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Die "Frage Nietzsche"

 

Heute beschäftige ich mich nicht mehr so viel mit Nietzsche. Der Grund dafür ist, dass ich ihn mit der Zeit immer mehr als einen „Romantiker“ sehe, das heißt als mit seiner Gedankenwelt der Epoche der Romantik zugehörig. Zwei Dinge insbesondere gehen mir bei ihm auf die Nerven: Das eine ist, dass er meinte, eine große Botschaft für die ganze Menschheit zu haben. Und das zweite ist sein ungeheures Bedürfnis nach persönlicher Erlösung. Diese beiden Facetten machen Nietzsche in meinen Augen zu dem, was er nie sein wollte und es auch immer abgestritten hat, einer zu sein: ein Religionsgründer. Und sie machen ihn zum „Romantiker“, denn der Romantiker ist im Grunde nichts anderes als ein von einer religiösen Mission beherrschter Mensch. (Wer sich über die Rolle der Religion in der Romantik ein Bild machen will, der lese mal Schleiermachers Reden über die Religion.)

Aber langsam: Nietzsche „predigte“ eine Umwertung aller Werte. Neue Werte, das ist schon recht, gegen die alten rebellieren und „Dynamit sein“ auch, aber warum wollte Nietzsche die Welt verändern und nicht bloß das eigene Leben? Und – ist es Philosophie, die Welt verändern zu wollen, ihr eine andere „Kultur“ aufzwingen oder sie zu ihr verführen zu wollen? Ich glaube nicht, dass das Philosophie ist. Wenn er nach anderen, nach „immoralischen“ Werten leben wollte, warum hat er das nicht einfach getan und uns davon berichtet, wie es ihm damit geht? Freilich geht es leichter, nach den eigenen Regeln zu leben, wenn die ganze Welt nach denselben Regeln lebt, gleichzeitig ist es gerade dann aber auch kein Kunststück. Philosophie aber konzentriert sich darauf, dass jenes Kunststück gelingt, welches das eigene Leben ist. Wenn der Philosophierende auf diesem Gebiet etwas erreicht, dann kann sein philosophisches Bemühen als gerechtfertigt gelten, ohne dass sein Denken auch nur irgendeinen sicht- oder spürbaren Einfluss auf die Gesellschaft oder die öffentliche Meinung gehabt hat.

Und wenn Nietzsche ein Übermensch werden wollte, ja, warum nicht? Es ist nichts dagegen zu sagen, dass Menschen über sich hinauswachsen wollen, um neue Niveaus des Erlebens und der Schaffenskraft zu erreichen. Das Problem mit Nietzsche scheint mir aus meiner Sicht eher das zu sein, dass er sich ohne den Übermenschen in seiner menschlichen Existenz verloren fühlte. Das Programm des Übermenschen und des „Willen zur Macht“ klingt wie eine Abschaffung Gottes und die Übernahme seiner Position durch einen Menschen, der den Willen und den Mut hat, über sich hinauszuwachsen. In Wirklichkeit ist der Übermensch bei Nietzsche ein Ersatz für die Figur Gottes, den er anbetet, wie er zuvor Gott angebetet hat. Ja, warum nicht, es gibt ja schließlich auch Religionen ohne einen Gott! Das Anbeten ist das Wesentliche, die Verehrung, der Glaube. Und die Not auch, die Furcht, die Panik sogar, dass das Menschenleben ohne so etwas wie den Übermenschen „nicht gerechtfertigt“ wäre. Was soll denn da bitte „nicht gerechtfertigt“ sein, wenn ein einfältiger Mensch gedankenlos seine Lebenszeit verlebt, und dann ist es aus? Das ist doch – auch – ganz in Ordnung! Interessant scheint mir in diesem Zusammenhang eine Stelle aus Nietzsches Schrift „Schopenhauer als Erzieher“ zu sein: Er lobt dort Michel de Montaigne, den Verfasser der „Essays“ und sagt dann, mit ihm würde er es halten, wenn es darum ginge, sich hier auf Erden einzurichten. Und da frage ich mich halt: Und warum hielt er es dann nicht mit ihm? Wollte er es sich doch nicht auf der Erde heimisch machen? (Er schimpfte doch immer gegen alle "Hinterwelten"!) Michel de Montaigne war mit seiner Entspanntheit des Denkens das gerade Gegenteil von Nietzsches religiösem Eifer. Und als philosophische Figur, als Vorbild für einen Philosophen, scheint mir Michel de Montaigne heute ebenfalls hoch über der Figur Nietzsches zu stehen.

