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Dissertation: Bezugspunkt Gesellschaft

Du darfst nicht alleine sein - ein Wort zur Europäischen Union

 

Ich bin an und für sich ein glühender Anhänger der Europäischen Union, weil ich der Kleinstaaterei in Europa nie einen Sinn habe abgewinnen können (und auch solche Dinge nie verstanden habe, warum denn Tschechien und die Slowakei glauben, ohne einander besser auskommen zu können), aber mittlerweile bin ich durchaus so weit gekommen, dass ich meine Position überdenke.

Gerade eben komme ich aus dem Büro für Internationale Beziehungen meiner Universität, wo ich um einen Publikationszuschuss für mein neues Buchprojekt aus Mitteln der Europäischen Union nachgefragt habe. Man hat mir dort gesagt, ich müsste ein ganzes Projekt schreiben, für eine Buchpublikation alleine gebe es kein Programm. Dabei hielt ich mein Ansinnen für nicht unberechtigt: Nationale Förderstrukturen werden gegenwärtig stark abgebaut mit der Rechtfertigung, dass die Europäische Union ja jetzt diese Funktionen übernehme. Aber das tut sie ja eben gerade nicht.

Nur ist es so, dass viele Menschen zwar über die Schwierigkeit klagen, an europäische Fördergelder heranzukommen (unlängst war ich bei einem Unternehmertreffen, wo Mittelständler sich über das EU-Antragswesen beklagten), und tatsächlich ist diese Einwegkommunikation, wie ich das nennen würde, höchst beleidigend, wo man einen Antrag stellt und der wird dann negativ (oder im Ausnahmefall auch positiv) beschieden, ohne dass man eine Rückmeldung bekommt, wie man den Antrag besser formulieren könnte oder an welche anderen Stellen oder EU-Institutionen sich zu wenden aussichtsreicher wäre. – Viel von der negativen Einstellung, die viele Europäer zur Europäischen Union haben (was sich dann immer wieder an der Wahlbeteiligung zu den Wahlen des EU-Parlaments zeigt) rührt ja daher, dass niemand mit uns spricht. Anstatt dessen lässt man das Beraterwesen ins Kraut sprießen und fördert Consultingfirmen dadurch, dass man immer mehr Menschen den Eindruck gewinnen lässt, mit diesen seltsamen, unbekannten Wesen von EU-Beamten lässt man am besten nur Experten reden, denn allein richtet man gar nichts aus.

Aber – und jetzt komme ich zu dem, was ich eigentlich sagen wollte – die meisten Menschen machen sich, wie ich glaube, gar nicht klar, nach welchen Prinzipien die Förderpolitik der Europäischen Union funktioniert. Denn das eine ist ja, ob ich Geld bekomme (und mir jetzt gar nicht so wichtig), viel wichtiger aber ist, wie ich behandelt werde.

Und hier verhält es sich so, dass das Individuum, der einzelne Mensch, für die Europäische Union gar nicht existiert. Das aber zeigt sich spiegelbildlich genau in ihrem Förderwesen. Ich sagte zu der Beraterin in unserem Büro für internationale Angelegenheiten, ich verstünde das Wort „Projekt“ nicht, ich sei eine Person, die dauernd Projekte habe, nach diesem Buch hätte ich ein weiteres Buchprojekt. Da sagte sie mir, ein Buchprojekt sei kein Projekt, es sei höchstens ein Projekt, wenn es die Frucht eines Projekts, am besten einer länderübergreifenden Zusammenarbeit und zwar einer solchen zwischen anerkannten Institutionen sei und als Ergebnis dieser Zusammenarbeit erscheine. Da stellte ich die alles entscheidende Frage: Ist ein „Projekt“ etwas, das ein Mensch alleine machen kann? Nein, sagte sie, in dem Sinne wird „Projekt“ nicht verwendet.

