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Dissertation: Bezugspunkt Gesellschaft

Liebe Leserinnen und Leser!

Diesen Text lasse ich Euch noch eine Weile, weil der der beliebteste bei Euch von allen meinen Texten über Interkulturelle Kommunikation ist.
Dennoch möchte ich darauf hinweisen, dass auch dieser Text seit kurzem in korrigierter Form in meinem Buch

Interkulturelle Kommunikation - philosophisch betrachtet. Eine (Her-)Ausführung aus der Interkulturellen Kommunikation

zu finden ist!

Mit freundlichen Grüßen
Helmut Hofbauer

 

Gedanken ausgelöst durch die Beschäftigung mit Geert Hofstedes Kultur-dimension Individualismus - Kollektivismus

 

Jeder, der mich kennt, weiß, dass ich ein großer Anhänger und Verteidiger des Individualismus bin. Das heißt, dass ich das Individuum verteidige und an seine Rechte erinnere, die ihm gegenüber dem Kollektiv zukommen oder zukommen sollten. Aber schon allein der Begriff „Individualismus“ macht mir Probleme, weil ich die Anhänger von –ismen und –lismen für das gerade Gegenteil von Individualisten halte. Das Wort „Individualismus“ scheint mir ein Widerspruch in sich selbst zu sein, weil die Endung –ismus ganz genauso wie bei Begriffen wie „Kommunismus“ oder „Liberalismus“ das Sich-Zusammenscharen großer Menschenmengen rund um eine große, leitende Idee ausdrückt, also genau das, was Individualisten, so sie wirklich welche sind, nie tun würden. Was ich mit dieser Einleitung sagen will ist, dass, wenn man vom Individualismus redet oder wenn ich von ihm rede, von vornherein mit (vielleicht unüberwindlichen) Missverständnissen zu rechnen ist, weil allein schon die unter den heutigen Menschen herrschende Gewohnheit und Neigung zu –ismen, -lismen, -gien und –tümern zeigt, dass individualistische Denkweisen weder sehr verbreitet sind, noch dass man annehmen kann, dass überhaupt irgendjemand von meinen Zeitgenossen wüsste, was Individualismus ist oder, zumindest, was er wäre, wenn man ihn denn ernst nähme.

Zu Beginn von Kapitel 3 seines Buches Lokales Denken, globales Handeln. Interkulturelle Zusammenarbeit und globales Management (dtv, München 2006, 3. Auflage), das den Titel „Ich, wir und sie“ trägt, erzählt Geert Hofstede folgende sehr interessante Geschichte, die ich nun mit eigenen Worten wiedergeben möchte. Ein mittelgroßes schwedisches Technologieunternehmen wird von einem schwedischen Geschäftsmann, der Kontakte nach Saudi-Arabien hat, angesprochen, ob man nicht Interesse an einer geschäftlichen Zusammenarbeit mit einer kleinen saudischen Ingenieurfirma hätte. Das schwedische Unternehmen schickt einen Ingenieur, Hofstede nennt ihn Johannesson, nach Riad, der dort die beiden Leiter der saudi-arabischen Ingenieurfirma, zwei Brüder im Alter von etwa fünfunddreißig Jahren kennenlernt, die mit ihn nur in Gegenwart des schwedischen Geschäftsmannes verhandeln wollen. Johannesson ist die Anwesenheit des anderen Schweden unangenehm, aber er spielt mit. Bei den Verhandlungen wird meistens nicht über Geschäftliches gesprochen, sondern z.B. über Shakespeare, und nach sechs Besuchen von Johannesson in Riad innerhalb von zwei Jahren ist noch immer kein Vertragsabschluss in Sicht. Die Leitung des schwedischen Unternehmens hat schon Zweifel an der Sinnhaftigkeit von Johannessons teuren Reisen nach Saudi-Arabien, da kommt plötzlich eine Nachricht von dort her, ein Vertrag über mehrere Millionen Dollar sei unterschriftsreif. Johannesson fliegt nach Riad, um den Vertrag zu unterzeichnen und stellt dabei fest, dass sich die Haltung der Saudis ihm gegenüber geändert hat: Sie scherzen, sind fröhlich und halten einen Vermittler nicht mehr für notwendig.
Nun kommt der zweite Teil dieser Geschichte: Johannesson wird von seinem Unternehmen wegen des gelungenen Geschäftsabschlusses befördert und kommt dadurch in eine andere Abteilung, ein anderer schwedischer Ingenieur soll von nun an mit den Saudis verhandeln. Da kommt eine Nachricht aus Riad, in der die Saudis drohen, wegen eines Details in den Lieferbedingungen aus dem Vertrag auszusteigen und gleichzeitig bitten, Johannesson möge kommen, um dieses Problem zu beheben. Auf diese Weise machen die Saudis dem schwedischen Konzern klar, dass sie nur mit Johannesson verhandeln wollen, und der schwedische Konzern strukturiert daraufhin den Kompetenzbereich von Johannesson so um, dass dieser auch weiterhin das Geschäft mit den Saudis betreuen kann.

