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Wie eine exakte Literaturwissenschaft möglich ist

 

Summary

In der Wissenschaft stellt man bisweilen fest, dass die Menschen für vernünftige Argumente unzugänglich (geworden) sind. Der nachfolgende Artikel enthüllt die Ursache dieses Verhaltens: Anhänger einer größeren geisteswissenschaftlichen Theorie (Strukturalismus, Poststrukturalismus etc.) verweigern sich vernünftigen Argumenten von einzelnen Gesprächspartnern, weil sie solche als aus unsystematischem, nicht theoriegeleiteten (und also sogar unwissenschaftlichem) einzelmenschlichem Denken entstanden einordnen, denen gegenüber die Theorie eine höhere erkenntnismäßige Würde und Richtigkeit hat.
Daraus ergibt sich kurioserweise folgendes Paradoxon in Wolfgang Kleins nachfolgend diskutiertem Artikel, in welchem er eine exaktere Literaturwissenschaft fordert, deren Ansichten durch Argumente belegbar sein sollen, damit man nicht an Gurus glauben muss: Wer die Absicherung einer jeden wissenschaftlichen Ansicht durch Argumente fordert, liefert sich dem unsystematischen (wenn auch logischen) und also unwissenschaftlichen Denken aus; die Anhänger von (großen) Theoriegebäuden hingegen wissen, dass demgegenüber viel wissenschaftlicher der Glaube an einzelne Gurus ist, welche eine Theorie geschaffen haben (oder sie besonders gut zu verstehen vorgeben), weil man annimmt, dass sie systematisch und theoriegeleitet denken.

 

Ich möchte hier einen Artikel von Wolfgang Klein besprechen, auf den ich in der Zeitschrift für Literaturwissenschaft und Linguistik gestoßen bin und der auf mich zugleich naiv und in eigentümlicher Weise kauzig wirkt (was wahrscheinlich mit der Art von literaturwissenschaftlicher Ausbildung zusammenhängt, die ich in meinem Studium erhalten habe – aber dazu später ausführlicher). Er ist mir aber gleichzeitig nicht unsympathisch, weshalb ich mich auch den in ihm vorgestellten Bemühungen mit Achtung und Wertschätzung nähern möchte, umso mehr, als es mir im Nachfolgenden darum gehen wird, die Frage der Wissenschaftlichkeit in der Literaturwissenschaft an seinem Beispiel zu erörtern – und dabei einige Aussagen ins Trockene zu bringen.

Allein schon das Projekt, das Klein vorstellt, wirkt eigenartig: Er will, dass die Literaturwissenschaft die Frage beantworte, welche Eigenschaften aus einem literarischen Text ein bedeutendes Kunstwerk machen, warum ein Gedicht besser oder schöner ist als ein anderes. Erst wenn man diese Frage nach der ästhetischen Schönheit eines literarischen Texts wissenschaftlich erklären kann, wird die Literaturwissenschaft nach Kleins Meinung eine „wirkliche Wissenschaft“ sein. Ich habe gar nicht gewusst, dass jemand im Jahr 2005 – da ist der Artikel von Klein erschienen – noch solche Fragen wie die nach der ästhetischen Schönheit literarischer Texte stellt; dem Gefühl nach hätte meine Lehrerin der Literaturwissenschaft an der Universität Wien diese Frage ohne viel Aufhebens den „überholten Literaturtheorien“ zugeordnet. In folgendem Zitat fasst Wolfgang Klein selbst sein Anliegen zusammen.

„A. Um von einer wirklichen Wissenschaft von der Literatur sprechen zu können, reicht es nicht aus, Randfakten zu ermitteln – deren Wichtigkeit durchaus zugestanden ist -, sondern man muß ernsthaft die >literaturwissenschaftliche Gretchenfrage< in Angriff nehmen: Welche wissenschaftlichen Argumente kann es geben, einen Text für ein bedeutendes Kunstwerk zu halten?
B. Dazu muß man ästhetische Urteile als Relationen zwischen Eigenschaften von Texten und Eigenschaften von Personen auffassen.
C. Diese Relationen müssen mit den Methoden untersucht werden, die dem üblichen Vorgehen in den empirischen Wissenschaften entsprechen.“

(Wolfgang Klein: „Wie ist eine exakte Wissenschaft von der Literatur möglich?“, in: Zeitschrift für Literaturwissenschaft und Linguistik, Nr. 137 (2005), S. 80-100. Hier: S. 97.)

Kleins Vorschlag für eine exakte Literaturwissenschaft wird dabei von einer beinahe naturwissenschaftlichen Vorstellung von Wissenschaft (und Wissenschaftlichkeit) getragen. Das kommt insbesondere darin zum Ausdruck, dass er bei diesem Projekt offenbar hofft, aus vielen tausenden empirischen Beobachtungen einige wenige „allgemeine Prinzipien“ (S. 98) zu destillieren. Das ist also genau die gleiche Vorstellung wie in der Naturwissenschaft, wo man sucht, viele einzelne empirische Beobachtungen auf ganz wenige Naturgesetze zu reduzieren. Kann man sich vorstellen, dass auch in der Literaturwissenschaft der Kern der Sache, das angestrebte Erkenntnisziel in einigen wenigen literaturwissenschaftlichen Grundgesetzen besteht? Was wüsste man dann mehr, wenn man diese kennen würde? Wenn sich hingegen herausstellen sollte, dass es diese literaturwissenschaftlichen Grundgesetzmäßigkeiten nicht gibt, dann wären wir nach Kleins Ansicht auf die „Position des völligen Relativismus zurückgeworfen“ (S. 98). Ich selbst verstehe ja Kleins Dramatisierung in diesem Punkt eigentlich nicht, schließlich erwarte ich von der Literaturwissenschaft nicht mehr, als dass sie mir interessante Dinge über Literatur erzählt; gleichzeitig sehe ich aber, dass neben Klein auch andere WissenschaftlerInnen Fortschrittsvorstellungen an die Literaturwissenschaft herantragen, die unter anderem zum Inhalt haben, dass man von der Gesellschaft als Wissenschaft ernst genommen werden möchte (d.h. mit ähnlichen Augen angesehen werden möchte wie andere Wissenschaften) und dass man einen Erkenntnisfortschritt von der Art anstrebt, dass man alte Ansätze definitiv hinter sich lässt und man sich also mit ihnen nicht mehr (außer aus wissenschaftshistorischem Interesse) weiter beschäftigen muss. Anders gesagt: Die Vorstellung von der Reduktion vieler tausender empirischer Einzelbeobachtungen auf einige wenige Natur- oder Strukturgesetze birgt ja den Wunsch von einer Art Quantensprung in der Erkenntnis in sich, also so etwas wie das Hegelsche Umschlagen von Quantität in Qualität. Man möchte irgendwann nicht mehr einfach nur das bestehende Wissen mehren, sondern aus all dem vorhandenen Wissen, einige Grundgesetze herausfiltern, die es einem erlauben, das gesamte bisher gesammelte Wissen in einem anderen Licht zu sehen. Erst dann, glaubt man, sei wirklich ein Erkenntnisfortschritt geschehen, (der von der Gesellschaft ernst genommen werden wird). Wolfgang Klein strebt mit diesem Artikel nach dem genannten Ziel, aber andere LiteraturwissenschaftlerInnen versuchen, wenn auch auf andere Weisen, durchaus auch dasselbe.