An dieser Verkehrung des Wortsinns von „Projekt“ kann man, wie ich meine, am besten sehen, nach welchen Prinzipien man von der Europäischen Union gefördert wird: Man wird nicht als Einzelmensch gefördert, auch nicht, wenn man etwas für die Gesellschaft Nützliches macht; hingegen soll man ein „Projekt“ sich ausdenken, das umso förderungswürdiger ist, je mehr Menschen daran teilnehmen, aus je mehr unterschiedlichen Ländern diese Menschen stammen, auch ist es ein Pluspunkt, wenn man es schafft, Organisationen aus verschiedenen Ländern in diesem Projekt zu einer Zusammenarbeit zu bewegen (hier ist es natürlich wieder besser, je größer diese Organisationen sind und je mehr man davon hat) usw. Die Logik ist recht deutlich sichtbar: Es geht bei den Förderanträgen darum zu beweisen, dass man nicht alleine ist. Aber nicht nur dieses Faktum allein soll man beweisen, sondern es handelt sich hier um eine Steigerungslogik: Je weniger allein man ist, desto förderungswürdiger ist das Projekt, das man hat. Das schließt natürlich auch ein: Je weniger das Projekt das eigene Projekt ist, das man der Gesellschaft oder der Welt anzubieten hat, desto förderungswerter ist es. Je mehr man von seinen eigenen schöpferischen und gestalterischen Interessen absehen kann... wenn man schließlich nachweisen kann, dass das Projekt gänzlich keinen individuellen Anteil mehr hat, sondern nur noch der Logik der Zusammenarbeit von Institutionen gehorcht, ist es am förderungswürdigsten. Je mehr man beweist, dass man kein konkreter, lebendiger, denkender und handelnder Mensch ist, sondern sich selbst nur als ephemeren Effekt von Organisationen sieht, desto mehr ist man förderungswürdig.

Aber sehen Sie, sagte die Beraterin noch, der Europäischen Union seien eben Vernetzung und länderübergreifender Austausch wichtig und diese fördere sie deshalb auch. Worauf ich antwortete: „Schon gut, aber das wird der Europäischen Union nicht gelingen, wenn sie uns als Organisationen und nicht als Menschen anspricht.“

Hier ist es nämlich, wo der Pudels Kern liegt, jedenfalls für mich als bekennenden Individualisten, aber, wie ich glaube, nicht nur für mich, sondern eigentlich für jeden Menschen, selbst für denjenigen, der in einer Organisation arbeitet oder ihr vorsteht. Man spürt doch zu deutlich, dass sich die Europäische Union nicht um uns Menschen bemüht, sondern ausschließlich um Organisationen (seien das nun Universitäten, Stiftungen, Institute welcher Art auch immer, Parteien, Vereinigungen, Vereine etc.).

(Dabei ist es ja durchaus auch nicht so, dass ich mein Buch ausschließlich nur für mich machen wollte, ich habe ja der Gesellschaft etwas zu sagen – der einzige Fehler ist, dass ich es bevorzuge, so arbeiten, wie Philosophierende eben arbeiten (und nur so gut arbeiten können), nämlich indem sie sich zurückziehen und in ihrem stillen Kämmerlein nachdenken, anstatt permanent auf Kongressen unterwegs zu sein, wo man zwar viel hört, aber nicht zum Nachdenken kommt.)

Es verhält sich also so, dass uns die Europäische Union behandelt wie Mitglieder von Organisationen statt wie europäische Staatsbürger. Man könnte sich nun freilich darüber wundern, woher das kommt: Wahrscheinlich kommt es daher, dass sich die Europäische Union doch mehr als Staatenbund denn als Bundesstaat begreift, was dazu führt, dass Gruppeninteressen (allen voran die der Mitgliedsstaaten) den überragenden Vorrang haben vor jenen der einzelnen europäischen Citoyens. Aber, wie gesagt, man könnte sich freilich wundern, woher diese stark kollektivistische Denkweise kommt, die sich im europäischen Förderwesen ausdrückt, aber die Ursachenbefragung richtet eigentlich nichts aus gegen die umwerfende Wucht der Beleidigung, die in der Erfahrung steckt, programmatisch nicht als Mensch wahrgenommen zu werden. (In diesem Zusammenhang frage ich mich – obwohl ich, wie gesagt, an sich glühender Anhänger der Idee eines integrierten Europas bin – ob es uns in unseren einzelnen Herkunftsstaaten nicht doch besser geht, denn dort werden wir zumindest auf einer grundsätzlichen Ebene – dort existiert diese Ebene zumindest – als Staatsbürger behandelt.)

