Impressum

Über mich

Interkulturelle
Kommunikation

Philosophie

Literaturwissen-
schaft

Dissertation: Bezugspunkt Gesellschaft

Ein komplett absurdes und mir völlig unbegreifliches Buch!

Lesenotiz zu Albert Camus' Der Mythos von Sisyphos. Rowohlt Verlag, Hamburg 1991 (1959).

 

Albert Camus’ Der Mythos von Sisyphos gehört wohl eher zu den Büchern, die man gelesen hat, als zu jenen, die man liest. Jeder hat es gelesen und auch ich habe es schon seit vielen Jahren zu Hause liegen. Jetzt, weil gerade Zeit ist, habe ich es einmal gelesen – und bin dabei aus dem Staunen und Wundern nicht herausgekommen!

Ich will gleich vorneweg versuchen, das, was mich verwundert und verstört an diesem Buch, in kürzestmöglicher Form zusammenzufassen, damit es dann keine Ausflüchte mehr gibt: Mir erscheint dieses Buch als ein Schein-Buch, als ein Buch, dessen Absicht es ist, beim Leser/bei der Leserin einen falschen Eindruck zu erwecken. Und die Methode, wie dieser falsche Eindruck erweckt wird, geschieht durch Ausblendung des Gesellschaftlichen.

Was meine ich damit genau? Camus’ Buch Der Mythos von Sisyphos geht aus von der Erfahrung des Absurden, die der Mensch in der Welt macht, und der sich daran anschließenden Frage, ob er deswegen Selbstmord begehen soll. Camus sagt, nein, der Mensch solle sich nicht umbringen, sondern intensiv und lange leben – und er grenzt sich ab gegen Karl Jaspers, Leo Schestow, Sören Kierkegaard und die Phänomenologie von Edmund Husserl, die alle zwar das Absurde erkannt, sich aber auf verschiedene Weisen durch einen „Sprung“ in den Glauben oder in die Transzendenz gerettet hätten.

Was mich hieran nervt, ist der Problemaufriss, ist das Spielfeld, das Camus seinem Problem zugesteht: Es bewegt sich alles innerhalb des Dostojewskischen Panoramas: Wenn Gott tot ist, ist alles erlaubt – und gleichzeitig ist das ganze Leben absurd. Aber das ist meiner Meinung nach nicht das, was der Mensch vordringlich erlebt – kein Mensch lebt in einer so abstrakten und menschenleeren Konstellation. Demgegenüber würde ein ein wenig realitätsnäherer Problemaufriss ungefähr so aussehen: Das Leben ist absurd, da hat Camus ganz Recht, aber diese Absurdität wäre noch einigermaßen erträglich, wenn man dies inmitten von verständnisvollen oder (weil man soviel von Menschen wirklich nicht verlangen kann) zumindest nicht völlig verständnislosen Mitmenschen tun könnte. Aber das kann man leider nicht. Zugegeben: Die grundsätzliche Absurdität des Lebens und die Bedrohung durch den Tod sind in absoluten Begriffen das größere Problem; aber die Gesellschaft, in der wir leben müssen, ist das unmittelbarere. Während mir das Problem der Absurdität des Lebens ins einigen ruhigen Momenten zu Bewusstsein kommt, belästigt mich die Gesellschaft wiederholt an jedem einzelnen Tag und beschäftigt mich die meiste Zeit des Tages. Damit ist die Gesellschaft die eigentliche absurde Erfahrung.