Wolfgang Kleins Artikel ist also sehr wissenschaftlich; schließlich möchte er ja noch wissenschaftlicher sein als die Literaturwissenschaft es bisher ist – und er zeigt diese seine wissenschaftliche Haltung, indem er die Literaturwissenschaft am exakten Maßstab der naturwissenschaftlichen Wissenschaftsvorstellung misst. Dabei fällt einem aber einiges als seltsam auf, wenn man Kleins Artikel als wissenschaftlichen Aufsatz betrachtet; es sind das vor allem folgende Texteigenschaften.

Was besonders auffällt an Wolfgang Kleins Artikel, ist:

1. dass er seine eigene Biographie ins Spiel bringt,
2. dass er in einem wissenschaftlichen Artikel „ich“ sagt
3. und dass er versucht, den Leser/die Leserin von seinem Anliegen zu überzeugen.

ad 1) Wer in einem wissenschaftlichen Aufsatz von sich selber erzählt

Der erste Punkt wirkt wie eine große Kuriosität: Klein erzählt am Anfang seines Artikels, wie er 1965 studieren wollte, nicht wusste, ob er eine Philologie oder Mathematik wählen sollte, zur Wahl nur einen Tag Zeit hatte (wieso hat er sich das nicht schon vor dem Abitur überlegt?) und sich schließlich für Germanistik und Romanistik entschied. Dann erzählt er, wie er 1966 Helmut Kreuzer kennen gelernt hat, einen der Herausgeber des Buches Mathematik und Dichtung, von dem er begeistert gewesen war, und wie Kreuzer Klein auf die Frage nach der Möglichkeit einer „exakten Literaturwissenschaft“ die Antwort gab, Klein solle diese Antwort selber finden. Die Versuche einer Grundlegung der Literaturwissenschaft als exakter Wissenschaft trugen jedoch nur einige Früchte in Kleins Leben, bevor sich dieser dem Studium der Linguistik zuwandte. Nun sind 40 Jahre vergangen, in denen Klein an dieser Frage nicht weitergearbeitet hat und sich ihrer nun in diesem Artikel – als Außenseiter, wie er versichert – wieder annimmt. Ich nehme an, man versteht, wenn ich all das erzähle, warum ich diesen Artikel als kauzig empfinde. Als naiv hingegen empfinde ich es, wenn ein Wissenschaftler meint, in einem wissenschaftlichen Aufsatz sei Platz, eigene Lebenserfahrungen vorzubringen (und aus diesen vielleicht sogar noch etwas Allgemeingültiges zu schließen) – zumindest sagt mir jene literaturwissenschaftliche Erziehung, die ich genossen habe, dass das unwissenschaftlich sei und dass man nicht durchkommen werde, wenn man das in einem wissenschaftlichen Aufsatz macht. (Aber vielleicht ist das für Naturwissenschaftler – zu denen offenbar auch Klein gehören will – kein solches Problem wie für Literaturwissenschaftler, wie ich sie kenne: Naturwissenschaftler machen ihre empirischen Experimente oder Beobachtungen, die sich in ihrer Gestalt so stark von den Erfahrungen oder persönlichen Erwägungen des Wissenschaftlers unterscheiden, dass gänzlich keine Verwechslungsgefahr besteht. Es macht deshalb nicht einmal etwas aus, wenn ein/e NaturwissenschaflterIn durch eine Erfahrung auf die Idee zu einem bestimmten wissenschaftlichen Ansatz gekommen ist, weil klar ist, dass dieser wissenschaftliche Ansatz und seine methodische Durchführung am Ende in sich nichts Subjektives mehr haben werden. Ebenso hat auch die Methode, die Klein vorschlägt, dann nichts zu tun mit seinem Studienbeginn und mit seiner Bekanntschaft mit Helmut Kreuzer. In der Literaturwissenschaft jedoch, in der großformatige, ausdifferenzierte Theoriekonzepte diskutiert werden, scheint die Erwähnung persönlicher Erfahrungen aus der eigenen Lebensgeschichte ganz ausgeschlossen werden zu müssen, weil sonst die Gefahr besteht, ein Theorieteil könnte in Wirklichkeit nicht logisch aus dem Theorieganzen, sondern aus dieser persönlichen Lebenserfahrung gefolgt oder gefolgert worden sein, was nicht sein darf – (aber hiermit sind wir schon in medias res des Themas, um das es mir hier geht.)

ad 2) Wer in einem wissenschaftlichen Aufsatz „ich“ sagt

Ebenso naiv erscheint es mir, wie Klein, häufig und mit vielen Verben des Meinens, Mutmaßens und Erwägens verbunden, in seinem Artikel „ich“ sagt. Das fällt mir natürlich insbesondere vor dem Hintergrund des Drucks auf, mit dem man versucht hat, mir die Verwendung dieses persönlichen Fürworts in meiner literaturwissenschaftlichen Ausbildung abzugewöhnen.