Anstatt dessen scheint die Europäische Union einen Integrationsprozess voranzutreiben (der durchaus auch ein solcher der Beschwörung einer gemeinsamen europäischen Identität ist oder zumindest sein soll), der über unsere Köpfe hinweg geht, weil er sich auf der Ebene von Organisationen und Institutionen abspielt. Das kann letztlich nur ein scheinbarer Integrationsprozess sein, denn selbst wenn nun Menschen, z.B. WissenschaftlerInnen oder KünstlerInnen aus verschiedenen Ländern, in von der EU geförderten Projekten zusammen und ins Gespräch kommen, was ja an und für sich von Vorteil ist, wird das keine Stärkung des europäischen Bewusstseins bewirken, weil ein jeder/eine jede Einzelne/r fühlt und weiß, dass er oder sie selber gar nicht gemeint ist – die Europäische Union wird lernen müssen, dass sie aus Menschen besteht und nicht nur aus Organisationen, wenn sie auch in Zukunft weiter bestehen will.

 

Nachschrift zum besseren Verständnis des Vorhergehenden, wenn denn das möglich ist

Gut, aber bevor wir jetzt die Europäische Union abschaffen (wozu ich nicht in der Position bin), möchte ich doch noch klarer machen, worüber ich hier schreibe, nämlich nicht über die Europäische Union (ich bin ja kein politischer Autor), sondern ich schreibe über das, worüber ich immer schreibe: Haltungen und Denkweisen von Menschen. (Ich möchte das an dieser Stelle einmal unterstreichen, auch weil mir scheint, dass viele Menschen meine Texte nicht verstehen können (oder wollen), obwohl sie doch überaus klar sagen, was sie zu sagen haben. Sie wissen diese Texte einfach nicht zu gebrauchen - und würden glatt auch diesen Text für einen Ausdruck meines Unmuts über die Europäische Union halten, und zwar deshalb, weil sie es gar nicht für möglich halten, dass man das tun kann: über Haltungen und Denkweisen von Menschen schreiben.) Hier nun haben wir das Beispiel einer Politik vor uns, die im Kern nicht gut sein mag - aber das Interessanteste ist doch wiederum, was die Menschen von ihr denken. Es ist das eine Politik, die sich gewiss selber für sehr menschenfreundlich hält: Sie stellt das Gemeinsame über das Trennende, fördert den Austausch zwischen den einzelnen europäischen Ländern und unterstützt gesellschaftliche Initiativen verschiedenster Art. So möchte die europäische Politik wohl selber gesehen werden und so wird sie auch von den Individuen wahrgenommen, wenn diese auch bisweilen etwas von ihr wollen und dann (siehe Obenstehendes) irritiert sind von der Behandlung, die sie dabei erfahren. Das Problem bei den meisten Menschen scheint mir nur zu sein, dass sie aus ihren eigenen Beobachtungen und Erfahrungen keine Schlüsse ziehen, weil sie sie selber zu wenig ernst nehmen. Sie sind nicht bereit, ihre Denkweisen zu verändern, weil diese ihnen Stabilität gewähren. So stöhnen sie dann etwa über das europäische Antragswesen, aber am Ende seufzen sie eben doch: "Das ist eben so! (Wahrscheinlich muss das so sein!)" und bleiben dabei, dass die Europäische Union ein gutes Projekt sei, das im Grunde für alle das Beste wolle. Ich bestreite nun nicht, dass ich zumindest selber will, dass die EU ein gutes Projekt sein sollte, aber ich bin offenbar nicht so gut wie andere Menschen in der Lage, dasjenige, was ich sehe, meinen Wünschen so stark anzupassen, dass ich es nicht mehr sehe - oder es nur noch so sehe, wie ich es mir wünsche. Mit anderen Worten, ich sehe in den meisten Menschen eine Art Unfähigkeit, hinter den Dingen, wie sie sich