Nach der Lektüre dieser Geschichte war ich sehr verblüfft. Ich wusste natürlich, auf welche Kategorien Hofstede die Leser mit dieser Geschichte vorbereiten wollte. Die Schweden sollten als relativ individualistisches Volk dargestellt werden, die Saudis dagegen als ziemlich kollektivistisches erscheinen. Wie kam es also, dass ich aus dieser Geschichte genau das Gegenteil herauslas? Zum Glück half Hofstede gleich mit den ersten Sätzen der auf diese Geschichte folgenden Erklärungen mir und meinem Kopf auf die Sprünge. Manchmal braucht es eben doch eine gelungene Formulierung, um dem Verstand einen Gedanken klar und unverhüllt vorzustellen. Hofstede schreibt: „Die Schweden und Saudis in dieser wahren Begebenheit haben unterschiedliche Vorstellungen von der Rolle persönlicher Beziehungen bei Geschäften. Für die Schweden werden Geschäfte mit einer Firma gemacht; für die Saudis mit einer Person, die man kennengelernt und zu der man Vertrauen gefasst hat.“ (S. 100)

Genau das ist es! Und jetzt können wir noch einmal die Frage stellen: Wer ist denn hier nun wirklich individualistisch und wer kollektivistisch eingestellt? Die Schweden, die (in ihrem Weltbild) Geschäfte machen mit einer abstrakten Organisation? Oder die Saudis, die Geschäfte mit konkreten Menschen machen wollen? Tatsächlich hatte einem Individualisten wie mir das Herz bereits gelacht, als die Saudis in der Geschichte von dem schwedischen Unternehmen ihren liebgewonnenen Johannesson zurückforderten, der ihnen wegen seines Erfolgs in eine andere Abteilung wegbefördert worden war. So eine Geschichte erfreut einen jeden wahren Individualisten, weil sie einer Eigenschaft widerspricht, welche das Individuum so degradiert und entwertet wie kaum etwas anderes sonst: seine Austauschbarkeit.

Davon ausgehend und damit zusammenhängend kam mir sofort die Idee, dass da wohl etwas verkehrt herum sein muss in Hofstedes Konzepten von Individualismus und Kollektivismus. Aber wie bestimmt Hofstede Individualismus und Kollektivismus eigentlich genau?

„Individualismus beschreibt Gesellschaften, in denen die Bindungen zwischen den Individuen locker sind; man erwartet von jedem, dass er für sich selbst und für seine unmittelbare Familie sorgt. Sein Gegenstück, der Kollektivismus, beschreibt Gesellschaften, in denen der Mensch von Geburt an in starke, geschlossene Wir-Gruppen integriert ist, die ihn ein Leben lang schützen und dafür bedingungslose Loyalität verlangen.“ (S. 102)

Es ist das natürlich grundsätzlich auch gar nicht anders zu erwarten, aber es scheint eben so zu sein, dass Hofstede mit seiner (wissenschaftlichen) Kulturdimension Individualismus versus Kollektivismus vor allem die oberflächliche Meinung der westlichen Welt über den Individualismus nachvollzogen hat. „Lockere Bindungen zwischen den Individuen“ sind kein Individualismus, jedenfalls dann nicht, wenn man den Individualismus ernst nimmt. Wenn Individuen von der Gesellschaft relativ oder fast ganz alleingelassen werden, dann sinkt dadurch ihr Wert, und es verringern sich die Handlungschancen dieser Individuen ganz dramatisch; so etwas Individualismus zu nennen, ist fast ein Hohn (den Individuen gegenüber), besser und passender wäre dafür der Ausdruck „Atomisierung von Individuen“. Unter Individualismus stelle ich mir nicht vor, dass der Wert der Individuen in der Wahrnehmung der Gesellschaft fällt, sondern eher das Gegenteil, dass er steigt und dass die Gesellschaft lernt, das Individuum wahrzunehmen, das heißt es als ein Wesen, das sich von einem anderen Individuum unterscheidet, zu sehen, was wiederum die Voraussetzung dafür ist, dass eine Gesellschaft so etwas wie Rücksicht dem Individuum gegenüber entwickeln kann.Von alledem ist in westlichen Gesellschafen aber keine Spur zu sehen.