„Ich habe es vor vielen Jahren aufgegeben, literaturwissenschaftliche Interpretationen zu lesen, es sei denn, ich kenne und schätze die Autoren selbst. Darin liegt sicher eine gewisse Ungerechtigkeit gegenüber jenen, die >die dornichten Pfade< einer genauen, argumentativen und schlüssigen Analyse nicht gescheut haben, und vielleicht habe ich so Wesentliches übersehen. Aber sei es aus Unkenntnis oder weil es wirklich so ist – ich sehe jedenfalls nach wie vor nicht, wie man den Übergang von vielen kleinen, aber wesentlichen Fakten zu den großen Erklärungen schaffen soll, ohne die Genauigkeit zu opfern.
Ich will das Problem an einem einfachen Beispiel erläutern.“ (Ebd., S. 84)

Also ich verwende das Wort „ich“ ja auch zu häufig für den Geschmack der WissenschaftlerInnen, aber was Klein in oben stehendem Zitat macht, das würde selbst ich mir nicht trauen. Dabei zweifle ich nicht daran, dass es sich bei ihm um einen älteren, verdienstvollen Wissenschaftler handeln wird, der Dinge darf, die ich nicht darf – das oben stehende Zitat schlägt aber dennoch dem Fass den wissenschaftlichen Boden aus, jedenfalls, wenn man danach geht, wie ich an der Universität gelernt habe, was Wissenschaft ist: Denn Klein verwendet das Wort „Ich“ ja nicht nur dazu, um die Reichweite seiner Aussagen zu beschränken oder die Perspektive zu spezifizieren, aus der er spricht, sondern er macht Bekenntnisse über seine eigene Lebenspraxis und gibt dabei zu, dass er etwas NICHT GELESEN hat! Unkenntnis in der Wissenschaft zuzugeben ist eine schwere Sünde und wird gewöhnlich (so meine Erfahrung) mit einer schlimmen Rüge bestraft, aber Klein geht ja jetzt sogar noch weiter und setzt auf seine Unkenntnis noch etwas Weiteres drauf: Er sagt nämlich, es könnte aus Unkenntnis sein, aber er sehe nicht, wie man den Übergang von den kleinen Fakten zu den großen Erklärungen schaffen soll. Das ist, als wollte er mit der Literaturwissenschaft in einen Dialog treten: „Liebe Literaturwissenschaft, ich als Außenstehender weiß das nicht so genau, aber falls in dem Bereich schon ein Durchbruch gelungen ist, so teil es mir doch bitte umgehend mit!“ Ich kann mir den Rüffel vorstellen, den ich (oder auch irgendein anderer Student oder Doktorand) bekommen würde, der so etwas in einem wissenschaftlichen Aufsatz formuliert: „Wenn man nicht weiß, ob es etwas Bestimmtes in der Wissenschaft schon gibt oder noch nicht, dann informiert man sich zuerst über den aktuellen wissenschaftlichen Forschungsstand, bevor man einen wissenschaftlichen Aufsatz schreibt, damit man sich nicht völlig blamiert!“
Nur um das klarzustellen, ich spreche hier über den Maulkorb der Selbstzensur, den ich um meinen eigenen Unterkiefer fühle. Dieser existiert, und das erkennt man z.B. daran, dass ich das Wort „ich“ in wissenschaftlichen Texten zwar verwende, aber z.B. niemals, um Glauben, Meinen oder Vermuten zum Ausdruck zu bringen, weil ich weiß, dass die Wissenschaft sagt: „Glauben heißt: nichts wissen!“ Ich versuche also bei meinen Behauptungen und Schlüssen zu erreichen, dass sie schlüssig aus dem vorher Ausgeführten folgen und beschränke mich beim „ich“ auf den Ausdruck von Handlungen, von denen ohnehin jeder sieht, dass ich sie vollziehe: Also „ich spreche“, „ich beziehe mich auf“, „ich benütze“ und so weiter. Vor solchen Sätzen wie den folgenden von Wolfgang Klein hat mir allerdings die Wissenschaft ein großes „Stopp“-Schild aufgestellt:

„Vielleicht ist ja das Exakte, ist ja die Wissenschaft in der Tat unser Verderben, ein Irrweg, Vivisektion des Schönen, das unser Herz berührt. Wer dies glaubt, sollte nicht den Weg der exakten Wissenschaften gehen. Ich glaube es aber nicht. Ich glaube eher, daß wir >die Feinheit und Strenge der Mathematik in alle Wissenschaften hineintragen [müssen]...“ (Ebd., S. 99)

Sieht man den Widerspruch, den performativen Selbstwiderspruch, den ich hier sehe und der mich verwirrt: Hier spricht jemand davon, die Literaturwissenschaft noch wissenschaftlicher machen zu wollen, als sie es bisher ist (er hat einen ganz hohen, ganz strengen Anspruch), und er begründet das damit, dass er „eher glaubt“, dass man das tun muss. Hier wäre es doch eher angebracht, es lückenlos zu argumentieren, warum in diese Richtung gegangen werden muss und alles Glauben außen vor zu lassen.
Heutige LiteraturwissenschaftlerInnen aber verwenden das Wort „ich“ eigentlich auch nicht so, wie ich das tue, sondern sie verwenden es an und für sich gar nicht in ihren wissenschaftlichen Texten (und so wurde es auch mir beigebracht, dass man es halten sollte). Beispielhaft führt das z.B. die Grazer Literaturwissenschaftlerin Hildegard Kernmayer durch: In ihrem Artikel über die subversive Poetik Marie-Thérèse Kerschbaumers habe ich genau ein „ich“ von der Autorin des Artikels gefunden, und auch das hätte sie ohne Mühe noch vermeiden können:

„In der Privilegierung der Metonymie erkennen sie gleichzeitig die Privilegierung der 'Uneigentlichkeit’ im intersubjektiven Symbolischen. 'Metonymie’ – ich referiere Barbara Lersch – bezeichnet dabei nichts anderes als eine 'Ersetzungsrelation’.“

(Hildegard Kernmayer: „Der weibliche Name des Widerstands. Zu Marie-Thérèse Kerschbaumers Poetik des Subversiven“, in: Joanna Drynda (Hg.): Die Architektur der Weiblichkeit. Identitätskonstruktionen in der zeitgenössischen Literatur von österreichischen Autorinnen. Wydawnictwo „Rys“, Posen 2007. S. 64.)

Durch die gezwungene Vermeidung des „ich“ in wissenschaftlichen Texten entsteht der typisch wissenschaftliche Stil (in der Literaturwissenschaft), der darin besteht, dass Dinge (oder Verben in der Infinitivform) zu lebendigen Wesen gemacht werden, die verschiedene Tätigkeiten ausführen:

„Angesichts von Marie-Thérèse Kerschbaumers Technik des Erzählens (oder des Berichtens?), die auch noch in späteren Texten der Autorin zur Anwendung kommt, erfährt auch der im Titel verwendete Begriff des Widerstands eine Bedeutungserweiterung. Er verweist damit nicht mehr nur auf das Engagement von Frauen im Widerstand gegen den Nationalsozialismus, sondern mit ihm wird auch ein Schreiben bezeichnet, das in der Verweigerung der herkömmlichen Regeln der Literaturästhetik selbst widerständisch ist. Diese Verweigerung ist vorerst freilich stofflich motiviert. Bereits die 'Logik des Erinnerns’ verbietet die Herstellung einer vordergründigen Ordnung des Erinnerten. Darüber hinaus entzieht sich der Text damit aber auch einem Lesen, das „sich in eine Geschichte begeben und darin dann bewegen möchte“[...]“ (Ebd.: S. 60-61)