 

„Ich weiß nur noch einen Schriftsteller, den ich in betreff der Ehrlichkeit Schopenhauer gleich ja noch höher stelle: das ist Montaigne. Daß ein solcher Mensch geschrieben hat, dadurch ist wahrlich die Lust auf dieser Erde zu leben vermehrt worden. Mir wenigstens geht es seit dem Bekanntwerden mit dieser freiesten und kräftigsten Seele so, daß ich sagen muß, was er von Plutarch sagt: »kaum habe ich einen Blick auf ihn geworfen, so ist mir ein Bein oder ein Flügel gewachsen.« Mit ihm würde ich es halten wenn die Aufgabe gestellt wäre, es sich auf der Erde heimisch zu machen.“

Friedrich Nietzsche: Unzeitgemäße Betrachtungen, S. 280 ff. Digitale Bibliothek Band 2: Philosophie, S. 67003 (vgl. Nietzsche-W Bd. 1, S. 296 ff.)


Heute erscheint es mir also als ungeziemend für einen Philosophen, wenn einer so ein Unbedingter ist und sich so ereifert, wenn er so unentspannt ist. Früher aber, vor allem in der Zeit nach der Pubertät, Ende des Gymnasiums – Anfang der Studienzeit, da war ich ein großer Fan von Nietzsche. Und was hat mir damals so an ihm gefallen? Die Antwort mag auf den ersten Blick ein wenig verblüffen: Genau das, was mir jetzt auf die Nerven geht! Sie mag wohl ein wenig verblüffend sein, diese Antwort, aber im Kontext meiner Lebensgeschichte ist sie durchaus verständlich: Ich bin ein Bauernsohn, der durch Zufall aufs Gymnasium gekommen ist, (wo ich acht Jahre lang ein Außenseiter geblieben bin), und der gleichzeitig zu Hause die Enge, die Bildungs-Enge, die Enge des (Arbeits-)Alltags und auch die Enge und Kleinheit der (dörflichen) menschlichen Umwelt erleben musste. Friedrich Nietzsche hat mir, wie auf andere Weise auch Thomas Bernhard, in dieser Situation, eine Vision davon gegeben, dass man sich als Mensch weiter- und höherentwickeln kann und zwar aus eigener Kraft, wenn man sich selber als höchste Priorität setzt. Ich kann also ohne weiteres sagen: Ohne Nietzsche (und Thomas Bernhard), wäre ich ein Bauer geworden und hätte ein Bauernleben geführt, so wie das fast alle Menschen in meiner Umgebung taten, weil ich mir gar kein anderes Leben hätte vorstellen können. Ich hätte also das Leben leben müssen, das meine soziale Umgebung für mich vorherbestimmt gehabt hatte, ohne eine Chance zu haben, ihm zu entkommen. Ich will damit sagen: Nietzsche war für mich in diesem Alter gerade das richtige „Seelenfutter“. Seine Texte haben mir die Energie gegeben, mich durchs Gymnasium zu kämpfen und dann ganz allein in die große Stadt Wien zu gehen, wo ich mich nicht auskannte… und zwar gerade dadurch, dass sie (wie im Übrigen auch Thomas Bernhards Texte) so unbedingt waren. Sie sagten mir gleichsam: So, und jetzt springst du aber ins kalte Wasser hinein – oder du kannst dein ganzes Leben lang durch dieses Fenster hier auf die Straße hinausschauen und in deinem Herkunftsort picken bleiben.

Nietzsche hat mir also dabei geholfen, aus meinem kleinen Dorf zu kommen und ein anderes Leben zu wählen als das, das mir dort bevorgestanden wäre, indem er mich innerlich wachsen ließ. Und das hat tatsächlich funktioniert! Ich bin hart gegen mich selbst geworden und sehr bestimmt in meinen Entscheidungen, und so konnte ich in dieser schwierigen Lebensphase das Ruder meines Lebens packen und herumreißen, sodass die Zukunft, die ich dann durchlebte, eine von mir selbst bestimmte gewesen ist. Ohne Nietzsche hätte ich keinen „Lehrer“ gehabt, der mich geführt und mir das Leben erklärt hätte. Insofern hat Nietzsche also in meinem Leben seinen Zweck bereits 100prozentig erfüllt, und ich darf ihm auf ewig nicht mehr böse sein. Wenn mich also heute seine Texte nicht mehr in der Weise ansprechen und „heiß machen“ – so what? Zählt bei einem Philosophen vielleicht das, was man nach einem tausendjährigen, erfahrungsreichen Leben resümierend über ihn sagen würde? Pessoa lesen! Fernando Pessoa schrieb, dass man durch jede Veränderung im Leben auch etwas verliere: „Selbst der Umstand, dass ich demnächst ein Buch veröffentliche, wird mein Leben verändern. Ich verliere etwas: das Unveröffentlichtsein.“ (Fernando Pessoa: Das Buch der Unruhe. Fischer Verlag, Frankfurt/Main 2003, S. 541.). Mit der Philosophie scheint es mir ebenfalls so zu sein: Nicht das, was am Schluss als Ergebnis dasteht, ist die wahre Erkenntnis; sondern: den Nietzsche, den man mit 18 einmal (fest) hatte, den verliert man eben, wenn man nicht mehr 18 ist. – Dass man aber dadurch gescheiter geworden wäre, das könnte man jedoch nicht sagen.

