich finden lassen möchten, sehr stark zuungunsten der Männer und zugunsten der Frauen (10:1, 100:1,300:1), sodass ziemlich klar wird, warum die Frauen keinen Erfolg bei den Männern haben müssen: weil sie im Überangebot schwimmen. (Ich weiß nicht, wie die Frauen das machen, aber das Marktungleichgewicht, das sie zustande bringen, ist oft ziemlich beeindruckend.)

Bei den Arbeitssuchenden und den Unternehmen verhält es sich – abhängig von den beruflichen Qualifikationen, die gefordert werden, und von den konkreten Bewerbungsbedingungen – etwas anders, aber auch hier haben wir es mit derselben Schieflage zwischen Angebot und Nachfrage zu tun: Es ist uns allen bekannt, dass es in jedem Land der Welt eine Arbeitslosenrate gibt, aber es gibt keine vergleichbare Rate von Unternehmen, die keine Mitarbeiter finden können. (Und erst dann, wenn mindestens zwei Unternehmen einem potenziellen Mitarbeiter aktiv Angebote machen müssen, um ihn zu bekommen, müssen sie Erfolg bei ihm haben; denn dann liegt die Entscheidung über sie bei ihm.)

Das Geheimnis des Erfolgs besteht folglich nicht darin, dass du herausfindest, was du machen musst, um Erfolg zu haben; sondern darin, dass du erkennst, dass du in einer bemitleidenswerten Lage bist, wenn du Erfolg haben musst.
Du machst dich zum Sklaven eines anderen Menschen (oder mehrerer), musst Männchen machen und mit dem Schwanz wedeln, um ihn (sie) gütig zu stimmen, musst seine (ihre) Wünsche erraten, um sie vorwegnehmen zu können. Aus der Sicht eines selbstbestimmten Lebens ist Erfolg sicherlich abzulehnen.

Am gescheitesten wäre es, du denkst darüber nach, ob du nicht auf etwas verzichten könntest, um keinen (oder weniger) Erfolg haben zu müssen. Wenn du deine Bedürfnisse einschränkst und dir nichts wünscht, das du durch Erfolg erkaufen müsstest, dann ruhst du in dir und brauchst nur dir selber zu gefallen. Dann bist du ein unabhängiger Mensch, der etwas nur tut, weil er es selber will und für gut und richtig hält.

philohof

Und wenn heute so viel von Erfolg die Rede ist und so viele Leute dir beibringen wollen, was du tun musst, um Erfolg zu haben, dann zeigt das eigentlich nur, wie viele Menschen in unserer Gesellschaft sich ohnmächtig fühlen und wie sehr die Menschen vom Urteil anderer Menschen über sie abhängen. (Das stimmt natürlich auch: Wir alle hängen in gewissem Ausmaß vom Wohlwollen der Anderen ab. Aber die Glorifizierung des Erfolgs will uns einreden, dass wir mit dieser Situation durch eigene Initiative zurechtkommen können – und wenn man Erfolg erzwingen könnte, dann wäre das Erfolg-Brauchen ja tatsächlich eine Position der Stärke und nicht eine der Schwäche; aber das ist natürlich nicht der Fall. Auf diese Weise verdeckt die Glorifizierung des Erfolgs, dass es manche Menschen gibt, die tatsächlich keinen Erfolg zu haben brauchen, weil sie in der Position sind, in der sie über andere Menschen, die etwas von ihnen wollen, Macht haben und über sie entscheiden können.)

Die Erfolgsratgeber lenken das Nachdenken über Erfolg in die diametral verkehrte Richtung. Anstatt nachzusinnen, wie du so viel Erfolg wie möglich haben kannst, solltest du dir besser überlegen, wie du mit so wenig Erfolg wie nötig auskommen kannst. Erfolgsbedarf ist nichts anderes als Bedürftigkeit, und je mehr du deinen Selbstversorgergrad erhöhen kannst, desto weniger brauchst du von anderen Menschen. Wenn du nichts mehr von den Anderen brauchst und ihnen dennoch etwas gibst, gibst du es aus freien Stücken.

Links:

Arbeitsblatt: Erfolg mit Philosophie (pdf, 3 Seiten )

Vortrag: Erfolg als fremdbestimmtes Gelingen (pdf, 7 Seiten)


© helmut hofbauer 2020