Ich zitiere Hildegard Kernmayer hier nur, weil sie das wissenschaftliche Schreiben, wie ich es kenne und wie ich gelernt habe, dass es sein soll, in vorbildlicher Manier beherrscht – und wir sehen in diesem Zitat, worin es besteht: Es gibt hier einen Titel, der auf etwas verweist; eine Verweigerung, die stofflich motiviert ist; eine Logik, die etwas verbietet und schließlich einen Text, der sich einem Lesen entzieht. – Damit muss man auch erst einmal leben können, dass man die Dinge in der Weise zum Leben erweckt und sie Dinge tun lässt, die sonst nur Menschen (oder zumindest Lebewesen) tun können. Außerdem kann man sich die Frage stellen, wie wissenschaftlich (im Sinne von exakt) diese Sprechweise wirklich ist (eigentlich wirkt sie eher magisch)? Wenn sich z.B. ein Text einer bestimmten Art von Lektüre „entzieht“, wie müsste ich den Satz umformulieren, wenn ich ihn mit einem „ich“ beginnen wollte? Er müsste dann wohl völlig anders aussehen, und vielleicht wäre er dann auch genauer, weil ich mir überlegen muss, was ich dabei konkret tue und in welcher Weise mir der Text dabei ein Hindernis ist? (Diese Bemerkungen sollen auch darauf aufmerksam machen, dass bei Vermeidung des „ich“ in wissenschaftlichen Texten bereits viele eingeschliffene Formulierungen bereitstehen, die es erlauben, sich elegant über etwaige inhaltliche Schwierigkeiten hinweg zu schwingen.)

„Diese [die écriture féminine, also das weibliche Schreiben, Anm. H.H.] unterlaufe – so die poststrukturalistische feministische Kritik – die symbolische Ordnung (das Gesetz des Vaters), indem sie die verdrängte präödipale Phase aktiviere und damit die Signifikanten, also die materielle, körperliche Dimension der Sprache, aus der Umklammerung durch die Signifikate befreie.“ (Ebd., S. 63)

Hier unterläuft das weibliche Schreiben etwas, dann aktiviert es etwas und dann befreit es etwas. Wissenschaftliches Schreiben erscheint mir tatsächlich oft als ein hemmungsloses Verbinden von Dingen mit den verschiedensten Verben, wobei eigentlich nie die Rückfrage danach auftaucht, ob ein bestimmtes Verb in seiner eigentlichen oder in übertragener Bedeutung verwendet worden ist. Oft ist es auch so, dass die eleganteste Formulierung genau deshalb elegant wirkt, weil sie im Grunde nicht funktioniert, d.h. weil das Verb etwas tut, das das Satzsubjekt in keiner möglichen Vorstellungshinsicht tatsächlich tun könnte. Titel können ja auf etwas verweisen, hier liegt nicht einmal noch eine uneigentliche Wortverwendung vor, Texte können so halb und halb sich einer Lektüre entziehen oder jemanden oder etwas von etwas befreien, wobei man sich hier auch schon andere Fälle vorstellen kann (z.B.: dass die Lektüre wohl nicht fest genug zugepackt hat, wenn sich der Text ihr entzieht), aber dann gibt es gewiss auch noch andere Handlungen oder Tätigkeiten, welche Dinge und Sachverhalte (die an sich überhaupt nicht handeln, sondern bewegungslos daliegen) beim besten Willen und dem höchsten Einsatz von Vorstellungskraft nicht mehr zu bewältigen imstande sind.
Außerdem erscheint eine solche substantivierende Rede auch deshalb als ziemlich ungenau, weil man sich fragt, wenn ein Text sich einer Lektüre entzieht, ob das wirklich so vollmundig gemeint ist, also ob es sich um die Lektüre aller Menschen handelt oder doch nur um diejenige bestimmter Menschen – und so könnte man sich weiter danach fragen, wie wissenschaftlich (im Sinne von exakt) die wissenschaftliche Rede- und Schreibweise eigentlich ist, aber bei alldem ist doch bekannt, wie sie ist und wie sie auszusehen hat. Und die Wissenschaft selbst ist ja sicherlich auch der Überzeugung, dass die wissenschaftliche Ausdrucksweise exakt ist, auch wenn ich da als kleines Individuum daran meine Zweifel habe, sodass ich mir eigentlich nicht erklären kann, wie diese Vorstellungen, wie wissenschaftliches Schreiben auszusehen hat, nicht bis zu Wolfgang Klein haben durchdringen können, der sich in seinem Artikel, wie soll ich sagen, so erfrischend anders ausdrückt, als man es sonst von wissenschaftlichen Texten gewohnt ist.

ad 3) Wer in einem wissenschaftlichen Aufsatz seine Leser von etwas überzeugen will

Erfrischend anders wirkt sein Artikel auch deswegen, weil man darin spürt, wie er sich dem Leser/der Leserin zuwendet und ihn/sie von seinem Anliegen zu überzeugen versucht. Wissenschaftliche Texte wenden sich ja an und für sich nicht an die Vernunft des Lesers und versuchen auch nicht, ihn zu überzeugen. Wolfgang Klein rechtfertigt seine Überzeugungsbemühungen damit, dass es in der Wissenschaft nicht so sein sollte, dass man an einige gelehrte Experten glaubt, sondern so, dass man für eine jede geäußerte Ansicht Argumente verlangt.