präsentieren, auch die Dinge, wie sie geschehen, zu sehen - und das führt dazu, dass sie von der Weise, wie sich die Europäische Union ihren Bürgern gegenüber benimmt, zwar irritiert sind und sich abgestoßen fühlen, in diesem Verhalten der europäischen Politik aber kein Muster erkennen können. Ich weiß nicht, ob sie das wirklich nicht können oder warum es so schwer ist, im Gespräch mit einzelnen Menschen Denkweisen und Verhaltensmuster zur Sprache zu bringen. Wenn man es tut, so habe ich immer wieder den Eindruck, dann wissen die meisten Menschen gar nicht, wovon man redet. Ich selbst hingegen meine dabei eigentlich zumeist, von Dingen zu reden, die an und für sich doch ziemlich offensichtlich sind, die aber seltsamerweise niemand thematisiert. Wie eben zum Beispiel das oben dargestellte Muster, dass man sich mit der europäischen Förderpolitik an Organisationen wendet, um auf diese Weise möglichst viele Menschen zu erreichen (wir wollen mal annehmen, dass das der Grund ist) und sie damit eben genau nicht erreicht, sondern im Gegenteil den einzelnen Menschen (und wir alle sind einzelne Menschen) diskriminiert (mit einer Politik, die doch an und für sich gegen jede Diskriminierung ist). Ich bin mir sicher, es gibt Menschen, die würden in diesem Text glatt einen Text über die Europäische Union sehen wollen, nur um nicht sehen zu müssen, worum es geht: um eine weit verbreitete Denkhaltung unter den zeitgenössischen Menschen, die nicht thematisiert und wenig reflektiert wird, nämlich jene, Organisationen mit Menschen gleichzusetzen und zu meinen, dass man jene erreiche, wenn man diese erreicht. Ich frage mich, warum es so unglaublich schwer ist, sich über solche Dinge mit (einzelnen) heutigen Menschen im Gespräch zu verständigen oder es überhaupt auch nur zu thematisieren? Hier scheint mir ein Problem zu liegen, das noch viel größer ist als jenes der EU-Förderpolitik: die Unfähigkeit der Menschen, solche Denkweisen und Verhaltensmuster, wie sie meiner Ansicht nach hinter der EU-Förderpolitik stehen, zu sehen und sie als relevant einzustufen, im Gespräch darauf einzugehen und sie dadurch als real existierend anzuerkennen. Letztlich geht es darum, dass die meisten Menschen wohl nicht glauben können, dass jemand anderer tatsächlich etwas Relevantes zu ihnen sagen möchte, dass er (oder sie) also tatsächlich über Smalltalk und die abgeschliffenen Versatzstücke beruflicher Kommunikation hinausgehend sich tatsächlich mitteilen und über eine Sache, von der er (oder sie) ein (realistischeres) Bild bekommen möchte, sich verständigen möchte. Mit einem Wort, die meisten Menschen reden miteinander so, als ob es Kommunikation gar nicht gäbe. Das führt dann eben dazu, dass es mit den meisten Menschen nicht möglich ist, den Unterschied zwischen den Dingen, wie sie sich selber präsentieren und wie sie uns erscheinen, zu thematisieren. Und es führt dazu, was mir oft passiert (und was mich ziemlich stört), dass die Rezipienten meiner Texte meinen, ich sagte etwas, ich behauptete etwas, während ich doch mit jedem Satz nur versuche, mir ein Bild zu machen (to make up my mind). Man würde doch meinen, dass Menschen, die ein wenig nur von Kommunikation verstehen, wüssten, dass das mit dem Kommunizieren nicht so einfach funktioniert, dass man etwas sagt und dann ist es gesagt, sondern dass man versucht, mit jedem folgenden Satz immer besser zum Ausdruck zu bringen, was dem gedanklichen Auge vorschwebt, wobei man weiß, dass es einem nie