Nun ist es so, dass Nietzsche nicht nur mich in meinen jungen Jahren angesprochen hat, sondern dass das bei ihm der Normalfall ist, dass er den meisten Zuspruch bei postpubertären Jugendlichen findet. Ich habe mich nun gefragt, warum das so ist. Warum gefällt Nietzsche mit seiner Philosophie in erster Linie jungen Leuten? Und was gefällt diesen jungen Leuten an ihm? Freilich könnte man sagen, dass Nietzsches Sprache sehr übertrieben und gefühlsschwanger ist – und die jungen Menschen haben durch ihre jugendliche Sexualität ebenfalls einen Hang zum Gefühlsschwangeren. Das mag mitspielen, kann aber so nicht stimmen, denn die gefühlsschwangere Sprache der deutschen Klassiker oder eines Hölderlin ist mir in der Schule mächtig auf die Nerven gegangen. Wenn also überhaupt, dann habe ich Nietzsche gemocht, obwohl er schwülstige Gedichte schrieb, und nicht deswegen.

Was ist also das, was anziehend ist an Nietzsche? Ich denke heute, dass es nicht seine „Philosophie“ (also seine philosophische Lehre) ist oder einzelne seiner Bücher, sondern er selbst als Person, er selbst als Philosoph. Und ich meine eigentlich, hiermit eine große Erkenntnis hinauszuposaunen, die insbesondere in der Philosophie (als Fach) nicht verstanden wird, ja nicht einmal bekannt ist, wenn ich in Anlehnung an „Sex sells“ sage: „Person sells.“ Was fanden die Jugendlichen an Popmusik anziehend? Was finden sie an Rock-Musik (immer noch) oder an Hip-Hop attraktiv? Es ist nicht allein die Musik! Nein, es sind genauso auch die Sänger (Sängerinnen) und Musiker (Musikerinnen) mit ihrer Kleidung und ihrem Gehabe, die einen ganzen Lebensstil vermitteln, der für die jungen Leute attraktiv und nachahmenswert erscheinen kann. Nietzsche ist genau so ein Popstar auf dem Gebiet der Philosophie! Außerdem ist er neben Sokrates und „dem Existenzialisten“ (schwarzer Rollkragenpullover, Denkerstirn, Zigarette im Maul) der einzige in der Geschichte der Philosophie, der überhaupt als Figur, als Person stärker fühlbar ist.

Für mich ist diese Frage zur „Frage Nietzsche“ geworden: Warum wird in der Philosophie eigentlich immer nur darüber geredet, WAS einzelne Philosophen gesagt haben? Meistens reduziert sich das Auskunftgeben, insbesondere bei professionellen Philosophen, sogar noch auf das, WAS (meistens schon lang verstorbene) Philosophen WIRKLICH gemeint haben könnten. (Auf diese Weise wird sogar das WAS noch einmal eingeschränkt, auf das, was philologisch nachweisbar ist.) So geht man übrigens auch mit Nietzsche um: Ich bin dieser „Bewegung“ Gelehrter, die herausfinden wollen, was Nietzsche „wirklich“ gemeint haben könnte, während meines Studiums begegnet, und habe mich voll Abscheu abgewandt, indem ich sagte: „Das, was Nietzsche „wirklich“ gemeint hat, das gibt es gar nicht!“ Aber wieder zurück zum Thema: In der Philosophie wird also immer nur darüber geredet, WAS die einzelnen Philosophen gesagt haben und auch die philosophischen Bücher, die in den Buchhandlungen zu finden sind, stellen eigentlich immer nur die Philosophie dieser Philosophen und noch dazu „kritisch“ (also relativierend, abschwächend) dar – und behandeln nie das Thema: WER? Warum existiert in der Philosophie (im Fach) ein solches Übergewicht des WAS über dem WER? Angesichts der Tatsache, dass Philosophie ja nicht nur einfach (einzelnes) Wissen vermitteln will, sondern diejenigen, die sich mit ihr beschäftigen, anregen will, sich zu verändern und andere Menschen zu werden, kann in der Philosophie vom Thema WER? doch eigentlich von Grund auf gar nicht abgesehen werden!