„Die Antwort [auf Kleins >Gretchenfrage der Literatur<, Anm. H.H.] kann nicht darin bestehen zu sagen „Ich, ein vorzüglicher Kenner der deutschen Literatur, eine Person von vorzüglichem Geschmack, sage es euch.“ Das mag genug sein für jene, die an Literaturpäpste, an gelehrte Gurus, an heilige Männer und Frauen glauben. Aber in den Wissenschaften möchte man wissen, worauf sich eine solche, eine jede Ansicht stützt, und man möchte dafür abgesicherte Argumente sehen.“

(Wolfgang Klein: „Wie ist eine exakte Wissenschaft von der Literatur möglich?“, S. 98)

Hierin besteht an und für sich auch das Grundverständnis der Behauptung, wonach es in der Wissenschaft um die Vernunft gehen sollte: dass sich eine jede wissenschaftliche Behauptung argumentativ belegen lässt. Dennoch wirkt es veraltet, dass der Autor eines wissenschaftlichen Texts sich an den Leser wendet und ihn zu überzeugen versucht. Aus diesem Grund habe ich für meine Zwecke das „philosophische Gespräch“ so bestimmt, dass darin ein Mensch sich an den anderen wendet mit dem Ziel, ihn mit logischen Argumenten zu überzeugen, wobei als oberste Regel gilt: Es gilt nur das, was auf dem Tisch liegt! Denn in wissenschaftlichen Diskussionen hat man sich eigentlich immer eher einer anderen Diskussionsstrategie mir gegenüber bedient, nämlich, mich mit Büchern zu „erschlagen“, die ich nicht gelesen hatte. Und sobald ich dasjenige Buch, das man angeblich unbedingt gelesen haben musste, gelesen hatte, „erschlug“ man mich mit einem weiteren bislang von mir nicht gelesenen Buch und brachte mich auf diese Weise zum Schweigen. Das ist eine Diskussionsweise, die in der Wissenschaft angehen mag, dachte ich da, aber in der Philosophie ist sie sicher nicht zulässig, weil es beim Philosophieren ja nicht in erster Linie um die Wahrheit geht (um die geht es erst in zweiter Linie), sondern ums Überzeugen des Gesprächspartners: Wichtig ist beim Philosophieren in erster Linie, mit welchen Überzeugungen die Gesprächspartner aus ihrem philosophischen Gespräch weggehen, denn mit diesen Überzeugungen müssen sie fortan leben (und beim Philosophieren dreht es sich ja ums Leben oder um die persönliche Lebensgestaltung). In der Wissenschaft hingegen geht es nur um die Wahrheit, das heißt, es ist völlig egal, was oder wie irgendjemand denkt oder ob das, was er denkt, ihm im Leben hilft – deshalb, so mein Schluss, braucht man ihn auch nicht zu überzeugen, und die Diskussionsmethoden können ebenfalls ruhig ein bisschen härter und auch unfairer sein.
Es geht also beim wissenschaftlichen Diskutieren im Normalfall nicht darum, dass man den anderen Menschen in seinem Denken beeinflussen will, deshalb wendet man sich von vornherein nicht an ihn, um ihn zu überzeugen. Es gibt aber noch einen wesentlicheren Grund, warum man sich heute in einem wissenschaftlichen Text nicht mehr an den Leser wendet, um ihm die eigenen Argumente zur Beurteilung durch seine Vernunft vorzulegen – und dieser Grund ist einer, den auch heute viele Menschen (und auch viele StudentInnen und sogar universitäre LehrerInnen) wahrscheinlich noch nicht bedacht haben. Der traditionelle Grund, warum man sich an den Leser, an sein vernünftiges Urteil wandte, war ja, wie es auch Klein so versteht, die Notwendigkeit der Überprüfbarkeit der eigenen wissenschaftlichen Behauptungen durch andere Mitglieder der wissenschaftlichen Gemeinschaft – andernfalls man an einige heilige Männer oder Frauen, die die Wahrheit haben, glauben müsste. Warum also wenden sich heutige WissenschaftlerInnen (vor allem in den Geisteswissenschaften) in ihren wissenschaftlichen Texten nicht mehr an ihrer LeserInnen, um diese von ihren Argumenten zu überzeugen und bemühen sich auch gar nicht mehr um deren Aufmerksamkeit?
Der Grund dafür liegt darin, dass der einzelne Mensch zwar vielleicht mehr oder weniger vernünftig, aber nicht theoriegeleitet denkt. Die heutigen WissenschaftlerInnen (und vor allem auch die LiteraturwissenschaftlerInnen) sind aber von der Qualität und der größeren Wahrheit ihrer wissenschaftlichen Ausführungen deshalb überzeugt, weil sie in ihren Forschungen einer größeren Theorie folgen, die ihr Denken systematisiert und professionalisiert. Das will sagen: Wenn man AnhängerIn des Strukturalismus, des Poststrukturalismus, der Hermeneutik oder der feministischen Literaturtheorie z.B. ist, dann spricht man im Namen von etwas Größerem, das hinter einem steht – und dann ist es ganz einfach nicht mehr möglich, dass man seinem/r LeserIn EINZELNE Argumente zur vernünftigen Beurteilung vorlegt, wie man es in einem vernünftigen Gespräch tun würde. Das ist deshalb nicht möglich, weil eine große geisteswissenschaftliche Theorie nicht aus einzelnen vernünftigen Argumenten besteht, sondern ein Ganzes ist, das sich nicht auseinander reißen lässt. Eine große Theorie muss man als ganze annehmen oder als ganze ablehnen, man kann aber nicht einzelne ihrer Argumente als vernünftig oder nicht beurteilen, weil einzelne Argumente sie nicht ausmachen.
Es ist somit nicht (mehr) möglich, dass sich ein Wissenschaftler an seinen Leser wendet und zu ihm sagt: „Mein Argument, warum man dieses und jenes tun sollte, ist dieses. Was hältst du davon?“ – weil Wissenschaft sich nicht auf dieser (vernünftigen) Ebene abspielt. Hingegen gilt den heutigen Wissenschaftlern das Erwägen einzelner Argumente wegen der fehlenden Abstützung derselben durch eine größere Theorie wie auch wegen der fehlenden Systematik eines solchen argumentativen Denkens als – unwissenschaftlich! Was Wolfgang Klein in seinem Artikel macht, ist also, demnach wie ich gelernt habe, was Wissenschaft ist, unwissenschaftlich.
Hieraus ergibt sich ein Paradoxon, weil Klein doch wissenschaftlicher sein will als die Literaturwissenschaft es bislang ist und diese Wissenschaftlichkeit in denjenigen Argumenten sucht, welche eine jede geäußerte Ansicht absichern. Ein solches Verständnis von Wissenschaft aber, habe ich dargestellt, ist unwissenschaftlich, weil es auf der Ebene einzelner Argumente bleibt, während die Wissenschaft heute ihr Heil in großen Theorien sucht, welche systematisches Denken garantieren. Wenn das aber so ist, dass man für wissenschaftlich nur ein solches Denken hält, welches ausgehend von einer Theorie und innerhalb derselben denkt, dann ist die Absicherung einzelner Ansichten oder Behauptungen durch einzelne Argumente nicht mehr länger möglich, weil ja ein jedes einzelne Argument seine inhaltliche Bedeutung erst gewinnt durch den Platz, welcher ihm in der gesamten Theorie zugewiesen ist. Man kann in dem Fall also nicht länger einzelne Punkte erwägen und begründen; im Gegensatz dazu steht die Kohärenz des Theorieganzen im Vordergrund, denn mit dem Fortbestand der Theorie als Ganzem in der Zukunft steht und fällt auch der Wert der eigenen Forschung (und des eigenen wissenschaftlichen Aufsatzes). Ob aber der Strukturalismus oder der Poststrukturalismus, die feministische oder die marxistische Literaturtheorie, die Hermeneutik oder die Theorie vom kollektiven Gedächtnis stehen oder fallen, das sind Glaubenssachen. Bei diesen großen Theorien bleibt einem als Individuum tatsächlich nichts anderes übrig, als an sie zu glauben, denn sie sind so groß und komplex, und es ist soviel über sie geschrieben worden, dass man sie als Einzelner nicht völlig überblicken kann, ebenso wie man es oft nicht einmal abschätzen kann, ob eine bestimmte von diesen Großtheorien ihre Anhänger noch hat oder ob sie ihr schon abhanden gekommen sind. Wären sie ihr abhanden gekommen, dann wäre sie offenbar „widerlegt“ – aber offenbar nicht auf argumentativem Wege, sondern durch eine Art „Abstimmung mit den Füßen“, durch die Mehrzahl der WissenschaftlerInnen also, die sich entschlossen haben, nicht länger an sie zu glauben.
Oder, um das Paradoxon in kürzerer konziserer Weise zu formulieren: Es gibt grundsätzlich zwei Vorstellungen von der Wissenschaftlichkeit der Wissenschaft: Die einen behaupten so wie Wolfgang Klein, Wissenschaft bestehe darin, dass man eine jede behauptete Ansicht durch Argumente begründet, damit man nicht an Gurus glauben muss; die andere Gruppe glaubt an den größeren Wahrheitsgehalt von Theorien und theoriegeleitetem Denken und Forschen gegenüber dem Nachdenken über einzelne vernünftige Argumente. Das Paradoxon besteht darin, dass sich eine jede Gruppe der anderen gegenüber überlegen fühlen kann: Die zweite Gruppe der ersten gegenüber, weil sie sagen wird: „Was ihr praktiziert, ist unsystematisches, dilettantisches Denken!“ – und die erste Gruppe der zweiten gegenüber, weil sie sagen kann: „Bei euch läuft es darauf hinaus, dass man einzelne Argumente nicht mehr vernünftig nachprüfen kann, weshalb man an das Theorieganze glauben muss – oder auch an einzelne Gurus, deren Namen mit den jeweiligen Theorien verbunden sind (Marx, de Saussure, Lévi Strauss, Judith Butler, Derrida etc.) und bei denen man darauf vertraut, dass sie auf jeden die Theorie gefährden könnenden Einwand eine Antwort bereit haben und deren Texte man aus diesem Grund wie heilige Bücher liest und sie als unerschöpfliche Quellen betrachtet, in welchen sich immer wieder etwas finden wird, das die Theorie stützt, sodass man auch weiterhin an sie glauben kann.
Tatsächlich ist es so, dass man heute unter einer Theorie ein großes, mehr oder weniger geschlossenes Ganzes versteht. Es hat aufgehört, dass man, wenn jemand sagt, dass er eine „Theorie“ habe, dahinter nur einige einzelne theoretische Betrachtungen vermutet – hingegen stellt man sich beim Wort „Theorie“ heute automatisch ein größeres, ausgearbeitetes, differenziertes und in sich kohärentes Theorieganzes vor. Ich weiß nicht genau, wann diese Entwicklung eingesetzt hat, dass man der Theorie diesen Stellenwert und diese Seinswürde zugebilligt hat, wie ich es im Laufe meiner literaturwissenschaftlichen Ausbildung kennen gelernt habe. Aber es ist geschehen, und man argumentiert deshalb heute nicht mehr so, wie Klein das tut, indem er seine Leser von der Sinnhaftigkeit seines Projekts zu überzeugen versucht, sondern indem man eine Theorie vorstellt, deren einzelne Räume man gleichsam in den verschiedenen Teilen seines wissenschaftlichen Textes vor den Augen der Leser einrichtet. Diese größere epistemologische Würde der Theorie wird gemeinhin, wie ich ausgeführt habe, mit theoriegeleitetem und deshalb systematischen Denken gerechtfertigt – was aber die Leute, die Anhänger von wissenschaftlichen Theorien sind, immer übersehen, ist: Auf der Ebene der Theorie gibt es keine Kommunikation mit dem Leser/der Leserin mehr, weil ja seine oder ihre Argumente nicht (mehr) gefragt sind. Wer (in den Geisteswissenschaften und in der Literaturwissenschaft) aus einer Theorie heraus argumentiert, erkennt den Leser/die Leserin als DiskussionspartnerIn nicht an, weil dieser oder diese ja höchstens einzelne Argumente vorbringen könnte, die aus seiner oder ihrer Sicht der Dinge entspringen, einzelne Argumente aber in einer Theorie nichts entscheiden können, weil eine Theorie gerade zu dem Zweck geschaffen wurde, um in der Beurteilung von Behauptungen nicht von einzelnen (möglicherweise vernünftigen) Argumenten abzuhängen, sondern sie aus der größeren Vernunft einer systematischen Weltsicht heraus besser (besser als vernünftig, wenn das möglich ist; aber die Vorstellung ist zumindest diese) beurteilen zu können.