Noch einmal: Die Einsicht in die Absurdität des Lebens ist schlimm. Aber sie wäre erträglich, wenn man sie leben könnte in einem Kreis von Freunden, die dieses Problem auch haben – oder die dieses Problem zumindest auch kennen oder sich vorstellen können, dass jemand an ihm leidet. Aber dieser Fall ist nicht gegeben: Wir leben inmitten von geschäftigen Menschen, die so tun, als ob sie ewig lebten und die auf einen Menschen, der philosophische Fragen stellt, so reagieren, als wäre er verrückt. (Dabei sind in Wirklichkeit sie die Verrückten.) Der nachdenkende Mensch, der sich seiner existentiellen Situation bewusst werden will, lebt also in einer menschengemachten Isolation, die schlimmer ist als die grundsätzliche Absurdität des Lebens, von der Camus spricht. Wenn das Leben schon absurd ist, so würde sein Leben doch wenigstens ein bisschen ins Gleichgewicht kommen, wenn er sich mit dieser Absurdität wenigstens beschäftigen könnte. Aber das kann er nicht, weil seiner menschlichen Umwelt das Verständnis für solche Fragen abgeht und sie ihm platte Sinnangebote aufdrängt, deren Hinterfragung mit Sanktionen bedroht ist. Kurz: Es macht einen Unterschied, ob das Leben absurd ist oder ob das Leben absurd ist und man noch dazu allein mit diesem Problem ist!

Damit bin ich aber noch nicht ganz fertig: Ich glaube nun, dass Camus’ Buch seinen Sinn nur wiedergewinnt, indem man das Gesellschaftliche, das er von Anfang an säuberlich ausblendet, wieder einblendet. Anders gesagt, ich nehme es Camus nicht einmal ab, dass Der Mythos von Sisyphos ein Buch über die grundsätzliche Absurdität des menschlichen Lebens ist, also ein Buch über den Menschen, der mit sich allein ist – sondern es ist ein Buch, das nur aus dem Gesellschaftlichen heraus zu verstehen ist, ein Buch, das bloß auf Erfolg und Anerkennung in der Gesellschaft abzielt und das zu diesem Behufe haarsträubende Geschichten erzählt und Inhalte vorbringt, in denen die Gesellschaft gar nicht vorkommt.

Beispiele gefällig? – Aus Camus’ Ablehnung des Selbstmords folgt eine Ethik der Quantität (S. 54 f.), die darin besteht, dass der Mensch anstatt möglichst tiefer Erfahrungen möglichst viele Erfahrungen im Leben machen soll. Als moralische Vorbilder für diese Ethik der Quantität präsentiert Camus dann die Figur von Don Juan (S. 61 f.), der von einer Frau zur anderen eilt und bei keiner bleiben kann, den Schauspieler mit seiner Vielzahl von Rollen, die er spielt (S. 67 f.), auch der Reisende, der von Ort zu Ort eilt, kommt einmal vor (S. 68) und der Eroberer (S. 72 f.), den Camus als Menschen der Tat rühmt. Es wird nun in dem Buch zwar die Frage abgehandelt, ob Don Juan moralisch handelt und ob er Egoist ist, aber was mit keinem Wort thematisiert wird – und das fällt natürlich nur mir als Bauernsohn aus dem Waldviertel auf – ist, dass alle diese Rollenvorbilder, die Camus da vor uns hinstellt, aus der Perspektive gesellschaftlicher Bewertung äußerst schick aussehen.

Es geht also in Wirklichkeit (so sehe ich das, indem ich die gesellschaftliche Perspektive mit einbeziehe) auch gar nicht darum, ob ein Don Juan moralisch handelt oder nicht, sondern darum, dass das nicht jeder kann, vielleicht weil ihm die Nase schief gewachsen ist oder ihm der nötige Charme dazu fehlt. Dasselbe gilt auch für den Schauspieler, dessen Rechtfertigung als moralisches Vorbild durch Camus völlig fehl am Platz ist. Denn es ist ja eine verdrehte Welt, die Camus uns da präsentiert: Er tut so, als käme es darauf an, den Schauspieler moralisch zu rechtfertigen – und in Wirklichkeit kommt es ihm darauf an, uns den Menschen des Absurden schmackhaft zu machen, indem er ihm die Gestalt des Schauspielers zuschreibt, die Gestalt einer Figur also, die, wenn erfolgreich, in unserer Gesellschaft die höchste Anerkennung genießt. Anerkennung genießen auch der Reisende (weil sich nicht jeder eine Reise leisten kann) und der Eroberer (was immer er erobert, und wenn es ein guter Job in einem großen Unternehmen ist). Was ich damit sagen will, ist, Camus’ Buch liegt nicht nur ein bisschen falsch und beinhaltet den einen oder anderen kleinen Irrtum, sondern es erzeugt vor unseren Augen das Bild von einer völlig verkehrten Welt und ist damit selbst eine komplette Irreführung. Man sollte hoffen, dass möglichst wenige Menschen auf dieses Buch hereinfallen.