gelingen wird, das ganz aus sich herauszubringen, was man sagen will, dass man seine Meinung nie zufriedenstellend zum Ausdruck gebracht fühlen wird und, mehr noch, dass ein jeder weitere Satz immer der Kampf um einen neuen Gedanken ist, der einem selber klarer macht, was man eigentlich wirklich denkt. Aber dieses Letztere ist wohl schon zu weit entfernt von der gedanklichen Welt normaler Alltagsmenschen (wie auch der meisten wissenschaftlichen Menschen, die ihre Wahrnehmung nur auf andere Dinge fokussiert haben, aber innerhalb ihrer angeeigneten Wahrnehmungsparadigmata genauso unbeweglich sind). Deshalb noch einmal ganz zurück an den Anfang und, Leser/in - bitte nachdenken: Vergiss die EU und stell dir eine Förderpolitik vor, bei der der Einzelne, um eine Förderung zu bekommen, ein "Projekt" schreiben muss, in welchem er nachweisen muss, dass er gar nicht das ist, was er ist, nämlich ein Einzelner, sondern sich entweder als Organisation verkleiden oder (je nach sozialer Stellung) hinter Organisationen verstecken muss... Da ist doch etwas nicht in Ordnung! Und selbst, wenn es in der realen Umsetzung, in den alltäglichen Vorgängen, in erträglicherer Form sich umsetzen sollte, auf die symbolische Dimension darf man gar nicht schauen, ohne zu erschrecken. Denn eine solche Förderpolitik sagt: "Je mehr du es verleugnest, ein Individuum, ein eigenständiger Mensch zu sein, desto eher wirst du gefördert!" Man sieht seinem eigenen Tod in die Augen, wenn man das bedenkt - und dieser Tod wird einem angeraten, wird von sogar von einem gefordert. Freilich ist das nicht der körperliche Tod, sondern es ist ein Tod bei mitten im Leben (ein "sozialer Tod" - man lebt weiter, nur ist man innerlich tot). Auch ist es nicht so, dass nicht viele Menschen rund um uns herum lebendig tot wären, sie leben dahin und haben nichts, wofür sie leben - aber darf man es deshalb von jedem fordern? Die Zustimmung zu dieser Förderpolitik und das Verfassen eines "Projekts" bedeutet ja schließlich die Aufgabe alles dessen, für das man je gekämpft hat (für das im Grunde jeder Mensch kämpft), nämlich wahrgenommen zu werden als (einzelner) Mensch, der etwas sagt, weil er etwas sagen möchte und deshalb etwas zu sagen hat und dessen Mitteilung es wert ist, von den anderen angehört und ernst genommen zu werden, weil er ein Mensch ist, der etwas sagen will - und nicht weil er eine Organisation oder eine Institution vertritt oder weil er Staatsbürger dieses oder jenes Landes ist. Dass ein Mensch, wenn er spricht, angehört und ernst genommen werden soll - dafür bin ich (und nicht gegen die Europäische Union, jedenfalls nicht grundsätzlich, sondern nur wenn sie sich gegen den Menschen stellt). Das aber ist ein Wert, das in der heutigen Welt, welche eine der Organisationen ist und nicht eine der Menschen, nicht nur ernsthaft bedroht ist, sondern das viel größere Problem scheint mir das zu sein, dass heutige Menschen, dass heutige Individuen in gewisser Weise so entselbstet sind, dass sie gar nicht wissen, wovon die Rede ist, wenn man dieses Problem zum Thema macht! Ja, es scheint sogar, dass sie, weil sie die Kommunikation mit Organisationen immer besser erlernen (bzw. z.B. durch die Förderpolitik der Europäischen Union dazu angehalten werden) die Kommunikationsweise zwischen Individuen immer mehr vergessen, und aus diesem Grunde überhaupt nicht mehr wissen, wenn einer redet oder schreibt, was das ist, eben weil sie nicht mehr wissen, was Kommunikation ist.