Übrigens, Alexander Thomas bezieht sich auf dasselbe Phänomen wie Hofstede in seiner Geschichte vom schwedisch-arabischen Joint-Venture, nur schreibt er die Ursache für das unterschiedliche Verhalten der Grundorientierung der Personenbezogenheit bei den arabischen Geschäftspartnern zu.

"In eher personenorientierten Gesellschaften (Thomas et al. 1998), etwa in arabischen, lateinamerikanischen oder asiatischen Ländern, wird größerer Wert darauf gelegt, zum Verhandlungspartner als Person und nicht nur als Repräsentant der Organisation oder des Unternehmens eine soziale Bindung aufzubauen. [...] Gerade Menschen aus sehr sachorientierten Kulturkreisen wie zum Beispiel Deutschland, fällt dieser erste Kontakt, das Schaffen gegenseitiger Sympathie recht schwer." (Stefan Kammhuber: Kapitel "Interkulturelle Verhandlungsführung", in: Alexander Thomas, Eva-Ulrike Kinast, Sylvia Schroll-Machl (Hg.): Handbuch Interkulturelle Kommunikation und Kooperation. Band 1. Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 2003. S. 293)

Einmal abgesehen davon, dass das interessant ist, wie Individualismus hier problemlos durch Sachorientierung ersetzt werden kann: Die Person ist in den Kulturen der westlichen Welt nicht sehr viel wert; die Sachen sind wichtiger als die Personen. Individualismus und Sachorientierung jedoch, diese beiden gehen nicht zusammen: Wenn jemand sachorientiert ist, wie sollte er dann sein Gegenüber als Individuum - und das ist: als (nicht austauschbare) Person (und nicht als austauschbare Sache) - wahrnehmen können?

Individualismus gibt es in den Ländern Europas und Nordamerikas eigentlich nur in den zwei (negativen) Formen von Atomisierung und Austauschbarkeit von Individuen. Die erste Form ließe sich, stelle ich mir vor, wohl am besten anhand der Wohnformen, anhand der Architektur studieren – und da wiederum am besten in den Vorstädten, wo die Menschen in riesige Wohnblöcke, in kleine Wohnungen als Zellen hineingepfercht werden oder in Reihenhäusern oder Eigenheimen auf Kredit ihr absurdes kleines Glück suchen. Anhand der Architektur könnte man also all die gesellschaftlich organisierten Formen des Nebeneinanderlebens (statt eines Zusammenlebens) erforschen. Die Austauschbarkeit von Individuen tritt uns in vielerlei Formen entgegen, unter anderem wird sie oft in der Kunst thematisiert. Mir ist z.B. noch lebhaft jene Szene aus dem Film „Schmidt“, mit Jack Nicholson in der Hauptrolle, in Erinnerung, wo der pensionierte Schmidt seinem Nachfolger in jenem Versicherungsunternehmen einen Besuch abstattet, von diesem hinauskomplimentiert wird (der will mit ihm nichts mehr zu tun haben) und dann in einem Abstellraum hinter einem Gitter alle seine Sachen sieht, die sein Nachfolger aus seinem Büro hinausgeworfen hat, all die Ordner und Karteikästen, in denen sich natürlich auch das gesamte Wissen befindet, das Schmidt im Laufe seines Arbeitslebens für seine Firma angesammelt hat. Die Aussage dieser Szene ist klar: Schmidt hat sein ganzes Leben vergeudet in seinem Bestreben, für sein Unternehmen etwas Wichtiges zu leisten, was von seinem Unternehmen jedoch ganz und gar nicht in der Weise wahrgenommen und anerkannt worden ist – die weggeworfenen Sachen in dem Abstellraum beweisen das überdeutlich.