Bin ich damit fertig? Nein, damit bin ich immer noch nicht fertig, denn jetzt komme ich zur Hauptsache: Wogegen revoltiert denn dieser Mensch eigentlich, der gegen das Absurde revoltiert? Denn Camus zufolge sollte jener Mensch, der die Absurdität der Welt eingesehen hat und sich innerhalb der Grenzen der Vernunft bewegt, in einer permanenten Revolte leben, die sich vor dem Sprung in den Glauben hütet. Doch wogegen revoltiert dieser Mensch eigentlich? Gegen das Absurde. Okay. Gegen den Tod. Okay. Gegen die Sinnlosigkeit des Lebens. Meinetwegen. Aber man wird sehen, dass er gegen lauter Abstrakta revoltiert. Niemals revoltiert er gegen konkrete gesellschaftliche Umstände – und das hat zur Folge, dass er zwar mit dem schauspielerischen Gestus der Revolte lebt, in Wirklichkeit aber ein ganz angepasster Mensch ist, der gegen gar nichts revoltiert.

Camus hat das selbst mit seiner Darstellung vom Mythos von Sisyphos am besten zum Ausdruck gebracht, jenem Text, der als Schlussstein am Ende seines Buches steht und von allen Interpreten offenbar immer falsch aufgefasst wurde. Diese starrten und starren nämlich wie das Kaninchen auf die Schlange immer auf den paradoxen Schlusssatz: „Wir müssen uns Sisyphos als einen glücklichen Menschen vorstellen.“ (S. 101) Dabei zeigt seine Figur sehr gut, was uns Camus als den „ewige[n] Rebell[en]“ (=Überschrift des Sisyphos-Kapitels) verkaufen will: einen Trottel, der brav Steine auf einen Berg hinaufwälzt, so, wie man es ihm angeschafft hat.

Nein, tatsächlich ist Camus’ Mensch der Revolte kein revoltierender Mensch, sondern er ist ein sehr angepasster Mensch, der seine Pflicht tut („Wir haben bewußte Menschen erlebt, die inmitten der törichsten Kriege ihre Pflicht taten, ohne sich in einem Widerspruch zu empfinden. Es handelte sich einfach darum, sich vor nichts zu drücken. So gibt es auch ein metaphysisches Glück, die Absurdität der Welt zu ertragen.“ (S. 79)) Aber er tut seine Pflicht mit dem Gestus der Revolte und des Kampfes, sagt fortwährend „Uh!“ und „Ah!“, macht ein Gesicht, so als ob er die schwersten Kämpfe ausfechten würde und fährt mit diesem Gesicht ins Büro. Und danach fährt er mit demselben Gesicht in den Supermarkt und kauft sich eine Fertigsuppe, die er sich zu Hause aufwärmt. Ich kenne keinen übleren Trick, um jungen Menschen das geschmacklose und langweilige Leben, das unsere Gesellschaft uns bietet, schmackhaft zu machen als diesen: Wie in einer schlau ausgedachten Werbekampagne wird den Menschen eingeredet, sie seien Helden, die einen schweren Kampf führten, während sie in Wirklichkeit mit kämpferischem Gestus und umwölktem Gesicht überhaupt keinen Kampf führen.