 

26. und 27. Juni 2009

 

Zweite Nachschrift: Über die Wehleidigkeit

Ein Freund, nachdem er diesen Text von mir gelesen hatte, meinte, er stimme ihm inhaltlich zu, es missfalle ihm aber die in ihm auftretende Wehleidigkeit. Der Text wirke auf ihn wie „Thomas Bernhard mit angezogener Handbremse“.
Ich denke, es lohnt sich über diesen Vorwurf nachzudenken, welcher, obgleich er der Sache nach Recht hat, letztlich das Falsche trifft.
Das dachte ich schon im Gespräch mit meinem Freund, weshalb zu ihm sagte, diese Welt werde mich zerdrücken wie eine Fliege, so wie sie einen jeden Menschen zerdrückt, das sei nur eine Frage der Zeit – eine Zeitlang könne man ihr geistig widerstehen, ein paar Jahre noch vielleicht, dann lasse die geistige Widerstandskraft nach, man füge sich in die Dinge, und eine Krankheit, die die eigene Todeskrankheit werden wird, bemächtige sich des Menschen, bis sie ihm in aller Stille das Licht ausblase.
Und dann: Was wäre eigentlich das Gegenteil von Wehleidigkeit? Die Ansicht, dass man sich nicht wehleidig zeigen dürfe, schließt ein ganzes Weltbild mit ein. Dieses besagt zum Beispiel, dass die Abläufe in dieser Welt mehr oder weniger normal seien, die Menschen in ihr im Grunde gut und dass deshalb ein jeder Mensch, der nicht krank sei oder von Natur aus ein Kretin, sich in ihr zurechtfinden müsse. Aus dieser Weltsicht folgt gewissermaßen der moralische Imperativ, sich selbst in der Welt zurechtzufinden, anstatt permanent andere anzujammern. Mit dieser Weltsicht teile ich den Vorstellung, dass ein jeder Mensch sich allein zurechtfinden muss weil (trotz aller Heerscharen von Beratern und Psychologen) ihm niemand hilft, den Rest aber schon nicht mehr.
Wie gesagt, ich sehe in der Welt – damit ist unsere gemeinsame Menschenwelt gemeint – eher etwas, das uns langsam durch seine Verständnislosigkeit für uns umbringt. Wehleidigkeit ist daher angebracht, denn sie ist kein Ausdruck der persönlichen Verweigerung, sich mit der Welt auseinanderzusetzen, sondern ergibt sich vielmehr aus einem relativ nüchternen und fast schon objektiven Blick in die eigene Zukunft: Jetzt noch halte ich der Welt statt, aber in kurzer Zeit schon kann es sein, dass ich alle Hoffnung verliere und dann finde ich mich endgültig auf dem harten Boden der Realität wieder, dieser ist gewissermaßen als das geistige Pendant zur Straße, auf der der Obdachlose sich wiederfindet, zu verstehen.
Außerdem bringt Wehleidigkeit die Differenz der Dinge, wie sie sind, zu dem, wie sie angeblich sein sollen, zum Ausdruck. Gewöhnlich werden die Dinge in einem besseren Zustand und als akzeptable geschildert, Beobachtung und persönliche Erfahrung finden sie in der Folge gewöhnlich in einem unvorteilhafteren Zustand vor, als was dieser Reklame und Selbstreklame der Dinge entsprechen würde. Das Resultat davon ist also allemal eine Klage – und jetzt soll mir mal jemand erklären, wie man als Sieger aussehen soll, wenn man eine Klage vorbringt? Ich weiß schon, dass unsere Welt Siegertypen verlangt und bewundert: Aber sobald sich einer als Siegertyp präsentiert, befinden wir uns schon wieder auf der Ebene des „Alles ist normal und grundsätzlich in Ordnung.“ – mithin auf jener Ebene, auf der als Untergrund es überhaupt möglich ist, dass jemand ein Siegertyp ist, weil er besonders stark ist und mit den Dingen besser als andere noch zurechtkommt.
Ich glaube allerdings gar nicht, dass das möglich wäre und dass es daher in irgendeiner Weise möglich wäre, „über den Dingen zu stehen“ – also ein Siegertyp zu sein. Hingegen denke ich, dass es wohl eine ganze Menge scheinbarer Siegertypen gibt (die auch real eine Zeitlang Erfolg haben), aber keine wirklichen (wie z.B. Michael J., den man kürzlich eingegraben hat, nachdem er offenbar schon seit fünfzehn oder noch mehr Jahren keine Idee mehr gehabt hat, was er hier auf dieser Welt noch anfangen soll). Die Welt spielt mit uns und oft weiß man gar nicht zu sagen, was man lieber haben will: Erfolg haben oder keinen Erfolg. Hat man keinen Erfolg, ist das normal, es ist das Wesen der Welt (unserer Menschenwelt), einen jeden mit Gleichgültigkeit zu strafen; hat man Erfolg, beruht er gewöhnlich auf einem Missverständnis und hat nichts mit einem selber zu tun. Hat man jedoch Erfolg, so muss man fürderhin diesem Missverständnis der Welt genüge tun und ist von ihm gefangen. Es ist das diese vollkommene Unmöglichkeit der Kommunikation zwischen Mensch und Welt (Menschenwelt; man kann auch Öffentlichkeit sagen), die mich immer wieder wiederholen lässt: „Ich wende mich an einzelne Menschen!“ Einzelne Menschen, wenn sie bereit sind zuzuhören, kann ich unter Umständen eventuell noch mit meinen Kommunikationsangeboten erreichen; dass man hingegen der Welt etwas zu sagen oder zu geben hätte, ist eine Illusion.