Das muss man begreifen, um den Charakter der heutigen Geisteswissenschaften verstehen zu können (ebenso wie die Notwendigkeit des Todes des „ich“ in heutigen wissenschaftlichen Texten). Wendet sich heute ein/e WissenschaftlerIn an dich, um dir einen wissenschaftlichen Sachverhalt darzustellen, so sagt er/sie damit zugleich eigentlich: „Ich will deine Argumente gar nicht hören, denn ich bin nicht bereit, mich mit einzelnen Argumenten (mit Argumenten von dir, die einzelne sind, weil du nur aus deiner Vernunft heraus sprichst und nicht mit einer größeren Theorie im Hintergrund) auseinanderzusetzen. Ich setze mich höchstens mit einem ganzen Verbund von Argumenten auseinander. D.h.: ich spreche nicht mit dir, sondern ich bin nur bereit, mit einer (anderen) Theorie (respektive dem Vertreter einer Theorie) als Gesprächspartner zu sprechen.“
Zumindest ich verstand das lange Zeit nicht, als ich als junger Student an die Universität Wien kam und dort bereit war, mich in vernünftiger, argumentativer Weise mit den dort unterrichtenden Menschen und ihren Inhalten auseinanderzusetzen und auf dem Wege der Enttäuschung lernen musste, dass diese nicht bereit waren, sich mit mir auseinanderzusetzen. Ich musste also lernen, dass es an einer Universität um vernünftige Argumente oder um die Vernunft gar nicht geht, weil die dort unterrichtenden Wissenschaftler dem Glauben anhängen, dass vernünftiges Denken subjektiv ist, weil es unsystematisch und nicht theoriegeleitet ist! Wolfgang Klein scheint, danach sieht zumindest sein Artikel aus, zu seiner Zeit dieser „Borniertheit in der Theorie“, welche die Wissenschaftler unzugänglich für (vernünftige) Argumente von außen (von außerhalb der Theorie) macht, in seinem Leben noch nicht begegnet zu sein. Aus diesem Grund wirkt es so rührend naiv, wenn er sich an den Leser/die Leserin wendet und ihn/sie ernsthaft von seiner Vision für die Literaturwissenschaft überzeugen will. Man kann sich nur vorstellen, wie eine solche Rede an heutigen LiteraturwissenschaflterInnen abprallen muss. Diesen muss eine solche Redeweise unerträglich subjektiv und unwissenschaftlich erscheinen. Wolfgang Kleins Artikel hinwiederum hat mich daran erinnert, dass die wissenschaftliche Ausdrucksweise der heutigen LiteraturwissenschaftlerInnen vernünftigen Argumenten eigentlich tatsächlich nicht zugänglich ist, weil diese ihr Heil im Theoriesystem sucht und deshalb erneut wieder auf dem Glauben (an die Theorie oder an die Gurus, die vorgeben, die Theorie am tiefsten zu durchschauen) beruhen muss. In dieser Hinsicht ist der wissenschaftliche Schreibstil der heutigen Literaturwissenschaftler also tatsächlich unwissenschaftlicher (weil Argumenten von kritischen Individuen unzugänglich, vor denen die Theorie im Verständnis als ganzes Theoriesystem sie immunisiert) als der Wolfgang Kleins, während er sich gleichzeitig für wissenschaftlicher (im Sinn von systematischer, objektiver, theoriegeleiteter) hält.
Für mich als einer Person, der es weit mehr am Herzen liegt, was die (einzelnen) Menschen von der Wissenschaft lernen können als die Wissenschaft selber, ist klar, wem von beiden Seiten in diesem Streit meine Sympathie gilt, aber ich muss dennoch sagen, dass man angesichts der heute herrschenden Umstände und Erwartungshaltungen in den geisteswissenschaftlichen Diskursen nicht so (treuherzig und ehrlich) diskutieren kann wie Wolfgang Klein das tut. Das ist wie ins offene Messer zu laufen. Wenn man trotz allem, woran die GeisteswissenschaftlerInnen heute glauben, darauf besteht, argumentieren zu wollen und darauf, dass Wissenschaft letzten Endes ihr Fundament in der Absicherung durch Argumente hat, den Glauben an die höhere Würde der Theorie als System in der Erkenntnis missachtend, dann muss man dabei doch berücksichtigen, dass es diesen Glauben ans Theoriesystem gibt (und den Glauben daran, dass einzelne Argumente, die von Individuen allein aus ihrem Denken heraus generiert werden, subjektiv und völlig wertlos in der wissenschaftlichen Diskussion sind) und einen Diskussionsstil entwickeln, der die Mentalität der heutigen GeisteswissenschaftlerInnen, denen mit Vernunft nicht beizukommen ist, in seine Haltung miteinbezieht, mit ihr spielt und aus der Vogelperspektive auf sie draufschaut, aber sich jedenfalls keine unnötigen Schwächen gibt.