Was ist das also für ein Buch, Der Mythos von Sisyphos, was passiert in ihm? Im Wesentlichen passiert in ihm Folgendes: Gesellschaftlichen Problemen wird in ihm ein metaphysischer Mantel umgehängt, wodurch sie das Aussehen eines existenziellen Dramas annehmen, in dem der Mensch allein mit der Vision vom toten Gott, dem Tod und der Wüste in seinem Herzen zu kämpfen hat. In Wirklichkeit stellt sich dieses metaphysische Problem dem Menschen zwar grundsätzlich schon, aber es stellt sich nicht so: Es stellt sich nicht so, als wäre der Mensch in der Kammer seines Herzens und seiner Vernunft ganz allein und könnte und müsste über ewige Fragen entscheiden. In Wirklichkeit stellt sich die Frage so, dass der Mensch inmitten von Menschen lebt und sich fragen könnte: Und? Wie gehen denn meine Mitmenschen mit diesem Problem um?

Und hier fällt mir eine weitere Absurdität dieses Buches auf: Es ist 1942 veröffentlicht worden. Also mitten im Zweiten Weltkrieg. Und in diesem Umfeld fällt es Albert Camus nicht auf, dass seine Mitmenschen gerade Krieg führen und dass das eigentlich ein bisschen absurd ist, was sie da tun. Sondern er findet das Absurde anstatt dessen in der Materialität der Welt und in der Natur:

„Eine Stufe tiefer – und die Verfremdung ergreift uns: die Wahrnehmung, daß die Welt <dicht> ist, die Ahnung, wie sehr ein Stein fremd ist, undurchdringbar für uns, und mit welcher Intensität die Natur oder eine Landschaft uns verneint. In der Tiefe jeder Schönheit liegt etwas Unmenschliches, und diese Hügel, der sanfte Himmel, die Konturen der Bäume – sie verlieren im Augenblick den trügerischen Sinn, mit dem wir sie beachten, und liegen uns von nun an ferner als ein verlorenes Paradies. Die primitive Feindseligkeit der Welt, die durch die Jahrtausende besteht, erhebt sich wieder gegen uns.“ (S. 17-18)

Man kann sich nicht genug darüber wundern, dass Camus die „primitive Feindseligkeit“ von Hügeln unter sanftem Himmel als schlimmer empfindet, als wären diese Hügel mit Bomben und Tretminen gepflastert, als wären sie mit Spionen und Verrätern oder fremden Soldaten mit Maschinenpistolen bevölkert. Das bedeutet, Camus lenkt ab von der eigentlichen Erfahrung des Absurden, die wir in unserem Leben machen: Das ist die Erfahrung der Gesellschaft, das sind unsere Mitmenschen. Ins grüne Gras des Hügels setze ich mich ruhig nieder, aber warum beliebt es meinen Mitmenschen, sich im Krieg gegenseitig abzuschlachten? Ist das etwa nicht absurd?

Exkurs zur Phänomenologie Husserls

Da ich gerade bei offensichtlichen Widersinnigkeiten bin: Eine weitere solche ist das, was Camus gegen Husserls Phänomenologie vorzubringen hat. Damit verlasse ich zwar kurz die Ebene des Gesellschaftlichen und begebe mich auf diejenige der Erkenntnistheorie zurück. Aber: Weil es so schön ist und so grell! Und weil es die Gelegenheit erlaubt zu zeigen, wie verkehrt herum das Denken von Camus ist:

„HUSSERLS Methode leugnet ganz einfach das klassische Verfahren der Vernunft. Um es zu wiederholen: denken heißt nicht zusammenfassen, unter dem Gesichtspunkt eines großen Prinzips die Erscheinung vertraut machen; denken heißt wieder sehen lernen, heißt sein Bewußtsein lenken und aus jeder Vorstellung etwas Besonderes, Bevorzugtes machen. Oder anders ausgedrückt: die Phänomenologie weigert sich, die Welt zu erklären, sie will nur Erlebtes beschreiben. Mit ihrer Ausgangs-Behauptung, dass es keine Wahrheit, sondern nur Wahrheiten gebe, stößt sie auf das absurde Denken.“ (S. 40-41)