Somit relativiert sich nach diesem auch der Vorwurf der Wehleidigkeit wieder. Wehleidigkeit findet man in diesem Text nur, wenn man ihr die (Kommunikations-)Voraussetzung unterschiebt, ich wende mich an die Welt oder an die Menschen, um ihnen etwas zu sagen und ihnen mein Leid zu klagen. In diesem Text also hätte die Brille der Wehleidigkeit die Form, dass man glaubt, ich wende mich an die Europäische Union, wie an eine große Mutter, von der ich mich ungerecht behandelt fühle, um mich bei ihr zu beklagen und auszuweinen. Aber das tue ich nicht, denn ich glaube gar nicht, dass mich eine Einheit wie die Europäische Union überhaupt hören kann. Und ich glaube das nicht deswegen, weil ich klein und unbekannt bin, sondern ich glaube, dass sie mich auch nicht hören könnte, wenn ich so groß und einflussreich wäre wie der Präsident von Frankreich, weil ich es für grundsätzlich unmöglich halte, dass eine große gesellschaftliche Institution wie die Europäische Union einen einzelnen Menschen überhaupt hören und seine Anliegen verstehen kann. Spricht der Präsident von Frankreich als Präsident von Frankreich zu ihr, wird sie ihn freilich verstehen; wendet er sich hingegen als Mensch an sie, so besteht dazu nicht einmal die kleinste Chance. Es gibt dafür viele vergleichbare Fälle: Wie soll eine Universität verstehen, was Wissen und Lernen für einen einzelnen Studenten bedeuten? Wie ein Krankenhaus den Wunsch des Einzelnen nach Gesundheit und Lebensqualität? Das ist alles freilich nicht möglich, denn ein Krankenhaus ist ja selbst kein Mensch und kann daher auch nicht wissen, was Gesundheit ist, außer in einer sehr verdinglichten, abgeleiteten, wissenschaftlichen Weise.
Dieser Punkt scheint mir noch der relativ leichter zu erklärende zu sein: Dass Institutionen und Organisationen die Bedürfnisse und deshalb auch die Mitteilungen von einzelnen Menschen als Menschen nicht verstehen können. Nun wäre es aber trotz dieser Tatsache immer noch möglich, dass ich mich als Einzelner der Welt oder der Öffentlichkeit mitteile, wenn alle oder der Großteil der Menschen ein Bewusstsein davon hätten, dass sie Individuen sind und als solche die Welt wahrnehmen, wie sie sie durch ihre eigenen Augen eben wahrnehmen. Ein solcher Stand der Individualisierung existiert bei den meisten Menschen aber nicht, weshalb sie in ihren Urteilen sich häufig an jene der einen oder anderen Organisation anlehnen – gewöhnlich sind das das Erziehungssystem (also unsere Lehrer), die Kirche, die Medien, die Wissenschaft in der einen oder anderen Form, und die Sprache der politischen Parteien spielt auch fast immer als ein Faktor eine Rolle. Es gibt kaum einen Menschen, dessen Meinung seine eigene wäre. Und weiterhin gibt es auch kaum einen Menschen, der versteht, dass sein Weltbild nicht ein solches aus der Sicht eines einzelnen Menschen ist, sondern ein solches aus der Perspektive verschiedener Institutionen und Organisationen. Aus der Sicht von Institutionen und Organisationen bieten diese dem Einzelnen eine Infrastruktur in der und für die Wirklichkeit, welche ausreichend ist, damit der einzelne Mensch sich in der Realität zurechtfinden kann. Kann der Einzelne das trotz dieser Infrastruktur nicht, so muss es an ihm liegen und er muss sich, nach Meinung der Institutionen und Organisationen, eben mehr anstrengen – ergo, wenn er sich über irgend etwas beklagt, so urteilen sie, dass er wehleidig ist. Und die einzelnen Menschen, die so urteilen wie Institutionen und Organisationen, weil sie nie ein eigenes Denken entwickelt haben, urteilen ebenfalls so.