Zum Inhalt des Artikels: Wer etwas über die Schönheit literarischer Texte erfahren will und dann zugibt, dass Schönheit kein objektives Merkmal literarischer Texte ist

Wenn ich mich nun dem Inhalt von Kleins Artikel zuwende, so erscheint mir seine Grundfrage an die Literaturwissenschaft liebenswürdig verschroben: Wolfgang Klein möchte allen Ernstes wissen, warum ein bestimmtes Gedicht gut oder schön ist, oder besser oder schlechter als irgendein anderes Gedicht. Er zitiert zu diesem Zwecke (S. 84) zwei Gedichte, eines von Schiller und eines von Hölderlin und sagt dazu:

„Wir wissen seit langem unendlich viel über Schiller [...] Wir wissen vergleichbar viel über Hölderlin [...] Was hilft uns all dieses Wissen bei der Antwort auf die Frage, auf die einzig wesentliche Frage, weshalb das erste der beiden folgenden Gedichte ein schlechtes Gedicht ist, das zweite aber eines der größten Kunstwerke deutscher Sprache.“ (Ebd., S. 84)

Für mich überraschend war dabei außerdem noch, dass er bei beiden Gedichten den Titel weglässt, so als ob der Gedichttitel nicht wesentlich zum Gedicht dazugehörte. (Überhaupt scheint es mir bei Hölderlins Gedicht „Hälfte des Lebens“ (das ist das zweite) so zu sein, dass es die Hälfte des Eindrucks, den es macht, aus dem Vergleich des Titels mit dem Gedichtinhalt gewinnt.) Das aber nur am Rande; die eigentliche Frage aber ist, ob eine solche Betrachtungsweise der Literatur und ein solcher Anspruch an die Literaturwissenschaft („die einzig wesentliche Frage“) aus heutiger Perspektive nicht völlig atavistisch erscheint? Wer von den LiteraturwissenschaftlerInnen stellt eigentlich heute noch diese Frage, warum ein literarischer Text schön oder erhaben?
Raus läuft das Ganze auch bei Wolfgang Klein jedoch wiederum darauf, dass die Literaturwissenschaft nicht erklärt, was an literarischen Texten schön ist, sondern dass sie die Wirkung von bestimmten Texteigenschaften literarischer Texte auf bestimmte Menschen mit bestimmten Eigenschaften zu erhellen sucht. Das ist so, weil ästhetische Eigenschaften laut Klein relational sind

„Ästhetische Eigenschaften sind relational – es sind nicht objektive Eigenschaften von Texten, sondern es sind Relationen zwischen sprachlichen Gebilden und Personen, genauer gesagt, Relationen zwischen Eigenschaften von sprachlichen Gebilden und Eigenschaften von Personen. Diese Relationen aber kann man mit wissenschaftlichen Mitteln untersuchen.“ (Ebd., S. 86)