Die phänomenologische Methode ist also in den Augen von Camus absurd, weil es in ihr keine Wahrheit mehr gibt, sondern nur noch Wahrheiten und weil sie uns wieder zu sehen lehrt. Und das ist absurd, weil es dem klassischen Verfahren der Vernunft widerspricht, Wahrheit durch die Zusammenfassung von Einzelnem und Verstreutem in einem erklärenden Prinzip aufzufinden. Man muss sich nun einmal bewusst machen, was Camus hier sagt: Sehen zu lernen sei absurd! Ich würde eher das Gegenteil absurd nennen: Blindheit bei offenen Augen, und zwar insbesondere jene selbstverschuldete, die dadurch zustande kommt, dass man nicht mehr hinschaut, weil man glaubt, schon alles zu wissen. Tatsächlich wohnt diese Gefahr dem „klassischen Verfahren der Vernunft“ immer inne. Zu jemandem, der genau davor warnt und die Menschen ermuntert, doch wieder ein bisschen zu schauen, zu sagen, das Schauen sei absurd, das finde ich in höchstem Grade absurd! Ich zumindest werde mir das Schauen nicht von Camus austreiben lassen, auch wenn es das Sehen – per definitionem schon – immer nur mit dem Einzelnen zu tun hat. Nein, die Behauptung von Camus, das Sehen sei absurd, ist wohl der offensichtlichste Widersinn und die frappierendste Absurdität in diesem Buch.

Exkursende


Und warum lassen in Friedenszeiten die Menschen den Einzelnen mit der Erfahrung der Absurdität des Lebens allein? Warum treiben sie ihn in die denkerische und kommunikative Isolation nur weil er, beschäftigt mit seinen existentiellen Fragen, kein so großes Interesse an Autos und Fußball hat wie sie? Warum findet der denkende Mensch, muss der denkende Mensch finden, dass seine Mitmenschen, obwohl sie doch Münder und Zungen haben und der Sprache fähig sind, unansprechbar sind, weil sie einerseits viel zu beschäftigt sind mit Beruf, Familie und Urlaub und andererseits nicht einmal verstehen können, dass es Fragen existentieller und philosophischer Art auch noch gibt?

Somit ist alles, was von Camus’ Buch bei ehrlicher Betrachtung bleibt, Pose. Camus will uns das Gesicht eines schicken und beneidenswerten Jugendlichen zeichnen, das dieser sich daraus zurechtmacht, dass er dasselbe, was alle anderen Menschen auch machen, mit kämpferischem und bedeutungsschwerem Gesicht macht. Man könnte sich auch noch weitere sehr „böse“ Gedanken über Camus Buch zimmern: So zum Beispiel, dass seine „Ethik der Quantität“ doch eigentlich sehr gut zu den Intentionen heutiger Konsumgüterkonzerne mit ihrem Streben nach „schnelldrehenden Produkten“ (FMCG – Fast Moving Consumer Goods) passt. Schnelldrehende Konsumprodukte sind solche, die schnell im Verkaufsregal abverkauft werden oder rotieren. Die Konzerne haben ein Interesse daran, dass Zahnpasten oder Haarwaschmittel möglichst viele Verkaufs-Rotationen im Jahr durchmachen. Soll ein Mensch nach Camus möglichst viele Erfahrungen machen, ja sogar „durch die Quantität der Erfahrungen alle Rekorde schlagen“ (S. 55), dann soll er wahrscheinlich auch möglichst oft Haarwaschmittel verwenden. Mit einem Wort, das ist die rechte Philosophie für Procter & Gamble und Johnson & Johnson.

Doch nein, ich muss jetzt aufhören, sonst vergesse ich mich noch. Ich muss zugeben, dass mir dieses Buch ziemlich in die falsche Röhre gekommen ist. So ein Schwachsinn! Dass es so erfolgreich gewesen ist, dafür kann man die Ursachen wohl wiederum nur in der Gesellschaft suchen. Von den 1940er Jahren bis zu den 1970er Jahren ist es offenbar attraktiv gewesen, vollkommen angepasste Typen mit rebellischem Gehabe als Vorbilder zu verkaufen. Gleichzeitig handelt es sich bei Der Mythos von Sisyphos freilich um ein ideales Buch für Pubertierende: Pubertierende Buben liegen in ihrem Zimmer, hören laute Musik, müssen ihren Lebensunterhalt noch nicht selber verdienen und glauben deshalb, die Hauptprobleme, die sie haben, seien metaphysischer Art. Versorgt von ihren Eltern, befinden sie sich in einer gesellschaftsbefreiten und dadurch metaphysischen Blase, die sie glauben lässt, die Probleme ihrer Eltern seien banal und die ihrigen viel tiefer, weil existentiell. Es dauert seine Zeit, bis ihnen die Gesellschaft auf den Fuß steigt, damit sie merken, dass zuerst ihre Zehen weh tun, bevor dann erst – dahinter – der Tod sie schmerzt.