Die einzelnen Menschen, die man höchstens ansprechen wollen kann, denken also häufig wie Organisationen; sie sehen die Welt aber auch oft gern wie im Märchen, machen sich selbst mit Vorliebe zu Opfern verschiedenster Marketingtechniken oder denken aus freier Entscheidung zuwenig oder sind vielleicht sogar manchmal wirklich nicht so klug wie derjenige, der schreibend sich an sie wendet. Auf diese Weise lassen sich hunderte, tausende Ursachen finden, die dazu führen, dass die Menge einzelner Menschen, der wir uns als Schreibende oder unsere Gedanken Aussprechende gegenüberstehend finden, sich uns gegenüber zu jener verständnislosen und unansprechbaren Mauer verfestigt, die wir „Welt“ nennen. Diese Welt verhilft den simpelsten und peinlichsten Schnulzen im Radio zu großem Erfolg, treibt diesen jungen Mann hier als Schreier auf den Fußballplatz und veranlasst jene junge Frau dort ihr blondes Haar ausschließlich mit rosa Kleidung und einem ebensolchen Lippenstift zu kombinieren. An dieser Stelle muss ich vorbauen, damit keine Missverständnisse entstehen: Ich will keine Verhaltensweise isoliert und an sich kritisieren, und es ist auch so, dass die Gebildeten und die Reichen ihre eigenen Felder der Niveaulosigkeit haben, die sie selbst für ganz besonders cool und in halten – ich will damit eigentlich nur sagen, dass man sich als Schreibender nicht vorstellen darf, am anderen Ende der Kommunikation einen Leser/eine Leserin zu haben, der oder die in der Lage ist zu verstehen. Der oder die verständnisbereite und verständige LeserIn ist immer nur als Ausnahme zu denken.
Und dieser verständige Leser/diese verständige Leserin werden meine Texte auch nie als wehleidig qualifizieren, sondern einsehen, dass sie nur von jenem ganz normalen Scheitern berichten, welches die Welt einem jeden von uns abverlangt. Es ist ja auch Balzac nach kurzer Zeit ausgebrannt, dabei kann ich mir kaum ein Genie vorstellen, welches die Welt besser gekannt und verstanden hätte und dabei noch gewitzter gewesen wäre, sie also ironischer und distanzierter betrachtet hätte als er. Nein, wir scheitern alle an dieser Welt - wir halten uns nur jeweils für eine kurze Dauer über Wasser -, und dabei macht es gar keinen Unterschied, von welchem Punkt aus wir starten: Der eine scheitert als einfacher Arbeiter, der zweite als Orchesterdirigent, der dritte als Bundeskanzler. Die Welt zerdrückt uns wie Fliegen (oder lässt uns durch Nichtbeachtung verhungern), und keiner unserer Erfolge in der Welt hat eine andere Bedeutung als die seiner bloßen Faktizität, diejenige, eben zufällig geschehen zu sein. Wenn man diese Einstellung „Wehleidigkeit“ nennen will, dann bitte, meinetwegen. Ich würde sie eher Klarsichtigkeit nennen, um einen Begriff von Cioran für meine eigenen Zwecke zu gebrauchen. Es ist das die Einsicht in die prinzipielle Vergeblichkeit aller eigenen Anstrengungen, jedenfalls jene vor dem Horizont alles dessen, was wir Welt, Öffentlichkeit, Gesellschaft oder Geschichte (Historie) nennen. Wir reden mit der Welt und versuchen sie in eine vernünftigere Richtung zu lenken, aber die Welt ist ein tauber und blinder Koloss. Selbst wenn ich Erfolg habe, und er in die Richtung läuft, die ich ihm vorgeschlagen habe, wird es nicht die Richtung sein, die ich gemeint habe. Selbst wenn er auf mich hört und meint, mich verstanden zu haben, wird er mich nicht im Geringsten verstanden haben.
Der Vorwurf der „Wehleidigkeit“ meines Textes durch meinen Freund ist somit ein großes Missverständnis, welches auf einer Fehleinschätzung meiner Kommunikationsweise oder des Funktionierens von menschlicher Kommunikation überhaupt beruht. Diese - freilich sehr weit verbreitete - Fehleinschätzung besagt, dass auf der anderen Seite der Kommunikationsleitung auf jedem Fall mit einem Empfänger zu rechnen ist, der einen verstehen kann. Aber auf der anderen Seite finden sich nur entweder die Welt, an der man sich auf jeden Fall den Schädel einrennen wird, oder – vielleicht und ganz selten – der eine oder andere Ausnahmemensch, der selbst noch heftig strampelt in seinem Streben nach ein wenig geistiger Unabhängigkeit von der Welt. Gewiss, und hier hat mein Freund doch ein wenig Recht, ist „Wehleidigkeit“ auch der Ausdruck der Einsamkeit eines Menschen, der beschlossen hat zu versuchen, die Welt vor allem mit den eigenen Augen zu sehen, die Klage und Verwunderung darüber, dass sich bei diesem Bestreben keine Kameraden und Mitstreiter finden lassen. Aber auch das ist ja letztlich ganz normal, das Eingesperrt-Sein in der eigenen Individualität. Die Wehleidigkeit ist somit letzten Endes nichts Ungewöhnliches, kein Ausnahmefall, für dessen Auftreten man sich schämen müsste, sondern etwas sehr Normales. Ja, sie ist sogar die Normalität selber, das permanente stumme Gegen-die-Wand-Rennen in einer der Zellen jenes Irrenhauses, das die Welt ist.

25. Juli 2009

 

© helmut hofbauer 2009