Misshandlungen des Individuums durch die Gesellschaft werden z.B. in den Romanen des niederösterreichischen Schriftstellers Gernot Wolfgruber dargestellt, die ich sehr schätze. Es geht in ihnen um Lehrlinge, die wie der letzte Dreck behandelt werden, wodurch die Gesellschaft ihnen zeigt, dass sie aufgrund ihrer gesellschaftlichen Stellung tatsächlich nichts sind; in dem Roman „Herrenjahre“ geht es um einen Menschen, der wirtschaftlich völlig abstürzt, nachdem er das erste größere wirtschaftliche Projekt seines Lebens, einen Hausbau, zu realisieren versucht, weil er es gar nicht versteht, sich in er bürgerlichen Welt (mit ihren Erfordernissen bezüglich Wissen über Geld, Verträge, Investitionen, Schulden, Steuern und Gesetze) zu bewegen; im Roman „Niemandsland“ geht es darum, wie ein Mensch sich nach seinem gesellschaftlichen Aufstieg vom Arbeiter- ins Angestelltenmilieu in einem sozialen Niemandsland wiederfindet, in welchem er alle seine menschlichen Bezugspersonen von früher verloren hat ohne dafür neue zu gewinnen.

Ein recht deutliches Zeichen für das Fehlen von Individualismus in unseren westlichen Gesellschaften scheint mir auch die Notwendigkeit der Existenz von Prominenz und Celebrities in Zeitschriften und Fernsehen zu sein. Die Tatsache, dass jemand erst prominent sein muss, um von der Öffentlichkeit mit Interesse betrachtet zu werden, zeigt doch recht gut, dass man in unserer Gesellschaft etwas mehr als ein Mensch sein muss, etwas mehr als ein Individuum, um zu zählen.

Alles dieses bedeutet auf der anderen Seite nicht, dass ich mit meinen Sympathien eher auf der Seite dessen stehen würde, was Hofstede „Kollektivismus“ nennt, nein, das nicht, ich will nur soviel sagen, dass es in Hofstedes Geschichte verblüffend ist, wie die angeblich kollektivistische Kultur Saudi-Arabiens auf der Individualität des schwedischen Ingenieurs Johannesson besteht und damit etwas tut, was wir uns unter Kollektivismus gar nicht vorstellen würden. Gewöhnlich stellen wir im Westen uns unter Kollektivismus ja eher so etwas vor wie Armeen von grauen Arbeitern oder Soldaten, wo es gar nicht auffällt, wenn ein Mensch stirbt und dann fehlt, weil nur das Kollektiv zählt und der Einzelne nicht.

Man kann annehmen, dass das Konzept des Kollektivismus bei Hofstede ebenso wie das des Individualismus den gesellschaftlichen Vorurteilen der westlichen Welt entlehnt ist und sich bei genauerem Hinsehen als etwas einseitig erweisen wird, aber das interessiert mich nicht besonders, weil mich der Kollektivismus nicht interessiert. Mich bringt es nur auf, wenn die Länder der westlichen Welt als individualistisch bezeichnet werden, weil in unserer westlichen Kultur des: „Dieses Produkt haben wir exklusiv für Sie entwickelt – und für die übrigen 10 Millionen unserer Kunden“ nichts so wenig ernst genommen wird wie das Individuum. Der Individualismus ist bei uns höchstens so etwas wie eine rhetorische Ebene, etwas, das fortwährend angerufen und hochgepriesen wird, während man ihm in Wirklichkeit überall entgegenhandelt.

Selbstreflexion – was ist dies nun eigentlich für eine Analyse?

Was ich hier vorgebracht habe, kann natürlich in keiner Weise eine Kritik an Hofstede sein, weil es Hofstede in seinen Untersuchungen ja nicht darum gegangen ist, das Wesen des Individualismus zu ergründen, sondern er ganz einfach den Individualismus als Kulturdimension passend definiert hat, um damit seine empirischen Forschungsergebnisse auswerten zu können. Nein, diese Analyse ist bloß ein typisches Beispiel dafür, was passiert, wenn sich ein Philosoph mit Gegenständen außerhalb seines angestammten Fachbereichs auseinandersetzt: Kategorisierungen werden infragegestellt, Analyseraster zerfallen, und wie so oft schon habe ich wieder einmal die Erfahrung gemacht, dass von vielem, das behauptet wird, auch das Gegenteil wahr sein könnte.

 

4. März 2007

© helmut hofbauer 2007