So war es wohl auch die Alchemie des Gesellschaftlichen, die dieses Buch in die Höhe gehoben hat, weil ihr eine Weile lang das Bild vom kämpferischen Menschen des Absurden nützlich erschien. Gefährlich konnte es ihr ohnehin nicht erscheinen, weil Camus’ Mensch des Absurden brav seine Pflicht erfüllt. So förderte sie eine Zeitlang diesen Gestus der Entschlossenheit und der Kampfbereitschaft des Tatmenschen, wohl auch um pubertierende Jugendliche (die glaubten, sich gar nicht mit gesellschaftlichen, sondern mit metaphysischen Problemen zu beschäftigen) auf diese Weise einzufangen. Mit Speck fängt man Mäuse – und mit der Erfahrung des Absurden kann man offenbar sowohl Menschen erzeugen, die für Situationen der Kriegsmobilisierung taugen wie auch solche zur Steigerung des Wirtschaftswachstums.

Meine kleine und bescheidene Anregung wäre also: Man sollte doch ein wenig umsichtiger argumentieren, wenn man argumentiert – und z.B. nicht vergessen, dass wir zum Fleischhauer gehen und Sozialversicherung bezahlen, während wir darüber nachdenken, dass Gott tot ist und das Leben absurd. Wir befinden uns in keinem Diskurs mit Gott und der Sinnlosigkeit des Lebens nach Gottes Tod, jedenfalls stehen wir diesen Einheiten nicht allein und auf gleicher Ebene gegenüber: „Der Tod ist durch Verachtung zu besiegen.“ (S. 115) schreibt Liselotte Richter im Nachwort („Enzyklopädisches Stichwort“) zu diesem Buch, und Camus schreibt: „Es gibt kein Schicksal, das durch Verachtung nicht überwunden werden kann.“ (S. 99) Also das ist völlige Maßlosigkeit, was hier zum Ausdruck kommt. Der Tod wird uns schon zerquetschen, sobald er nur kommt, und ebenso kann das ein jedes Schicksal, das uns ein wenig härter anfasst. Man sollte beim Philosophieren doch ein bisschen die Dimensionen der Dinge im Blick behalten.

Ich kann daher nur die Nützlichkeit von Camus’ Philosophie für die Gesellschaft hervorheben, die gleichsam als Nebenprodukt seines metaphysisch-religiösen Schaukampfes abfällt: Dass jemand jedes Schicksal mit seiner Verachtung überwinden kann, selbst das der sinnlosen und anstrengenden Wiederholung, in dem Sisyphos gefangen ist… - das wäre doch eigentlich der rechte Inhalt für einen Kurs zum Anlernen von FließbandarbeiterInnen. Das wäre die rechte psychische Einstellung, mit der man sinnlose, anstrengende und repetitive Arbeiten ertragen kann. Die Folge wäre: Die Gesellschaft kann die Arbeitsbedingungen noch sinnloser gestalten, denn nun haben wir ja die Personen zur Verfügung, die das aushalten.

Nein, um Camus’ Schlusssatz vom Sisyphos, den wir uns als einen glücklichen Menschen vorzustellen hätten, einen ähnlich eingängigen und bedenkenswerten Satz zur Seite zu stellen: Ein Mensch, der dabei glücklich ist, einen Stein auf einen Berg hinaufzurollen, verdient auch nichts Besseres, als dass man ihn Steine auf Berge hinaufrollen lässt!