Ein weiterer Punkt ist: Vieles von dem, was Kant gesagt hat, mag richtig sein, manches sogar interessant, wenn man sich genauer damit beschäftigen will, aber mit Immanuel Kant (als Figur, als Person) kann man keinen müden Hund hinterm Ofen hervorlocken! (Mit Nietzsche schon!) Wer will schon etwas wissen über jemanden, der das ganze Leben lang jeden Tag dieselben Wege gegangen und nie aus seiner Heimatstadt Königsberg hinausgekommen ist? Die Figur Kant als Vorbild für einen Philosophen, dem man nacheifern wollen könnte, ist völlig uninteressant. Und so ist es ja mit den meisten Philosophen: Wollen Sie etwa wie Kierkegaard acht Jahre lang am Stehpult stehen und dort tausende Seiten schreiben, bis Sie auf offener Straße vor Erschöpfung zusammenbrechen? Oder wie Husserl mit Nikotinvergiftung ins Krankenhaus eingeliefert werden? Oder wie Heidegger in der Lederhose stecken und mit Gadamer im Schwarzwald Holz sägen? Etienne de Saint-Exupery, der Autor des „Kleinen Prinzen“, ja das ist eine philosophische Figur, aber die vorher Genannten kann man echt vergessen! Und ich glaube eben, dass genau das der Philosophie über kurz oder lang auf den Kopf fallen wird: Das allgemeine Desinteresse an der Philosophie ist heute schon groß genug – und zwar aufgrund dessen, dass die Philosophieprofessoren hart daran arbeiten, dieses Fach zum langweiligsten von allen zu machen. Schon heute also finden nur mehr manche durch Zufall zur Philosophie, wenn, gegen alle Wahrscheinlichkeit und gegen alle äußeren Umstände, (vielleicht bei der stillen Lektüre), der Funken auf sie überspringt. Aber wenn wir so weitermachen, können wir die Philosophie bald als ganze bald begraben - wenn es uns nicht gelingt, nicht nur die Philosophie selber interessant darzustellen, sondern auch den Philosophen (oder die Philosophin) als Person attraktiv zu machen.

Ich muss an dieser Stelle einen Vorbehalt einfügen: Um als Philosoph eine attraktive Figur zu sein, muss man meiner Meinung nach nicht schön sein, es genügt, interessant zu sein. Man muss auch nicht besonders erfolgreich sein, gebrochene Figuren wirken (auch in literarischen Erzählungen) sehr gut. Es geht eigentlich um etwas ganz anderes: Um den Willen, (überhaupt) eine Person zu sein! Darum, sich als Person zu stilisieren! Friedrich Nietzsche hatte diesen Willen und deshalb hat er (immer noch) die Kraft, insbesondere Jugendliche, (die selbst gerade überlegen, WER sie denn in Zukunft sein wollen), zu „verführen“.

Wer nimmt es heute auf sich, ein Philosoph zu sein und sich selber auch als solchen zu bezeichnen – und ihn auch zu verkörpern, damit der Philosophie auch in Zukunft, (wenn Nietzsches Anziehungskraft einmal abnimmt), der Zulauf nicht ausgeht? Wer wagt es, sich selber zum Philosophen zu stilisieren, inmitten von lauter mausgrauen Philosophieprofessoren und farblosen Intellektuellen? Werd ich’s doch nicht am Ende selber tun müssen? (Ich fühl mich eigentlich viel zu müde dazu und habe auch nicht den Selbstdarstellungstrieb, der dazu notwendig wäre. Außerdem würde ich mir dann - man sieht schon: um die eigentliche Frage dieses Texts schleiche ich mich die ganze Zeit herum wie um den heißen Brei - einfallen lassen müssen, wie ich selber mir denn einen Philosophen in unserer heutigen Zeit überhaupt vorstellen will.) Ich weiß nur oder glaube zu wissen: Die Philosophie lebt in erster Linie von (beispielgebenden) Personen und nicht von philosophischen Erkenntnissen! Wir brauchen also wieder derartige Personen, die so schrullig sind wie Sokrates oder so schräg wie Nietzsche, damit die Philosophiegeschichte auch in Zukunft weiterhin bunt bleibt und interessant, andernfalls wird das ohnehin geringe Interesse an der Philosophie noch weiter abnehmen.


27.Jänner 2007

 

© helmut hofbauer 2007