Oder: „Schön, erhaben, bewegend, langweilig, anödend – all dies sind nicht Eigenschaften eines Textes, sondern Relationen zwischen einem Text und einer Person, die an bestimmte Eigenschaften des Textes anknüpfen.“ (Ebd., S. 92-93)

Diese Herangehensweise erscheint also wieder als ganz normal, nur dass heutige LiteraturwissenschaftlerInnen im Gegensatz zu Klein wohl sagen würden, sie untersuchten eben nicht literarische Texte daraufhin, ob sie schön sind, weil „Schönheit“ keine objektive Texteigenschaft sei, sondern sie untersuchten anstatt dessen die Rezeption bestimmter Texte durch bestimmte Menschengruppen. Wolfgang Klein hingegen scheint dieser Unterschied nicht aufzufallen, dass er am Anfang seines Artikels sich eine Antwort auf die Frage wünscht, „wieso dieses Gedicht große Literatur ist, wieso es schön, erhaben, bewegend ist, weshalb es die Wirkung auf unser Gemüt hat, die es hat, wenn man begreifen will, was uns ergreift [...]“ (S. 81) und sie zur Kardinalfrage der Literaturwissenschaft erklärt (die nur dann zur exakten Wissenschaft werden könne, wenn sie die Subjektivität im Urteilen in diesem Bereich überwinde) und im weiteren Fortgang seines Artikels aber eine Untersuchungsmethode vorschlägt, die davon ausgeht, dass Schönheit keine Texteigenschaft sei. Er wird also, selbst wenn seine Untersuchungsmethode durchgeführt wird, mit ihr niemals erfahren, warum ein Gedicht schön oder warum es ein gutes Gedicht ist (und auch nicht, warum es „eines der größten Kunstwerke deutscher Sprache“ ist), sondern er wird höchstens erfahren, wie es auf bestimmte Menschen oder Menschengruppen wirkt – und damit wird er im Grunde auch weniger über das Gedicht selber herausfinden als über die sozialen und kulturellen Eigenschaften der Menschen, die auf diese Weise untersucht werden.
Der Artikel von Klein funktioniert also auch inhaltlich – leider – gar nicht, wenn es auch so ist, dass Klein bei seinem phantastischen Ansinnen herauszufinden, wo in literarischen Texten die Schönheit wohnt, nicht bleibt, sondern in gewohntere rezeptionsästhetische oder kulturwissenschaftliche Untersuchungsweisen einschwenkt. Allerdings muss man auch hier sagen, dass die Überlegungen, die er in dieser Richtung anstellt, so aussehen, als wäre er mit den Forschungen des französischen Soziologen Pierre Bourdieu nie in Berührung gekommen. Tatsächlich hat Bourdieu mit seiner Studie über den Kulturgebrauch der französischen Gesellschaft in den 1970er Jahren Die feinen Unterschiede die mageren Überlegungen Kleins aus dem Jahr 2005 schon weit übertroffen, und sicherlich sind auch viele Studien aus dem Bereich der Cultural Studies und literaturwissenschaftliche Studien, die mit aktuellen Methoden arbeiten, schon viel weiter als die paar Anregungen, die Klein in seinem Artikel gibt.

Schlussbemerkung über den Wunsch nach einer Literaturwissenschaft als exakter Wissenschaft

Aus dieser Analyse seines Artikels heraus stellt sich die Frage: Warum wünscht sich Wolfgang Klein überhaupt, dass die Literaturwissenschaft eine exakte Wissenschaft sei? Denn mit der von ihm vorgeschlagenen Untersuchungsmethode wird er die Antwort auf die von ihm gestellte Frage nach der Schönheit und Erhabenheit von literarischen Texten nie finden. Ich weiß auch nicht, warum sich irgendjemand wünschen könnte, dass die Literaturwissenschaft eine exakte Wissenschaft sein soll – höchstens vielleicht aus dem Grund, weil ihm die Beschäftigung mit Literatur nicht genügt? Jedoch möchte ich an dieser Stelle zwei Zitate von Wolfgang Klein bringen, denen ich uneingeschränkt zustimmen kann und die die Frage nach der Wissenschaftlichkeit der Literaturwissenschaft meiner Meinung nach eigentlich ausreichend konturieren. Das erste Zitat betrifft jene Punkte, in denen die Literaturwissenschaft bestimmt eine exakte Wissenschaft ohnehin schon ist:

„[...] in vielem ist die Literaturwissenschaft eine außerordentlich präzise Wissenschaft. Das gilt für die Textphilologie, für die Druckgeschichte, für biographische Angaben über Autoren, über die Quellen ihrer Werke, über ihren zeitgeschichtlichen Hintergrund, über Plagiate, stillschweigende Zitate, und vieles mehr.“ (Ebd., S. 83)

Ich weiß zwar nun nicht, inwieweit die Literaturwissenschaft in diesen Bereichen tatsächlich „präzise“ ist, aber ich glaube zumindest, dass man in diesen Bereichen sinnvollerweise versuchen kann, genau zu sein – und im Gegensatz zu Klein glaube ich nicht, dass das Ergebnis dieser literaturwissenschaftlichen Forschungstätigkeit nur als „Randfakten“ (S. 83). zu bezeichnen ist Das zweite Zitat betrifft in gewisser Weise das Ziel der Literaturwissenschaft beziehungsweise jene Dienstleistung, die sie der Gesellschaft und ihren Bürgern anbieten kann:

„Die Rolle einer Interpretation ist es letztlich, das Weltwissen des Lesers zu ändern. Dies ist auch der Grund, weshalb eine Interpretation wie die in Abschnitt 1 auszugsweise zitierte so unbefriedigend ist: sie vermittelt kein Wissen.“ (Ebd., S. 91, Fußnote)

Auch dies ist für mich eine Aussage mehr darüber, wie es sein sollte, als wie es ist. Gleichzeitig ist es natürlich auch eine Aussage darüber, wie es ist, in dem Sinne, dass eine literaturwissenschaftliche Interpretation grundsätzlich dadurch funktioniert, indem sie das Wissen des Lesers erweitert und ihn dadurch auf andere Ideen und Schlüsse kommen lässt. Ich wünsche mir deshalb keine exakte Literaturwissenschaft, die der Gesellschaft gegenüber Erkenntnisfortschritte vorweisen kann, sondern eine bescheidenere Literaturwissenschaft, die darauf vertraut, dass sie viel (auch viel präzises) Wissen schon hat und die versteht, dass es jetzt darauf ankommt, dieses Wissen an die jeweils richtige Stelle zu liefern, damit die Menschen aus ihm lernen können.

 

14. Dez. 2008

© helmut hofbauer 2008