Ausgeblendet bleibt das eigentliche Problem, über das es nachzudenken gälte: Warum ist das Leben in der menschlichen Gesellschaft weit unangenehmer, als es sein müsste? Doch auch diese Frage genügt noch nicht, um das Problem, um das es wirklich ginge, in seinem Inhalt verständlich zu machen. Wir machen uns das Leben ja nicht nur viel schwerer als es sein müsste, sondern: Warum erzeugt die Gesellschaft selbst außerdem noch soviel Absurdität in unserem Leben zusätzlich zu der existentiell ohnehin schon bestehenden? Denn die Gesellschaft hilft uns ja nicht nur nicht, die Last unseres ohnehin schon absurden Lebens zu erleichtern, sondern erzeugt selber aktiv das Absurde und nimmt uns Lebensqualität weg. Die gesellschaftlichen Mechanismen, die dazu führen, werden verschiedentlich immer wieder einmal angedeutet, so auch – in satirischer Weise – in dem Buch Der kleine Machiavelli. Handbuch der Macht für den alltäglichen Gebrauch. Von Peter Noll und Hans Rudolf Bachmann (Piper, München 2007 (1987)). Ich erlaube es mir hier, aus diesem leichtfüßigen Ratgeberbuch zu zitieren, weil es ohnehin nicht um einen genauen soziologischen Nachweis geht, sondern darum, eine Vorstellung davon zu geben, wovon überhaupt die Rede ist, wenn ich sage, dass die Gesellschaft das Absurde erzeugt:

„Manche wundern sich unentwegt darüber, dass höchste Managerstellen bis hinauf in die Generaldirektion und in die Aufsichtsräte fast ausschließlich mit Menschen besetzt sind, die man eigentlich nur negativ, durch die Eigenschaften, die ihnen fehlen, beschreiben kann. Die Engländer haben dafür einen allerdings nicht übersetzbaren Ausdruck: „just right.“ Wir nennen diese Menschen hier >die grauen Mäuse<.“ (S. 36)

„Die freie Wirtschaft, meint man, lebt und wächst durch das Walten von vielen einfallsreichen, kreativen, unkonventionellen Typen, die eben wegen dieser ihrer Eigenschaften die Produktivität unserer Wirtschaft gewährleisten. Das Gegenteil ist leider der Fall. Zwar gibt es tatsächlich die kreativen, einfallsreichen und fleißigen Typen, sonst gäbe es ja auch nicht die immer neuen Produkte, mit denen unablässig neue wirkliche oder vermeintliche oder künstlich hervorgerufene Bedürfnisse befriedigt werden. Diese Typen aber haben praktisch nie Machtpositionen im Apparat eines Unternehmens inne; sie sind Außenseiter, die irgendwo in einem Labor herumbasteln, aus lauter Spaß an der eigenen Kreativität, oder sie stehen noch tiefer, sind junge Wissenschaftler oder Techniker, die Neues hervorbringen, weil sie Freude haben an ihrer eigenen schöpferischen Energie und an dem Werk, das ihnen nachher von den grauen Mäusen weggenommen und zur Vermarktung weitergegeben wird.“ (S. 45)

Die Gesellschaft erwartet und fordert also von uns, dass wir langweilig seien, dass wir graue Mäuse seien. Und sie verlangt von uns – bei der Strafe von Erfolglosigkeit und Verlust im gesellschaftlichen Machtspiel – dass wir nur einen Teil unserer Persönlichkeit realisieren (denjenigen, der innerhalb der Rolle der grauen Maus Platz hat) und unser Leben vergeuden. Wir vergeuden unser Leben, indem wir unser gesamtes berufliches Leben durchwarten und auf die Zeit danach warten, in der wir – in Rente/Pension – endlich leben dürfen und wieder als ganze Menschen leben dürfen. (Es ist jedoch klar, dass ein Mensch, der sein ganzes Leben als Viertel-, Achtel-, Sechzehntel- oder Zweiundreißigstelmensch zugebracht hat, auch an seinem Lebensabend kein ganzer Mensch mehr werden kann. Er weiß ja auch gar nicht, was ein ganzer Mensch ist, wie es sich anfühlt, ein ganzer Mensch zu sein.) Hier ist außerdem hinzuzufügen, dass das Gesagte im Zeitalter der Globalisierung mit seiner gesteigerten Konkurrenz auf dem Arbeitsmarkt schon lange nicht mehr nur für Manager gilt: Für alle denkbaren Posten werden heute nur noch möglichst zurechtgeschliffene Typen gesucht, die alleine schon durch ihren Lebenslauf kundtun, dass sie graue Mäuse sind.

Ich glaube, an diesem Punkt wird erst der wahre Abgrund zwischen meinem Denken und dem von Camus sichtbar: Während Camus darüber nachdenkt, dass das menschliche Leben absurd ist und was der Mensch angesichts dessen tun könnte, quält mich das Problem, dass Camus’ Analyse zwar stimmt, der Mensch sich jedoch nicht einmal mit den Grundproblemen seiner Existenz auseinandersetzen kann, weil die Gesellschaft ihn davon abhält. Hat Camus Recht und das Leben ist absurd, so wäre es doch das Natürlichste, wenn der Mensch sich mit diesem Problem auseinandersetzt. Denn man spürt keine Disharmonie in sich selber, wenn man sich mit dem beschäftigt, was einen beschäftigt, selbst wenn es sich dabei um das Absurde handelt. Daher kommt das eigentliche Absurde nicht schon durch den Tod Gottes oder durch die „Dichte“ von Steinen in das Menschenleben, sondern durch die Gesellschaft, die den Menschen durch ihre Organisation und ihre Forderungen an ihn davon abhält, sich mit seinen eigentlichen Problemen zu beschäftigen. Denn nur in der Beschäftigung mit dem, was ihn beschäftigt, kann er ein ganzer Mensch werden – und die Gesellschaft könnte durchaus einen Zustand herstellen, in dem wir uns mit dem beschäftigen können, was uns beschäftigt, in dem es diesen Freiraum für die Reflexion gibt. Doch anstatt dessen zerschneidet sie den Menschen in kleine Streifen und lässt ihn seine Existenz nur durch einen schmalen Spalt anschauen.

Ist diese Situation nicht noch viel absurder als die Absurdität, die Camus beschreibt? Bevor man also überhaupt über das Problem der Absurdität des Menschenlebens große Worte macht, müsste man fordern, dass der Mensch sich diesem Problem überhaupt als ganzer Mensch gegenüber stellen und sich mit ihm auseinandersetzen dürfte. Schon das ist nicht gegeben. Es ist wahrlich absurd, unter diesen Umständen das Problem der Absurdität vorzutragen. Man muss sich dieses Missverhältnis einmal vergegenwärtigen: Da ist das Problem der Absurdität des Lebens, aber vielleicht wäre es gestaltbar, wenn man sich wenigstens mit ihm auseinandersetzen könnte. Aber man kann sich gar nicht mit ihm auseinandersetzen, weil die Gesellschaft, in der man lebt, ein unmenschliches Leben von einem verlangt, ein Leben, in dem man nicht ganz ist, sondern gespalten, und ein Leben auch, in dem man nicht Mensch ist, sondern ein berechenbares Ding, das nichts mehr tut als seine Funktion zu erfüllen an dem gesellschaftlichen Ort, an dem es der Zufall verloren hat. Damit aber der Mensch sich mit dem Problem der Absurdität seines Lebens auseinandersetzen könnte, müsste er zuerst Mensch sein, müsste man ihn zuerst Mensch sein lassen – und schon das ist nicht gegeben. Man sieht also: Camus’ Buch ist ein völlig absurdes, weil nutzloses Buch. Und das gilt sogar obwohl es einen wahren Kern hat, nämlich das Problem der Absurdität des Menschenlebens. Aber es macht dieses Problem zurecht, sodass dadurch bei den Lesern bloß eine Verwirrung über die und Missdeutung der sozialen Realität entsteht, in der wir leben.

27. Juni 2010


 

© helmut hofbauer 2010